Materialkrieg im Skisprung: "Wir Deutsche sind fair"
Von der Vierschanzentournee berichtet Rainer Nachtwey
Innsbruck - Anzüge, Schuhe - derzeit wird viel über die Ausrüstung der Athleten bei der Vierschanzentournee gerätselt.
Was bringt der Stöckl-Schuh? Wer hat den Sprungstiefel wie weiterentwickelt? Wie sind die Anzüge vernäht?
Im Skisprung-Sport ist ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Sotschi ein Wettrüsten entbrannt.
"Ich würde von einem Materialkrieg sprechen", sagte Bundestrainer Werner Schuster am Rande des dritten Springens in Innsbruck.
"Das ist ein Materialkrieg, speziell bei den besten Nationen. Es geht um viel Geld, um Prestige, da wird viel investiert", führte der Österreicher in Diensten des DSV aus.
"Wir sind alle gefragt"
Durch die Regeländerungen vor der Saison wie unter anderem beim Anzug - statt zuvor sechs beträgt die Toleranzgrenze nur noch zwei Zentimeter zwischen Sprunganzug und Haut - bewege sich der Skisprungsport am Limit.
"Es gibt in allen Bereichen einen Vorteil herauszuholen."
Daher fordert Schuster Regeländerungen, die dem Wettrüsten ein Ende bereiten: "Die internationale Skifamilie, wir alle sind gefragt, eine bessere Lösung zu finden."
"Es war ein halbes Jahr fair"
Vor allem die Entwicklung, dass nur noch die großen Nationen in der Lage sind, die Weiterentwicklung des Materials voranzutreiben, bereitet dem DSV-Coach Sorgen.
"Es war ein halbes Jahr fair, würde ich sagen. Das war im Sommer", sagte Schuster und bezog sich damit auf die Zeit, als die Anzüge direkt auf der Haut anliegen mussten, keine Toleranzgrenze vorgesehen war.
Erst nach Einspruch zahlreicher Topathleten war im Oktober der Spielraum vergrößert worden.
"Da waren die Franzosen dabei, da waren Amerikaner dabei. Da war das Feld noch dichter. Seit diesen zwei Zentimetern ist wieder ein Materialkrieg im Gange. Jetzt können es sich fast nur noch die großen Nationen das Mitrüsten leisten."
Auch der DSV rüstet nach
Dies sei bei Nationen festzumachen, die zu Saisonbeginn als Mannschaft noch hinterher gesprungen waren, nach einer Auszeit aber als Siegkandidaten zurückgekehrt waren, argumentierte Schuster.
"Das kannst du nur in Symbiose lösen - mit Technik und Material."
Gleichzeitig gab der deutsche Cheftrainer aber zu, dass auch im DSV-Team an individuellen Verbesserungen am Material gearbeitet werde.
"Es ist auf jeden Fall ein Bewegen am Limit", meinte der Coach: "Wir alle sind gefordert, das noch transparenter zu machen."
Schuster fordert bessere Kontrollen
Als ersten Ansatzpunkt nannte Schuster eine verbesserte Prüfung bei den Sprunganzügen. Derzeit kümmert sich nur ein einziger Mann um die Materialkontrolle, der Österreicher Sepp Gratzer.
"Es ist unmöglich für einen Mann, der seine Sache hervorragend macht, diese Vorschriften zu überprüfen", meinte der 43-Jährige und stellte einen Vergleich an.
"Das ist wie bei einem Lehrer mit einer Klasse von 70 Schülern. Der kann nicht immer auf 70 Schüler schauen. Wenn einer tuschelt, wird er erwischt, aber wenn es einer geschickt macht, wird er schwindeln können. Das heißt jetzt aber nicht, dass gemogelt wird."
Daher fordert Schuster eine Aufstockung der Kontrolleure, die an verschiedenen Orten prüfen: "Das würde das ganze viel engmaschiger machen und definitiv für eine höhere Trefferquote sorgen."
Pointner fühlt sich "verloren"
Österreichs Cheftrainer Alexander Pointner pflichtete seinem Landsmann bezüglich des Materialkriegs bei, vermisste aber die Unterstützung seitens des DSVs, als er diese Verhältnisse während der Debatte um den Stöckl-Schuh angeprangert hatte.
"Wir haben die letzten Tage Anspielungen dazu gemacht. Komischerweise hat man in anderen starken Nationen wie Deutschland gar nicht darüber gesprochen", sagte Pointner bei SPORT1: "Da fühlt man sich dann schon ziemlich verloren."
Aufregung zu spät?
Zudem zeigte sich der Erfolgscoach vom Zeitpunkt überrascht ( STATISTIK: Die Tournee-Gesamtwertung).
"Es ist interessant, dass Schuster das jetzt bei der dritten Station groß zum Thema macht. Für mich - und sicherlich für ihn auch - war das schon in Oberstdorf der Fall, dass man gewisse Sachen wahrgenommen hat."
Kein Betrug beim DSV
Wahrgenommen hatte Materialkontrolleur Gratzer beim Auftaktspringen jedoch einen Verstoß in Pointners Team, den des Österreichers Andreas Kofler, der an der Taille die zwei Zentimeter Toleranzgrenze überschritt.
"Es ist ein Krieg im Gange, dass man das Maximale ausreizt. Aber manchmal wird die Grenze vielleicht überschritten", sagte Schuster, warf aber keiner Nation Betrug vor.
"Wer nicht fair ist, weiß ich nicht. Vielleicht sind auch alle fair", führte er weiter aus.
Nur bei einer Nation legte er sich fest: "Wir sind Deutsche und wir sind fair."


