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Mirko Lüdemann-Kölner Haie-Porträt
Verteidiger Mirko Lüdemann spielt seit 1993 für die Kölner Haie © getty

Düsseldorf und Köln - Mirko Lüdemann steht mit 41 noch immer auf dem Eis. Bei SPORT1 spricht der Kölner über Zukunftspläne und Probleme des Eishockeys.

Von Andreas Reiners

Als Mirko Lüdemann seine Karriere bei den Kölner Haien begann, gab es die Deutsche Eishockey Liga (DEL) noch gar nicht. Bill Clinton war US-Präsident, Berti Vogts Fußball-Bundestrainer und Alain Prost Formel-1-Weltmeister.

1993 war das. Eine halbe Ewigkeit ist das her. Eine halbe Ewigkeit vor allem in einem so körperlich anspruchsvollen Sport wie dem Eishockey. Erst ein Jahr später wurde die DEL gegründet, und Lüdemann ist seitdem ein ständiger Wegbegleiter.

Für den früheren Haie-Geschäftsführer Thomas Eichin, inzwischen Manager beim Fußball-Bundesligisten Werder Bremen, ist Lüdemann "eine lebende Legende", für DEL-Geschäftsführer Gernot Tricke "das Gesicht der ganzen Sportart".

Rekordspieler der DEL

Doch genau da liegt das Problem: Der 41-Jährige spielt mittlerweile seine 22. Saison in Köln, hat 14 Trainer erlebt und 1164 Spiele absolviert - das ist Rekord.

Das Gesicht Lüdemanns, vor dem in Sachen populäre Sportler in Köln wohl nur Lukas Podolski rangiert, dürften aber nur die wenigsten in Deutschland kennen.

Was wiederum am heutigen Stellenwert der gesamten Sportart liegt, die in Deutschland eine wichtige Nische, aber eben nun mal nur eine Nische einnimmt.

Ein wichtiger Meilenstein war da das 2. Winter Game in Düsseldorf, das Lüdemann mit den Kölner Haien zwar 2:3 gegen die DEG verlor. Doch das Spektakel hat das Eishockey zumindest für einen Tag wieder ins Rampenlicht gerückt.

Ausgewachsene Krise

"Für das Eishockey ist es ganz nett, damit es aus seinem Dornröschenschlaf hinter dem Fußball erwacht. Dort werden solche Events ganz anders aufgezogen. Wir sind froh, dass wir da mal ein bisschen gleichziehen konnten", sagt der Routinier im Gespräch mit SPORT1 vor dem Heimspiel gegen Augsburg.

Das Winter Game dient ihm als Ansatz, wie man den Stellenwert des Eishockeys womöglich dauerhaft anheben kann. "Man versucht sich ständig zu verbessern, aber es ist schwer, sich gegen den Fußball zu etablieren. Es muss medial mehr gemacht werden, damit die Sportart in der Öffentlichkeit noch mehr verbreitet werden kann", meint er.

Sein Appell kommt nicht von ungefähr. Das deutsche Eishockey befindet sich in einer ausgewachsenen Krise, Bundestrainer Pat Cortina steht unter Druck: Olympia wurde verpasst, bei der WM 2014 landete die DEB-Auswahl nach fünf Niederlagen in sieben Spielen nur auf Platz 14., der von Cortina betreute Nachwuchs erlebte zuletzt bei der U20-WM mit dem Abstieg ein Desaster.

"Die Nachwuchsarbeit fängt schon in den Vereinen an. Man muss unten anfangen und den Nachwuchs kontinuierlich nach vorne bringen. Doch wenn es da schon scheitert, wird es bei den Männern umso schwieriger", sagt Lüdemann und forderte, dass man vor einer WM den Ball flach halten und schauen solle, dass man in der Weltgruppe bleibe und nicht direkt wieder Medaillenplätze anvisiere.

Identifikationsfiguren fehlen

Ein weiterer Punkt: Die Liga braucht mehr Identifikationsfiguren. "Das würde sicher helfen, die Fluktuation in den Vereinen ist aber so groß, dass es schwierig ist, bestimmte Figuren zu finden, um den Sport nach vorne zu bringen", schildert der 132-malige Nationalspieler.

Er ist solch eine Figur. Kein Lautsprecher, sondern angenehm unaufgeregt. Mit sechs Jahren kam er ins DDR-Sportförderprogramm, die ersten Schritte auf dem Eis erlernte er in seiner Heimatstadt Weißwasser. Es wurde damals knallhart ausgesiebt, von teilweise 100 Kindern eines Jahrgangs blieben am Ende zwei Spieler übrig. Lüdemann setzte sich durch.

Nach der Wende ging es mit 17 weg von Zuhause, neue Erfahrungen sammeln, den Horizont erweitern. Lüdemann wagte den Sprung in die kanadische Juniorenliga zu den Oil Barons im Fort McMurray.

Doch es hielt ihn dort nur zwei Jahre, er wartete nicht auf eine Chance in der NHL, den ganz großen Wurf. Das Zeug dazu hätte er gehabt. Vielleicht aber nicht den letzten Biss. Für seine Rückkehr nach Deutschland erntete er auch Kritik.

Früher spielten selbst Busfahrer

Doch Lüdemann war immer glücklich in der DEL, wie er sagt. Die Liga sei mit den Jahren besser geworden, ausgeglichener. Früher war es bisweilen abenteuerlich. "Man ist professioneller geworden. Man sieht zum Beispiel keine Busfahrer mehr, die mitspielen, wie das früher der Fall war."

Die Haie gaben ihm eine Heimat, er ihnen seine Hingabe und Leistungsbereitschaft. Daraus entstand eine Bindung, wie sie in der heutigen Zeit selten geworden ist.

In den folgenden Jahren spielte er sich zur Ikone des Klubs, zum Aushängeschild der Haie und der gesamten Liga. Kein Wunder, dass seine Rückennummer 12 in Köln nach seinem Rücktritt nicht mehr vergeben werden soll.

Hilfe nach der aktiven Karriere

Eigentlich wäre es auch nur folgerichtig, wenn er nach seiner aktiven Karriere mithilft, die Sportart nach vorne zu bringen. "Ich habe mir schon Gedanken gemacht, aber da ist noch nichts spruchreif. Aber wenn das gewollt ist, steht man natürlich gerne zur Verfügung", sagt er.

Bis dahin ist es noch ein wenig hin. Denn Lüdemann ist fit. Auch mit 41 noch. Wie er das macht? "Das weiß ich auch nicht", meint er und lacht. Es dürfte wohl einer Mischung aus guten Genen, einem früheren Einstieg ins Training im Sommer und seinem starken Stellungsspiel geschuldet sein.

Und er hat noch ein Ziel. "Zum Abschied noch mal Deutscher Meister werden, das wäre was", sagt er. 2013 und 2014 war er ganz nah dran. In dieser Spielzeit versprühen die Haie jedoch wenig Biss, sind als Zehnter (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle) weit von ihrer Titelform entfernt.

Doch Lüdemann hat vorgesorgt. Im Dezember verlängerte er seinen Vertrag noch mal um ein Jahr. Er hat noch lange nicht genug.

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