Schlag für Jacobsen: Schlierenzauer plant K.o.
Von der Vierschanzentournee berichtet Rainer Nachtwey
Innsbruck - Gregor Schlierenzauer stand oben am Auslauf, reckte die Sprungskier gen Himmel, strahlte über das ganze Gesicht und saugte die beeindruckende Atmosphäre am Bergisel auf.
Mit zwei herausragenden Sprüngen hatte der nur 15 Kilometer von der Schanze entfernt wohnende Stubaitaler soeben seinen ersten Sieg bei der Vierschanzentournee klargemacht ( Bericht).
Aber es war nicht nur der Triumph, der den Titelverteidiger so jubeln ließ, auch die Demonstration seiner Stärke und die Übernahme der Führung in der Tournee-Gesamtwertung.( STATISTIK: Die Tournee-Gesamtwertung)
"Für solche Momente arbeitet man sein ganzes Sportlerleben", beschrieb der nun 44-fache Weltcup-Gewinner seine Gefühle.
"Das war schlecht"
Nur wenige Minuten zuvor hätte sich sein Konkurrent um den Gesamtsieg, Anders Jacobsen, genau an Schlierenzauers Jubelstätte am liebsten im Schnee vergraben.
Versunken, zusammengekauert saß der Norweger da, hatte mit versteinerter Miene auf die Anzeigetafel geschaut, die ein für ihn grausames Ergebnis wiedergab. 117,5 Meter, was insgesamt nur 230,5 Punkte bedeutete.
"Das war schlecht von mir. Ich war angespannt. Der Bessere hat gewonnen", resümierte Jacobsen nur knapp.
Jacobsen angeschlagen
Schlierenzauers überragender erster Sprung auf 131,5 Meter bei verkürztem Anlauf hatte Jacobsen vor dessen zweitem Sprung unter Druck gesetzt.
23,2 Zähler verlor der Sieger von Oberstdorf und Garmisch in einem Springen auf Schlierenzauer. Aus einem 12,5-Punkte-Vorsprung wurde ein Rückstand von 10,7 Zählern.
"Sie waren definitiv angeschlagen. Das fällt auf, wenn man solche Erfahrungen macht", beschrieb Schlierenzauers Cheftrainer Alexander Pointner die Stimmung im gegnerischen Team und zog einen Vergleich:
"Von einem absoluten Hochgefühl in so eine Situation zu kommen, das haut einen um. Das ist vergleichbar, wie wenn der Klitschko sich locker durch die Runden boxt und dann bekommt er eine volle Gerade. Dann kann er auch nicht mehr lächeln, sondern muss erst einmal schauen, dass er sich wieder fängt."
Psychologischer Vorteil bei Schlierenzauer
Vor dem letzten Springen am Drei-Königs-Tag in Bischofshofen (Quali ab 16 Uhr im LIVE-TELEGRAMM) liegt der psychologische Vorteil nun klar auf Schlierenzauers Seite.
Nach dem Gesamtsieg im vergangenen Jahr ist der Druck längst von ihm abgefallen, und nach den beiden zweiten Plätzen, die für den erfolgsverwöhnten Überflieger wie Niederlagen wirkten, hat er es nun selbst in der Hand.
Und Schlierenzauer weiß das.
"Ich habe einen riesen Vorteil, weil ich sehr konstant bin. Weil ich weiß, dass meine Sprünge derzeit sehr gut funktionieren", beschrieb er die Ausgangsposition vor dem Springen auf der Paul-Ausserleitner-Schanze.
"Bua, bleib' bei dir"
Schlierenzauer lässt sich nicht verrückt machen. Bereits bei seinem letzten Sprung bewahrte er kühlen Kopf.
Statt sich von Jacobsens missglücktem Sprung beeinflussen zu lassen, fokussierte er sich ganz auf seinen Sprung.
"Mir haben zwar die Leute oben am Anlauf gesagt, wie weit der Anders gehüpft ist: '117, nur 117'. Ich habe mir zwar gedacht, entweder haben sie sich verredet oder dem ist wirklich der Fall", beschrieb der Führende im Gesamtweltcup die letzten Minuten vor seinem entscheidenden Sprung.
"Aber dann habe ich nur den Kopf geschüttelt und mir gesagt: Bua, bleib' bei dir. Es is no lang nit ois gessen. Konzentrier' di", fuhr Schlierenzauer in seinem Tiroler Dialekt fort.
Schuster glaubt an "Schlieri"
Für Bundestrainer Werner Schuster ist sein ehemaliger Schützling auf dem Skiinternat Stams nicht erst durch den Sieg am Bergisel der Favorit. "Das habe ich bereits davor gesagt", meinte der Österreicher.
Und Schusters Kollege Pointner ist sich sicher, dass "der Gregor sich das nicht mehr nehmen lässt. Herschenken tut er sowieso nichts. Meiner Meinung nach ist er der kompletteste Springer mit der meisten Erfahrung".
Schlierenzauer geht voller Selbstvertrauen ins Abschlussspringen. "Die Konstanz ist gut, die Form ist sehr gut. Seit Engelberg war ich nie schlechter als Rang zwei", sagte er und sieht einen weiteren Vorteil auf seiner Seite.
"Es ist sicherlich nicht schlecht, eine österreichische Schanze zu haben, bei der ich weiß, wie man springen muss."
Bischofshofen wie Garmisch
Allerdings sind sich Pointner und Schuster bewusst, dass es noch eng werden könnte.
"Bischofshofen ist mehr eine Fliegerschanze, ähnlich wie Garmisch. Da kann man mit einem Sprung nicht wie in Innsbruck nur zwei, drei Meter rausholen, sondern acht, zehn Meter", sagte Schuster:
"Und dass er fliegen kann, hat der Jacobsen bewiesen."
"Eine echte Sportgröße"
Zwar wirkte Jacobsen nach der Enttäuschung geknickt, aber Pointner bemerkte: "Der Jacobsen ist ein absolut cooler Gegner. Er ist eine echte Sportgröße."
Auch die Wetterverhältnisse könnten noch Probleme bereiten. "Letztes Jahr hat man gesehen, dass die Bedingungen extrem schwierig sein können, man genauso auf dem Vorbau landen kann", so Schlierenzauer.
Und dann sind 10,7 Punkte sehr schnell verspielt. Schlierenzauer und Jacobsen wissen das nur zu genau.


