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Dominik Endras teilte sich beim Deutschland Cup den Platz im Tor mit Timo Pielmeier

München - Vorne teils furios, hinten mangelt's an der Feinabstimmung. Dem DEB-Team bleibt viel Arbeit. SPORT1 analysiert Stärken und Schwächen.

Drei Worte genügen.

Einfach, diszipliniert und kämpferisch. Das sind die Eigenschaften des deutschen Eishockeys.

Nur so kann das DEB-Team international bestehen. Das sagt Bundestrainer Pat Cortina immer wieder. Das haben seine Spieler verinnerlicht.

Dennoch läuft es seit Platz vier bei der Heim-WM 2010 nicht rund. Jetzt folgte der Sieg beim eigenen Vier-Nationen-Turnier, dem Deutschland-Cup.

Reichlich Erkenntnisse

"Ich bin unheimlich stolz auf mein Team", meinte der 50 Jahre alte Cortina hinterher bei SPORT1 - und dürfte reichlich Erkenntnisse gesammelt haben.

Welche das sind? SPORT1 analysiert fünfeinhalb Monate vor der WM in Tschechien Stärken und Schwächen.

- Mentale Belastbarkeit

Cortina hebt sie besonders hervor. "Ob du in der Lage bist, dich nach einem anstrengenden Spiel wieder hoch zu puschen", erklärt er auf Nachfrage von SPORT1. Er will Cracks, die frisch im Kopf sind, ohne Unterbrechung.

"Das ist unser Schlüssel zum Erfolg. Das muss die Identität dieser Mannschaft sein", sagt er und fordert eine Weiterentwicklung. "Wenn die Jungs in der Lage sind, das wieder und wieder und wieder abzurufen", sei er zufrieden, meint er.

Nur dann. In München funktioniert es sieben Drittel prächtig. 3:1 gegen die Schweiz, 2:1 gegen die Slowakei und 2:0 nach 20 Minuten gegen Kanada - dann bricht das Team ein. Gegen die Topnationen reicht das nicht.

- Angriff

Hier geht der Daumen nach oben. Deutschland fehlt im Nachsetzen oft die Durchschlagskraft; Finten gehören nicht gerade zum Repertoire. In München aber wählen die DEB-Cracks schnörkellos und notfalls brachial den Weg zum Tor.

Die Spieler selbst mahnen dennoch. "Deutschland muss sich immer auf seine Stärken besinnen. Das ist, hart zu arbeiten und einfach zu spielen", meint der Nürnberger Patrick Reimer bei SPORT1.

Der 31-Jährige muss es wissen, zwei Tore und ebenso viele Vorlagen sprechen für sich. Er, der Hamburger Thomas Oppenheimer und der Ingolstädter Patrick Hager unterstreichen ihre Unverzichtbarkeit.

Es bleibt Luft nach oben. "Wir müssen mehr Scheiben zum Tor bringen, torgefährlicher werden, noch schneller spielen", sagt Goalie Dennis Endras bei SPORT1. Der Mannheimer hat von hinten den besten Blick aufs Umschaltspiel seiner Kollegen.

Es bleiben Schwächen. Vor allem das Überzahlspiel krankt. Dennis Reul trifft gegen Kanada von der blauen Linie - es ist das erste Verteidigertor seit neun Spielen.

- Abwehr

Dieser Part ist deutlich ausbaufähig. "Die letzte Konsequenz fehlt. Wir arbeiten an der defensive Zone, an was genau, möchte ich nicht verraten", schildert Oppenheimer auf Nachfrage von SPORT1. Vor allem die Handlungsschnelligkeit dürfte ein Thema sein.

Gegen die spielstarken Slowaken verteidigt das Team beharrlich in den Ecken und vor dem Kasten, doch vier Gegentore gegen Team Canada sind zu viel. "Wir müssen die taktische Feinabstimmung verbessern, ob wir Mann-gegen-Mann spielen, mehr im Raum, wann wir wie vorchecken", sagt der Mannheimer Sinan Akdag.

Der 25-Jährige etabliert sich gemeinsam mit Justin Krueger (SC Bern) immer mehr als erste Abwehrreihe. Auch der 23-jährige Björn Krupp von den Kölner Haien lässt dank eines guten Stellungsspiels hoffen. Doch ohne die NHL-Stars Christian Ehrhoff (Pittsburgh Penguins) und Dennis Seidenberg (Boston Bruins) fehlt die Extraklasse.

- Tor

Philipp Grubauer (Washington Capitals), Thomas Greiss (Pittsburgh Penguins) und Rob Zepp (Philadelphia Flyers) - auf wohl keiner anderen Position ist das deutsche Eishockey den Topnationen so nahe. Doch, ob einer von ihnen vom Klub für die WM freigestellt wird, entscheidet sich wohl erst unmittelbar davor.

Da machen die beiden Torhüter aus der DEL Mut: Dennis Endras und Timo Pielmeier. "Timo war heute überragend", sagt Krupp nach dem Sieg gegen die Slowakei über die Torwartleistung des Ingolstädters.

Beide beweisen mehrfach ihre Qualität auf der Linie. Für die WM 2017 im eigenen Land hat der DEB mit dem erst 22 Jahre alten, aber zwischen den Pfosten völlig gelassenen Grubauer zudem ein Juwel in der Hinterhand.

- Teamgedanke

Cortina verlangt von jedem, dass er sich hinterfragt. "Ob der Charakter des Teams mit deinen Eigenschaften zusammenpasst, was du für das Team leisten kannst", erklärt er sein Anforderungsprofil. Es geht darum, sich gemeinsamen Zielen unterzuordnen.

Seine Cracks haben verstanden. "Wir haben technisch nicht die stärksten Spieler, aber wir sind eine Einheit", sagt Reimer bei SPORT1. "Unser Ziel muss sein, dass wir das in jedem Spiel aufs Eis bringen."

Youngster Björn Krupp erzählt, dass "wir viel miteinander reden, positiv auf der Bank sind und uns immer gegenseitig unterstützen". Ein klarer Pluspunkt.

- Der X-Faktor

Die, die nachkommen. Grubauer, der als "German Gretzky" geadelte Leon Draisaitl und Flügelstürmer Tobias Rieder sind in München nicht dabei. Der erst 19-jährige Draisaitl kann sich in der NHL bei den Edmonton Oilers auf Anhieb durchsetzen, der 21-jährige Rieder erzielt jüngst sein erstes Tor für die Arizona Coyotes.

Zusammen mit Spielern wie Krupp, Akdag dem Nürnberger Yasin Ehliz oder dem Berliner Stürmer Marcel Noebels bilden sie die begabteste deutsche Generation seit langem.

Akdag ist bei SPORT1 optimistisch und sagt mit Blick auf 2017: "Jeder hat das im Hinterkopf. Wir sind alle bereit. Ich hoffe, dass die Jungs aus der NHL dabei sein werden, damit wir mit den Fans im Hintergrund eine Chance haben werden."

Es bleibt die Erkenntnis, dass das DEB-Team nach schwierigen Jahren positive Signale sendet. Doch Kapitän Michael Wolf warnt nicht umsonst vor vorschneller Euphorie: "Von den Topnationen sind wir noch ein gutes Stück weg."

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