Roter Knopf: Taktikcoup oder Zuschauerbetrug?
Von der Vierschanzentournee berichtet Rainer Nachtwey
Garmisch-Partenkirchen - Es war schon ein bisschen bizarr.
Simon Ammann setzte seinen Sprung auf 139 Meter. Die Fans jubelten dem Schweizer zu, er selbst freute sich ausgelassen über seinen Sprung. 139 Meter waren fünf Springer vor Ende des zweiten Durchgangs beim Auftaktspringen in Oberstdorf Bestweite. Eine 18,5, eine 17,5 und eine 17,0 bildeten die Haltungsnote. ( Bericht: ÖSV-Adler drückt der Stöckl-Schuh)
Umso verständlicher war es, dass Ammann ein sehr verdutztes Gesicht machte, als die Platzierung aufleuchtete: 2.
Und auch ein Raunen ging durch die Zuschauerränge an der Schattenbergschanze. In Führung lag stattdessen Dimitri Wassiljew, einen halben Meter kürzer gesprungen, dabei fast gestürzt, deshalb mit schlechteren Haltungsnoten bewertet. (DIASHOW: Die Bilder des Springens)
Windpunkte machen Unterschied
Das, was den Unterschied pro Wassiljew ausmachte, waren die zusätzlichen Windpunkte.
Ammann hatte während seines Sprunges ein Meter pro Sekunde mehr Windunterstützung als der Russe, ihm wurden daher neun Punkte abgezogen. Die wechselnden Bedingungen werden durch Punkte ausgeglichen, früher war es einfach nur Glück und Pech.
"Bei solchen Bedingungen hätten wir vor sechs Jahren kein Springen beenden können", sagte deshalb auch Michael Neumayer.
Eine faire Lösung
Das Kuriose: Zwei Springer später landete Severin Freund bei 135,5 Metern, kürzer als Ammann, noch einmal 0,2 m/s Aufwind mehr als Ammann, erhielt für seinen Sprung aber mehr Punkte als Wassiljew.
Freund war allerdings von drei Luken weiter unten in die Anlaufspur gegangen, erhielt dafür zusätzliche 11,1 sogenannte Gate-Punkte. Die Jury hatte auf den stärkeren Aufwind reagiert, die Anfahrt verringert, damit die Athleten nicht in den Radius, den immer flacher werdenden Bereich des Aufsprunghügels springen.
Eigentlich eine faire Lösung, um auf alle witterungsbedingten Einflüsse im Skisprung reagieren zu können. Für den Zuschauer an der Schanze allerdings schwer zu verstehen. Der weiteste Sprung bedeutet nicht mehr zugleich die Führung.
Zerknirschter Ammann
Zumal auch die Trainer durch einen roten Knopf eingreifen können, wie die Jury den Anlauf verkürzen können.
Ammann gab sich deswegen zerknirscht: "Die anderen haben von meinem weiten Sprung profitiert."
Und auch Bundestrainer Werner Schuster stimmte Ammann zu. "Zum Ende des zweiten Durchgangs war es so, dass konstanter Aufwind herrschte", sagte der Österreicher. "Da ist es für einen Topspringer natürlich ein Vorteil, wenn er von weiter unten wegfährt, weil er dann immer noch auf die gleiche Weite kommt."
Unglücklicher Schuster
Die neue Regel, dass die Trainer in den Wettkampf eingreifen können, missfällt Schuster allerdings.
"Ich bin nach wie vor nicht glücklich damit, dass man die Verantwortung abgeschoben hat. Ich bin nach wie vor der Meinung, das ist Sache der Jury. Das sind hochkompetente Leute, die dieses Knowhow haben und auch haben müssen, um diese Entscheidung zu treffen."
Vor allem Österreichs Cheftrainer Alexander Pointner hatte in den Weltcups vor der Tournee damit experimentiert, seine Springer immer wieder aus einer Luke tiefer losgeschickt ( DATENCENTER: Die Vierschanzentournee).
Taktikkniff statt Sicherheitshilfe
Was als Sicherheitshilfe für die Trainer gedacht war, ist nun zu einer Art Taktikkniff verkommen.
"Gedacht war die Regel zur Erhöhung der Sicherheit, aber sie ist auch eine interessante taktische Sache", gibt auch FIS-Renndirektor Walter Hofer zu. "Der Trainer geht allerdings ein hohes Risiko ein, wenn er sie so einsetzt."
Für Schuster ist das Eingreifen auch ein Betrug am Zuschauer. "Die Leute, die teure Tickets kaufen, haben auch das Recht, die Springer richtig weit springen zu sehen", sagte der DSV-Coach.
DSV-Coach im Zwiespalt
"Das ist das ein tolles Erlebnis für die Leute aber auch für den Sportler", führte Schuster weiter aus. Dieses Gefühl, in einen Weitenbereich vorzustoßen, den der Springer eher selten erreicht, würde zusätzlich beflügeln.
"Wenn ich dann zwei Luken weiter runter gehe, ist er zwar vielleicht drei Plätze weiter vorne", meinte Schuster, dieses Erlebnis bliebe ihm aber verwehrt. "Ich bin da ein bisschen im Zwiespalt."
Sobald es aber um die Gesundheit seiner Springer geht, gibt es für Schuster kein Entweder-Oder. "Wenn es wirklich gefährlich werden würde, würde ich sofort eingreifen."
Auch Diskussion um Anzüge
Aber nicht nur roter Knopf, Wind- und Gate-Punkte sorgen für Diskussionsstoff. Die veränderten Anzüge bereiten den Athleten großes Kopfzerbrechen. Vor dem Saisonstart wurde die Toleranzgrenze der Sprunganzüge von sechs auf zwei Zentimeter verringert.
Beim Springen in Oberstdorf erwischte es Tournee-Mitfavorit Andreas Kofler. Der Österreicher wurde aufgrund einer zu weiten Taille disqualifiziert.
"Ich hatte das Gefühl, dass mit dem Anzug alles okay ist, aber am Bauch hat es nicht gepasst. Die Vierschanzentournee kann ich jetzt natürlich abhaken", gibt sich der Sieger von 2011 geknickt.
(STATISTIK: Die Tournee-Gesamtwertung)
Weltverband ohne Gnade
Der Weltverband kennt bei Abweichungen keine Gnade. "Es macht schon allein aus physikalischer Sichtweise etwas aus, ob ein Anzug mehr Fläche und damit eben mehr Auftrieb bietet", sagte FIS-Materialkontrolleur Sepp Gratzer.
Um den Vorteil der größeren Tragfläche gehen die Athleten ans Illegale heran. "Jeder Zentimeter mehr ist ein Vorteil. Jeder versucht, ans Limit zu gehen", sagte Norwegens Cheftrainer Alexander Stöckl.
Und ÖSV-Coach Pointner meinte: "Der Stoff dehnt sich, und man weiß nicht, wie schnell das zurückgeht." Severin Freund hat daher nur eine Lösung. "Da hilft nur häufig, häufig kontrollieren", sagte die deutsche Tournee-Hoffnung. "Das ist mittlerweile schon eine hochkomplexe Sache."
Nicht nur die Anzüge, auch die Bewertung der Sprünge. Am weitesten allein reicht eben nicht mehr.


