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Canada v Latvia - 2015 IIHF Ice Hockey World Championship
Kanada und Sidney Crosby wollen mit aller Macht die Goldmedaille © Getty Images

In den vergangenen Jahren scheitert Kanada oft an sich selbst. Bei dieser Weltmeisterschaft ist der Kader mit allen Stars um Sid Crosby besetzt. Die Konkurrenz erstarrt.

Von der WM berichten Rainer Nachtwey, Jonas Beck und Sascha Bandermann

Brent Burns hat nicht mehr viele Schneidezähne. In der oberen Zahnreihe fehlen gleich drei.

Es entbehrt dann nicht einer gewissen Komik, wenn er vor dem Training ein großes Stück Pizza nimmt, faltet und es sich bis zum Anschlag in den Mund schiebt. Schön den Zeigefinger hinten drauf, damit auch ja alles in den Mund passt (Die Eishockey-WM LIVE im TV auf SPORT1).

Kanada dominiert die Gruppenphase

Aber so wie Burns eine Pizza verspeist, verschlingen er und seine Mannschaftskameraden von Team Kanada bei der WM in Prag einen Gegner nach dem anderen. Lettland 6:1, Deutschland 10:0, Tschechien 6:3, Schweden nach einem 0:3-Rückstand noch mit 6:4.

Und danach genüsslich die Finger abschlecken. Mmmhh, lecker, nächstes Stück Pizza, nächster Gegner. 4 Spiele, 4 Siege, 28:8 Tore.

Wie ein Wirbelsturm fegen die Kanadier über die Eisfläche und die Gegner hinweg. 0:3 hinten? Egal, schießen wir halt noch sechs Tore in 35 Minuten.

Früher waren es häufig fünf kleine Wirbelstürme statt ein großer. Oft ein Grund des Scheiterns. Eine Einheit fand sich nicht, trotz herausragender Einzelspieler.

Als Kollektiv zur Goldmedaille

In diesem Jahr ist es nun DER große Wirbelsturm. Sie alle eint ein Ziel: Gold!

"Wir sind hier, um zu gewinnen. Jeder von uns gibt einen Monat seiner freien Zeit auf. Eigentlich sind wir alle enttäuscht, dass wir hier sind. Für uns bedeutet WM, nicht in den NHL-Playoffs zu spielen. Aber wir haben die Chance, hier die Saison mit einer positiven Note abzuschließen. Darum sind wir hier, um eine Goldmedaille zu gewinnen", sagt Jason Spezza im Gespräch mit SPORT1.

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Crosby kam nach dem Playoff-Aus seiner Penguins nach Tschechien © Getty Images

Gold, lang, lang ist es her, dass die Ahornblätter bei einer WM ganz oben auf dem Siegerpodest standen. 2007 in St. Petersburg. In den fünf zurückliegenden Weltmeisterschaften war sogar jedes Mal im Viertelfinale Schluss. Tschechen, Schweden, Finnland, Russland, sie alle sind Weltmeister geworden. USA, Slowakei, Schweiz haben WM-Plaketten geholt. Nur die Kanadier nicht.

"Wir haben seit einiger Zeit keine Medaille mehr gewonnen. Deshalb sind sie alle gekommen. Wir sind sehr stolz auf unsere Nationalmannschaft, unser Land", sagt Spezza. "Für uns ist es wichtig, hierher zu kommen und unser Land zu repräsentieren."

Fast alle sind sie gekommen, die verfügbar waren. Spezza, Tyler Seguin, Claude Giroux - und allen voran Sidney Crosby. Der Superstar. "Dieser Kader erinnert eher an eine Olympia-Auswahl als eine WM-Auswahl", sagt Matt Duchene.

Die Konkurrenz zollt Respekt

Auch von Seiten der Konkurrenz ist die Bewunderung enorm. "Das ist eine der besten kanadischen Mannschaften, die ich bei Weltmeisterschaften je gesehen habe", sagt Jaromir Jagr, neben Crosby der zweite Superstar des Turniers.

Eine der besten? Die beste. Das Gesamtpaket stimmt. Einstellung und Kader. Eine unheimliche Tiefe, 28 Tore auf 14 Spieler verteilt, jeder eingesetzte Akteur hat mindestens zwei Scorerpunkte auf seinem Konto.

Diesen Kanadiern merkt man den Willen an. Das zeigt sich in ihrem Spiel. Es ist keine reine Sid-Crosby-Show. Dafür ist Crosby auch nicht der Typ. Es ist das Zusammenspiel, das beeindruckt. Zack, zack, zack. Die Scheibe läuft schnell, die Spieler bewegen sich blitzartig, sie nehmen die Zweikämpfe an. Es ist ihr Spiel, mit Power zum Tor.

Eisfläche begünstigt schnelle Stars

Dabei schien das - zusätzlich zur Einstellung - ein Problem der Ahornblätter in den vergangenen Jahren zu sein. Die Umstellung auf die große Eisfläche.

Nicht so dieses Jahr. Ganz im Gegenteil. "Für diese Kanadier ist die große Eisfläche ein Vorteil", sagt Tschechiens Kapitän Jakub Voracek. "Sie sind nicht zu fassen, sie sind so schnell."

Spezza widerspricht seinem NHL-Kollegen jedoch. "Die europäischen Teams sind für uns eine große Herausforderung. Sie sind an das große Eis gewöhnt", sagt der Stürmer der Dallas Stars.

Sein nächster Satz hört sich jedoch wie eine Warnung, eine Sturmwarnung an. "Je länger das Turnier dauert, desto mehr werden wir uns an die große Eisfläche gewöhnen."

Wo soll das dann nur enden? Schließlich ist irgendwann auch die größte Pizza verschlungen.

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