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Franz Reindl (l., hier mit Uwe Krupp) holte bei Olympia 1976 mit Deutschland Bronze

München - Im SPORT1-Interview spricht Franz Reindl über eine Vision, Krisenbewältigung und Interesse am ehemaligen Nationalcoach Uwe Krupp.

Dem deutschen Eishockey droht langfristig die Stunde Null.

Ohne eine nachhaltige Geschäftspolitik sei beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) "2018 der Ofen aus", sagte Vizepräsident Daniel Hopp (News). Auch Bundestrainer Pat Cortina gilt nicht als unumstritten (BERICHT: Erster Schritt aus der Krise).

Aufrichten soll den mehr als angeschlagenen Verband der neue Präsident Franz Reindl. Doch der ehemalige Nationalspieler wird Geld brauchen, viel Geld.

Riesenminus in Bilanz

Die Bilanz weist ein Riesenminus auf: etwa 230.000 Euro für dieses Jahr, 306.400 Euro für 2015 und 682.400 Euro für 2016. Dennoch möchte der 59 Jahre alte Reindl seinen Sport in Deutschland dauerhaft zur Nummer zwei hinter dem Fußball machen. Wie das gehen soll?

Im SPORT1-Interview spricht er über seine Vision, die Krise und Interesse am ehemaligen Nationalcoach Uwe Krupp.

SPORT1: Herr Reindl, Sie haben ein Ziel ausgegeben: Eishockey soll die Nummer zwei hinter Fußball werden. Klingt ganz schön ambitioniert.

Franz Reindl: Ich bin fast von Geburt an Eishockeyspieler mit Leib und Seele und möchte diese Sportart nach vorne bringen. Da ist das Ziel des neuen Präsidiums. Wir haben bei Weltmeisterschaften bewiesen, dass wir ein Riesenzuschauerpotential für unseren Sport haben.

SPORT1: Das mag sein. Aber wie wollen Sie dieses Ziel anpacken?

Reindl: Wir müssen raus aus dieser Welle, dass wir wie bei der Heim-WM 2010 ins Halbfinale kommen und dann sofort wieder in Abstiegsgefahr geraten. Wir wollen uns nachhaltig in der Weltspitze etablieren und vielleicht irgendwann wieder echt konkurrenzfähig um Medaillen antreten.

SPORT1: Und wie soll das gehen?

Reindl: Es geht nur über eine bessere und effektivere Ausbildung unseres Nachwuchses bei Vereinen und Verband. Wir brauchen mehr Trainer, bessere Trainer, vor allem bei den Jüngeren. Ziel muss es sein, jeden Kaderspieler intensiv zu betreuen. Wenn wir Spieler ab elf, zwölf Jahren bereits an die Weltspitze heranführen, können wir es schaffen. Einzig, wir müssen damit beginnen - und zwar sofort.

SPORT1: Was brauchen Sie auf Ihrem Weg?

Reindl: Klarheit über die Finanzen. Wo wir bei unseren Hausaufgaben angelangt wären. Wir müssen die Verluste der vergangenen Jahre ausgleichen und dann wieder mehr ausgeben, um den Nachwuchs zu fördern. Wir sind an dem Punkt, an dem wir klar sehen.

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SPORT1: Sie sprechen von Finanzen. Sie sagten, dass die Situation nicht schlimm, sondern noch schlimmer sei als gedacht.

Reindl: In den vergangenen vier Jahren wurde ein operatives Minus von ca. 1,7 Millionen Euro gemacht. Der Gewinn der damaligen Weltmeisterschaft ist weit mehr als aufgebracht. Das sind Fakten, mit denen wir leben müssen. Auch der Haushalt 2013 weist ein Minus in Höhe von etwa 230.000 Euro aus. Das ergibt ein strukturelles Minus von 600.000 Euro pro Jahr. Das ist viel Geld, aber keine Hürde, die unüberwindbar wäre. Wenn die Eishockeyfamilie zusammenhält, die Landesverbände, die Amateure und die Profiklubs, einzelne Personen wie Trainer, Schiedsrichter und Spieler uns mit einer geringen monatlichen Gebühr helfen, dann können wir diese Summen aufbringen. Die Situation ist zwar schlimm, aber wir haben auch schon viel getan und es gibt Lösungen.

SPORT1: Klingt nach einem ordentlichen Scherbenhaufen, der Ihnen hinterlassen wurde.

Reindl: Da liegen Sie schon richtig. Es ist ein Scherbenhaufen, aber es ist nicht so, dass man nicht ein Ende sieht. Und wissen Sie was? Zu kämpfen, das bin ich gewöhnt. Unser Präsidium ist so gebildet, dass wir alle Parteien mit Fachleuten an einem Tisch haben. Wir wollen die drei großen Schiffe, die auf dem Ozean deutsches Eishockey treiben, wieder in ein Boot holen?

SPORT1: ? und aus Einzelkämpfern eine verschworene Einheit machen?

Reindl: Es geht darum, ob wir das gemeinsame Ziel haben, das Eishockey international wieder salonfähig zu machen, damit wir national hinter dem Fußball die Nummer eins werden. Dieses Ziel hat die Liga, dieses Ziel haben die Spieler und der DEB.

SPORT1: Das gemeinsame Aushängeschild ist die Nationalmannschaft. Bundestrainer Pat Cortina ist nicht unumstritten. Sind wir mal ehrlich, liegen die Pläne für eine Zusammenarbeit mit Uwe Krupp nicht längst in der Schublade?

Reindl: Wir haben nicht zu beantworten, was mit Uwe Krupp passiert. Wir müssen beantworten, wie Pat Cortina sein drittes Vertragsjahr erfüllt. Und das macht er bis jetzt hervorragend. Durch die Trennung Sportdirektor und Bundestrainer ist eine Last von ihm abgefallen. Wenn das Vertragsjahr zu Ende ist, setzen wir uns zuerst mit dem Partner zusammen, den wir haben. (BERICHT: Nur die Goalies sind extraklasse)

SPORT1: Wenn Sie aber von salonfähig reden, wäre der Name Krupp eine echte Hausnummer, oder nicht?

Reindl: Es ist super, wenn ein Trainer wie Uwe Krupp auf dem Markt ist. Da gibt es niemand, der das nicht so sieht. Aber wir wissen ja nicht, wie lange er noch auf dem Markt ist.

SPORT1: Halten wir fest, dass Sie ein Interesse an Herrn Krupp nicht verneinen. Ein Argument des DEB ist die Generation um Marcel Noebels, Krupps? Sohn Björn, Philipp Grubauer, Tobias Rieder und Leon Draisaitl. Sie gelten als das Beste, was das deutsche Eishockey seit langem hervorgebracht hat - und können bei der WM 2015 was leisten?

Reindl: Zweifellos haben wir sehr gute Spieler und auch außergewöhnliche Talente bei der U20 und der U18. Wenn Pat Cortina es schafft, dass er das Team in der wenigen Zeit optimal vorbereiten kann und die Spieler alle kommen können, die er nominiert, haben wir eine gute Mannschaft für Prag. Dann können wir unter die ersten Zehn und wenn es ganz gut läuft, ins Viertelfinale kommen.

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