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WarCraft 3 ist in China weiterhin eine Attraktion © Freaks 4U Gaming

Seit Jahren ist die WarCraft 3-Szene nur noch verschwindend klein im Vergleich zu anderen eSports-Spielen. In China lebt der Kult-Titel aber weiter.

Von Marco Gnyp

Die Fans von WarCraft 3 klammern sich an die chinesischen Seelenverwandten, die ihre Liebe für das Spiel im eigenen Land deutlich stärker ausleben können.

Ein zeitloses Spiel

Es laufen die letzten Sekunden auf der entscheidenden fünften Map Echo Isles im Finale der World Cyber Arena 2015 in WarCraft 3. Der deutsche Human-Spieler yAwS verliert seinen Firsthero, den Archmage. Nur wenige Momente später schreibt er "gg" und alle Dämme brechen.

Der Chinese Fly100% schafft das Unglaubliche und siegt im größten WarCraft 3-Turnier aller Zeiten, nachdem er mit 0:2 im Rückstand lag. Die chinesischen Fans beginnen zu klatschen und zu feiern. Als beide Akteure aus ihrer Booth treten und im Zentrum der Bühne erscheinen, applaudieren alle Menschen vor Ort in Yinchuan, die das Spektakel verfolgt haben.

yAwS (l.) und Fly100% nach dem Endspiel auf der Bühne © Freaks 4U Gaming

Es ist das Jahr 2015 und die beschriebenen Geschehnisse sind weder Wunschdenken, noch Fiktion. 14 Jahre nach dem Erscheinen von WarCraft 3: The Frozen Throne besucht eine bemerkenswerte Anzahl an Fans das Endspiel des höchstdotierten Turniers in der langen Geschichte des RTS-Titels.

Kein Popularitätsverlust in China

In den anderen Regionen ist die Szene fast vollständig ausgestorben, nur wenige Spieler sind aktiv. Sie begegnen sich überwiegend in wöchentlichen Online-Turnieren, bei denen der Sieger häufig 100 Euro gewinnt – eine Menge, die im Vergleich zu anderen eSports-Titeln der heutigen Zeit nur als lächerlich bezeichnet werden kann.

In China jedoch entschied sich der Veranstalter der World Cyber Arena dafür, als einzigen RTS-Titel WarCraft 3 zu wählen. Nicht StarCraft 2, das dem älteren Blizzard-Spiel den Rang abgelaufen hatte, in den letzten Jahren aber selbst mit einem massiven Verlust an Popularität zu kämpfen hatte.

Das WC3-Turnier der WCA 2015 zeigt, dass dies die richtige Entscheidung war. Die 16 Akteure sorgten für ein großartiges Spektakel, das von den Zuschauern vor Ort mit am stärksten verfolgt wurde.

Vor den Caster-Booths wurden die Matches ebenfalls verfolgt © Freaks 4U Gaming

Vor der Caster-Booth der englischsprachigen Kommentatoren hing ein Monitor, auf dem viele der Begegnungen angeschaut werden konnten. Nach und nach pilgerten immer mehr Fans, häufig mit einem Stuhl dorthin, um sich die Matches ihres Lieblingsspiels gemeinsam anzuschauen.

Die Tradition von WC3 im Reich der Mitte

Das Finale zwischen yAwS und Fly100%, das auf der Nebenbühne gespielt wurde, dürfte womöglich die größte Masse an interessierten Zuschauern vor Ort angezogen haben. Ein weiterer Fakt, der zeigt, dass das Spiel in China einen besonderen Stellenwert besitzt.

Dies hängt ohne Zweifel mit der Tatsache zusammen, dass der Blizzard-Titel im Reich der Mitte die Ära des eSports eingeläutet hat. Dazu gehören WC3-Legenden wie Sky oder der Niederländer Grubby, die selbst nach ihrem Karriereende absolute eSports-Superstars in diesem Land sind.

Sky (2. v. l.) und Moon (m.) sind WC3-Legenden © Freaks 4U Gaming

Er und sein südkoreanischer Rivale Moon aus den besten Zeiten der WC3-Geschichte waren Gäste bei der Eröffnungszeremonie in Yinchuan. Sie ernteten viel Applaus der Zuschauer. Moon, der in den vergangenen Jahren seinen Wehrdienst in Korea geleistet und seine aktive Laufbahn eigentlich beendet hatte, bekam sogar eine Einladung, beim Turnier mitzuspielen.

WarCraft 3 war der erste RTS-Titel, in dem sich die Chinesen mit den ansonsten dominanten Koreanern messen konnten, denn in StarCraft: BroodWar und auch Age of Empires war dies nicht der Fall. Akteure wie Sky, Fly100%, Infi und TH000 schlugen ihre Kontrahenten regelmäßig und gehören zu den besten Spielern aller Zeiten. So ist es nicht verwunderlich, dass in China auch heute noch kein anderes Strategiespiel so beliebt ist, wie WarCraft 3.

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