Schlieri solo gegen neue Macht - Freund optimistisch
Von der Vierschanzentournee berichtet Rainer Nachtwey
Garmisch-Partenkirchen - Gregor Schlierenzauer war kurz angebunden.
Mit einem knappen "See you" verabschiedete er sich von Anders Jacobsen und Andres Bardal auf der Pressekonferenz nach dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen.
Das Verhältnis zwischen dem Österreicher und seinen norwegischen Konkurrenten ist angespannt. Nicht nur der Wunderschuh, der dem Tournee-Gesamtführenden Jacobsen offenbar einen Vorteil verschafft, schlägt Schlierenzauer auf die Stimmung ( Bericht: ÖSV-Adler drückt der Stöckl-Schuh).
Enttäuscht vom Ergebnis
"Der Zweite ist der erste Verlierer", sagte der Titelverteidiger, nach seinem zweiten zweiten Platz auf der Olympiaschanze. "Das ist schon eine kleine Enttäuschung."
Der Gesamtweltcup-Führende geht im Duell mit Jacobsen um den Tournee-Gesamtsieg als Jäger in die beiden Heimspringen, die am Donnerstag (ab 13.30 Uhr im LIVE-TELEGRAMM) in Innsbruck an seiner Hausschanze am Bergisel ihren Auftakt nehmen ( STATISTIK: Die Tournee-Gesamtwertung).
"Wir kommen jetzt zu unseren Heimstätten und werden unsere Stärke zeigen", gibt sich der nur 15 Kilometer von der Schanze entfernt wohnende Stubaier angriffslustig. "Da weiß ich, wie man zu springen hat."
Hoffnung auf die Heimat
In der Heimat hofft Schlierenzauer auch auf die Unterstützung seiner Teamkollegen, zum Beispiel von Andreas Kofler und Thomas Morgenstern. Beide waren vor dem Auftakt in Oberstdorf als Mitfavoriten gehandelt worden.
Doch die Österreicher, die die letzten Jahre immer die dominierende Mannschaft im Weltcup waren, haben auf deutschem Boden schwer enttäuscht. Schlierenzauer ist als einziger ÖSV-Adler in den Top Ten der Tournee-Wertung vertreten ( DATENCENTER: Die Vierschanzentournee).
2011-Sieger Morgenstern, 2010-Sieger Kofler, und 2009-Sieger Wolfgang Loitzl haben mit der Tournee-Gesamtwertung nach jeweils einem verpatzten Sprung bzw. einer Disqualifikation abgeschlossen.
Morgenstern hakt die Tournee ab
"Unter diese Tournee mach' ich ein Hakerl", hatte Morgenstern bereits nach seinem 40. Platz und dem verpassten Final-Durchgang in Oberstdorf aufgegeben.
Zwar verspürte Schlierenzauer keine schlechte Stimmung im Team, erkannte aber schon "eine andere Situation als im letzten Jahr". Da hatten die ÖSV-Adler mit vier Siegen in vier Springen und einem rein österreichischen Gesamtpodest alles abgesahnt (DIASHOW: Die Bilder des Springens).
Das Tief schlägt sich auch bei Coach Alex Pointner nieder, der am Neujahrstag die Punktrichter aufs Heftigste kritisierte. "Da weiß ich nicht, ob der eine oder andere gestern zu lange ausgegangen ist. Es hat Riesenunterschiede in der Benotung gegeben." Aktuell: Roter Knopf - Taktikcoup oder Zuschauerbetrug?
Norweger sind bester Laune
Und fügte hinzu: "Wenn ich so ein Fehlverhalten im Straßenverkehr zeigen würde, würde man mir den Führerschein abnehmen."
Bei den Norwegern herrscht dagegen eitel Sonnenschein und eine Mannschaftsstärke wie sie in den vergangenen Jahren eben nur bei den Österreichern zu sehen war. Überflieger Jacobsen gelingt derzeit alles.
Selbst bei seinem ersten missglückten Sprung in Garmisch, als er sich "auf die Skienden gestiegen ist" und deshalb kurz vor dem Absturz stand, von einer Seite zur anderen pendelte.
Schrecksekunde bei Stöckl
"Da ist mir das Herz in die Hose gerutscht", sagte Norwegens österreichischer Coach Alexander Stöckl. "Ich dachte: Das war es dann, jetzt fährt er bei 110 Metern die Schanze runter. Dass er das dann noch austariert, ins Fliegen kommt und noch 131 Meter springt, das ist eine Klasse für sich."
Noch größere Klasse war sein zweiter Sprung auf 143 Meter, nur einen halben Meter unter dem Schanzenrekord. "Das war wohl mein bester Sprung überhaupt", sagte Jacobsen, nachdem er sich noch von Rang neun aus ganz nach vorne geschoben hatte.
Jacobsen und Schlierenzauer werden den Gesamtsieg unter sich ausmachen.
Jacobsen genießt die Drucksituation
Nach seinen Leistungen in Oberstdorf und Garmisch ist der Norweger der Topfavorit, nicht Schlierenzauer, der zwar immer noch in einer starken Form springt, aber solch außergewöhnliche Sprünge wie Jacobsen derzeit nicht in den Schnee setzen kann.
"Ich fühle den Druck, der Führende zu sein, aber es fühlt sich gut an", gibt sich Jacobsen gelöst und locker.
Während Jacobsen (586,3) und Schlierenzauer (573,8) laut Bundestrainer Werner Schuster in einer anderen Liga springen, geht es hinter dem Führungsduo um den letzten Podestplatz sehr eng zu.
Auch weil mit Kofler, Morgenstern, Loitzl und dem viermaligen Olympiasieger Simon Ammann gleich vier Kandidaten aus dem Rennen um den Gesamtsieg sind.
Spitze dicht gedrängt
Jacobsens Landsmann Tom Hilde als Dritten (547,7) und den Fünften Severin Freund (542,7) trennen lediglich fünf Punkte, und auch Bardal ist mit 534,1 Zählern noch auf Stockerl-Kurs.
"Wir werden alles daransetzen, um zumindest den dritten Gesamtrang nach Hause zu bringen", gibt Schuster die Zielvorgabe für die letzten beiden Springen aus.
Für das Springen am Bergisel ist Freund guter Dinge. "Vom Profil her ist Innsbruck eine Schanze, die mir sehr, sehr liegt", sagt der Gesamtweltcup-Zweite.
Unter Beweis stellen konnte er das im vergangenen Jahr allerdings nicht. 2012 verspielte er in Innsbruck mit einem 21. Platz die letzte Hoffnung auf ein Top-Drei-Ergebnis bei der Tournee.
Für Freund aber ein Grund mehr durchzustarten: "Das ist auf jeden Fall ein Anreiz, es dieses Mal besser zu machen."


