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Berlin und Prag - Trotz der Absagen-Flut geht Pat Cortina unbeirrt seinen Weg. Vor dem WM-Auftakt erklärt der Bundestrainer, wie das Turnier unter schwierigen Voraussetzungen gelingen soll.

Vom DEB-Team berichtet Rainer Nachtwey

Äußerlich ist Pat Cortina nichts anzumerken. Er behält eine stoische Ruhe bei. Ob ein überzeugender Sieg oder eine deftige Niederlage, der Bundestrainer gibt sich nach den Spielen immer gleich. Er legt dann mal den Kopf auf die Schulter, mal links, mal rechts. Das ist aber auch alles.

Aber innerlich spürt man, dass es um ihn anders bestellt ist. Auch wenn er sich mit einem "Woohoo" Richtung Prag verabschiedet. "Ich bin froh, die WM bestreiten zu können. Ich gehe mit großem Enthusiasmus in die Aufgabe."

In seiner Stimme ist die Anspannung zu hören. Das liegt zum einen an Cortinas persönlicher Situation: sein Vertrag als Bundestrainer läuft in diesem Jahr aus und wird wohl nicht verlängert werden. Zudem hat er in den letzten Tagen und Wochen zalhreiche Rückschläge hinnehmen müssen. 20 Absagen. Das sind vier Fünftel des Kaders.

Aber Cortina nimmt die Absagen vor der WM (ab Fr. LIVE im TV auf SPORT1). Aber wie lässt sich eine WM mit so zahlreichen, und vor allem so schwer wiegenden Absagen wie die des Stanley-Cup-Champions Dennis Seidenberg, wie von NHL-Star Marcel Goc bewerkstelligen?

Im exklusiven Gespräch mit SPORT1 erklärt Bundestrainer Pat Cortina seine Ansprüche.

  • Mannschaft:

Klar, 20 Absagen sind viel, mehr als in den Jahren zuvor. Aber Cortina weiß auch, dass diejenigen, die das Trikot mit dem Bundesadler überstreifen, es auch wirklich wollen. Und darauf legt er Wert: "Hut ab vor den Spielern, die hier waren und alles gegeben haben, obwohl sie wussten, dass sie nur Chancen von 10 Prozent haben, auch in der Mannschaft zu spielen."

Diese Aussage sagt alles. Bei Cortina steht die Mannschaft über dem einzelnen Spieler. Bei Cortina kann ein Spieler individuell noch so gut sein, wenn er nicht ins Gefüge passt, ist er raus.

Dass er ans Wohl des deutschen Eishockeys denkt und nicht an das seinige - "Hier geht es nicht um Pat Cortina" - zeigt die Maßnahme, dass er auch über seinen Schatten springt. Mit Patrick Köppchen nominierte er einen Spieler nach, der eigentlich keine Rolle unter Cortina gespielt hatte. Aber, jetzt braucht er dessen Fähigkeiten, also beruft er ihn ins Team.

  • Spieler:

"Ich habe drei Jahre gebraucht, um den Kern herauszufinden", sagt Cortina. Jetzt kennt er den Kern von zehn, elf Spielern. Auch wenn er diesen aufgrund der Verletzungen nicht komplett beisammen hat, weiß er, auf wen es ankommt. Und Cortina hat für den einzelnen Spieler eine oder mehrere gewisse Aufgaben. Cortina nennt es Rollenspieler.

"Jeder Spieler ist bereit, das zu machen, was von ihm gefordert wird", sagt Cortina. Dabei haben die einzelnen Akteure nicht eine über das Turnier festgelegte Rolle. Die kann sich ändern. Von Spiel zu Spiel, ja sogar von Drittel zu Drittel.

Deutschland Cup 2014-Pat Cortina-DEB-Team
Pat Cortina schwört das DEB-Team auf die WM in Tschechien ein © Getty Images

Deshalb hebt er auch Akteure heraus, die ihn aufgrund ihrer Vielseitigkeit, und in der Erfüllung ihrer Aufgaben begeistern. Wie Nicolas Krämmer. Der Hamburger ist "einer, bei dem ich wusste, dass er sehr gut in Unterzahl und in der Defensivbewegung ist", sagt Cortina. Aber gerade Krämmers Zug zum Tor und seine Aggressivität in der Offensive haben ihn dann doch überrascht.

  • Torhüter:

Cortina geht mit keiner Nummer eins ins Turnier. Das verbietet die hohe Zahl von sieben Spielen in zehn Tagen. Kein Team hat einen enger gesteckten Spielplan. Aber: Sollte einer Spiele im Alleingang gewinnen, hält er an ihm fest. "Ich wäre dumm, wenn ich das nicht machen würde'", sagt Cortina.

Allerdings stehen bei sieben Spielen drei Back-to-back-Partien an, was die Rotation geradezu fordert. Da heißt es, immer frische Keeper zu haben. "Für eine Nation wie uns, brauchen wir herausragendes Torwartspiel, um erfolgreich zu sein. Die Voraussetzungen habe ich bei allen dreien."

Canada v Germany - Deutschland Cup 2014
Dennis Endras ist einer der drei deutschen Torhüter bei der WM © Getty Images
  • Einstellung:

Es wäre nur allzu leicht, die fehlenden Spieler zu beklagen. Aber das ist nicht Cortinas Denkweise. "Was soll ich mich mit Spielern beschäftigen, die nicht da sind", sagt er. "Das ist kein Thema." Stattdessen stärkt er sein Team. Auch wenn er weiß, dass er gerade durch die vielen Ausfällen bei den Verteidigern besser aufgestellt sein könnte.

Stattdessen legt er das Augenmerk auf jeden Gegner. Wirklich auf jeden. Das erste Spiel gegen Frankreich (Samstag, 2. Mai ab 16 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) ist wegweisend. Es dürfte entscheiden, ob es nur gegen den Abstieg geht, oder ob die Mannschaft nach dem ersten Spiel noch Chancen aufs Viertelfinale hat. Aber Cortina denkt nicht so.

"Wenn wir anfangen zu spekulieren, kann es gefährlich werden", sagt er. Und voller Überzeugung sagt er: "Warum sollen wir nicht daran glauben, Kanada und Schweden zu schlagen? Wenn wir ein gutes und sechs schlechte Spiele haben, was bringt uns das? Ich nehme lieber ein schlechtes und sechs gute! Mir ist es egal, wie der Gegner heißt."

  • System:

Cortina hat in der Vorbereitung ein zweites System eingeführt. Das bedeutet, er will flexibel sein. Aber er legt keinen besonderen Wert auf das System an sich, sondern die Anpassungsfähigkeit der Mannschaft.

"Nicht das System ist wichtig, sondern die Prinzipien", sagt er. Durch die verschiedenen Systeme gelingt es ihm, die Prinzipien in den Köpfen der Spieler zu festigen. Heißt: An sich, an das Team denken. Erfülle ich meine Aufgabe, erfüllt jeder seine Aufgabe, ist das Team erfolgreich.

  • Ziel:

Nach den Abstiegen der U20-, der U18- und der Frauen-Nationalmannschaft heißt es, den "worst case" zu vermeiden. Und das wäre der Abstieg. Aber Cortina will trotz der Absagen gar nicht daran denken, sondern träumt vom Viertelfinale, der K.o.-Runde: "Die Mitte ist realistisch, Fünfter oder Sechster in der Gruppe. Aber unser Ziel ist unter die ersten Vier zu kommen. Das ist unsere Motivation."

Bei Gegnern wie Olympiasieger Kanada, 2013-Weltmeister Schweden, Gastgeber Tschechien, 2013-Vize Schweiz ist dies aber eine Herkules-Aufgabe.

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