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Prag - Kein Spieler prägt die WM in Tschechien so sehr wie Jaromir Jagr. Nicht nur wegen seines Könnens auf dem Eis. Jagr ist weit mehr als ein Eishockey-Spieler.

Von Rainer Nachtwey

Die Haare hängen über den Kragen des Trikots mit der Nummer 68. Egal ob echt oder Perücke, die Vokuhila-Frisur ist wieder in. Zumindest hier in Prag.

WM-Zeit in Tschechien heißt Jaromir Jagr-Zeit. Seine Nummer 68 ist omnipräsent. Jedes zweite tschechische Trikot trägt sie und es gibt viele tschechische Trikots in Prag. Auch die grün-weiß-schwarzen T-Shirts des WM-Hauptsponsors sind mit der 68 bedruckt.

Jagr ist überall. Auf Cola-Flaschen, auf Pappaufstellern, auf dem Tisch-Eishockey in der Fanzone. "Er ist eine Legende, eine Ikone. Jeder in Tschechien liebt ihn. Wenn er in die Politik gehen würde, würden ihn alle wählen. Ich auch", sagt Taxifahrer Matjas.

Taktgeber im tschechischen Spiel

Aber nicht nur rund um die Arena, auch auf dem Eis dreht sich alles um Jaromir Jagr. 43 Jahre ist Tschechiens Nationalheld mittlerweile alt, aber er ist immer noch Taktgeber im Spiel. Er fordert den Puck, er verteilt ihn.

Wenn er die Scheibe berührt, geht kein Raunen durch die Arena, sondern ein Jubelsturm. Die Gastgeber haben all ihre Hoffnungen auf einen Heimtriumph auf seine Schultern gelegt. Das weiß Jagr und so spielt er auch.

"Wir waren zu Beginn etwas nervös", gesteht Jagr ein. "Selbst ich, obwohl ich schon seit fast 30 Jahren professionell Eishockey spiele."

Im Viertelfinale am Donnerstag (alle Spiele ab 15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) werden wieder alle Augen auf ihn gerichtet sein. Er muss liefern, sein Team gegen Vizeweltmeister Finnland (ab 21.15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und 20.15 Uhr im LIVETICKER ) anführen.

Tor und Assist gegen Deutschland

Aber Jagr ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Mit einem Pass oder einem Tor, egal. Wie im Spiel gegen Deutschland, als sein Traumpass das 3:2 einleitete, er mit dem 4:2 den Sack zu machte. (SERVICE: Ergebnisse Eishockey-WM)

"Das ist Weltkasse. Wenn er den genialen Moment nicht hat, dann geht das Spiel vielleicht 2:2 aus. Leider hat er ihn gehabt", sagt DEB-Kapitän Michael Wolf und Bundestrainer Pat Cortina schwärmt: "Es ist eine Süßigkeit für die Augen, ihn spielen zu sehen."

Jagr ist nicht nur ein Augenschmaus, er macht das, was sein Team braucht. Aber er ist auch fordernd. Geht es Jagr zu langsam, bekommt er nicht den Puck, dann klopft er mit dem Schläger aufs Eis, erst leicht, wenn der Mitspieler dann aber nicht reagiert fester und lauter. Und auf der Bank knöpft er sich den Mitspieler vor.

Aber Jagr ist auch weiser geworden, weiser und weißer. Weiser, weil er nicht mehr der Egozocker ist, den er lange Zeit in Pittsburgh in der NHL gab. "Im Eishockey geht es nicht um einen Spieler", sagt er jetzt, " es geht um das gesamte Team. Oder zumindest um die fünf Jungs, mit denen du auf dem Eis stehst."

Weißer, weil seine Bartstoppeln, seine Schläfen ergraut sind. Er arbeitet hart an seiner Fitness. Er weiß, dass er muss, dass er in seinem Alter nicht mehr das Spiel von früher durchziehen kann.

Harte Vorbereitung im Sommer

Im Sommer legt er sich ein Trainingsprogramm auf, damit er für die gesamte Saison gewappnet ist. Er zieht es alleine durch. Ohne Coach. Ohne Motivator. Ohne Antreiber.

"Was brauche ich immer Sommer einen Trainer, wenn er mir während der Saison nicht zur Verfügung steht", sagt Jagr. "Da muss ich mich selbst antreiben. Also brauche ich ihn auch im Sommer nicht."

Mit seinen 43 Jahren hat er bei den Florida Panthers seinen Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert, spielt dort in einer Reihe mit dem Kanadier Jonathan Huberdeau und dem Finnen Aleksander Barkov, Jahrgang 1993 und 1995. Da hatte Jagr bereits zweimal den Stanley Cup gewonnen. Aber diese Jungs in Florida wirken wie ein Jungbrunnen auf ihn. "In Florida habe ich noch einmal Feuer gefangen", sagt er.

Die verlorengegangene Schnelligkeit, Spritzigkeit macht er durch seinen Instinkt wett, durch Routine, durch harte Arbeit. Und durch den einen oder anderen Kniff. So lässt er sich während der Wechsel von seinem eigenen Masseur die Oberschenkelmuskulatur durchschütteln, auflockern. Bei seinem Gastspiel in der KHL, als er seine NHL-Karriere für drei Jahre unterbrach, nahm er seinen eigenen Schlittschuhschleifer aus den USA mit nach Omsk.

Die Nummer 68 ist sein Markenzeichen

Jagr ist ein Eishockey-Verrückter und ein abergläubischer Mensch - so betritt er das Eis immer als letztes - aber auch ein politischer. Die Nummer 68 ist sein Markenzeichen, wie die 99 bei Wayne Gretzky, die 23 bei Michael Jordan. Aber Jagrs 68 ist auch ein Statement. Jagr erinnert damit an den Prager Frühling, als sowjetische Panzer 1968 die Freiheits- und Demokratiebewegung der Tschechoslowakei niederschlug.

Sein Großvater Jaromir, nachdem er benannt ist, starb ebenfalls 1968, krankheitsbedingt - aber in Freiheit. Das ist für Jagr wichtig. Denn Jaromir Senior hatte im Gefängnis gesessen, weil er sich nach der Enteignung geweigert hatte, für die Kommunisten zu arbeiten. Kurze Zeit nach seiner Entlassung starb er. "Ich bin sehr glücklich, dass er als freier Mann und nicht im Gefängnis gestorben ist", sagt Jagr.

Dass er bei all der politischen Überzeugung nach Russland zu Avangard Omsk wechselte, sorgte für Verwunderung. Nur nicht bei Jagr selbst. "Es waren ja keine Russen aus Omsk, die für den Tod meines Opas verantwortlich waren", sagt er. Sondern tschechische Kommunisten. "Sie hatten ihm im Knast nichts zu essen gegeben."

"Es geht um Tschechien"

Dennoch ist die Liebe zu seiner Heimat groß. Als sein Heimatklub HC Kladno von der Pleite bedroht war, kaufte er ihn kurzer Hand. Für die Heim-WM zog er sich noch einmal das Trikot mit dem tschechischen Nationalwappen über, 25 Jahre nach seiner ersten WM 1990, als es mit der Tschechoslowakei noch gegen die UdSSR mit Wjatscheslaw Fetissow ging, gegen Kanada mit Doug Gilmour und Paul Coffey, gegen die USA mit Neal Broten, gegen Deutschland mit den Truntschkas und Udo Kießling.

Diese Heim-WM ist etwas "ganz Spezielles", sagt Jagr, "hier geht es nicht um mich. Es geht um Tschechien, tschechisches Eishockey, um die Leute. Die Tschechen lieben Eishockey und jeder fühlt sich als Coach. Wir haben zehn Millionen Trainer hier."

Und alle wollen sie ihn trainieren. Den Mann mit der 68.

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