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Max Hoff (v.) holte in Baku zweimal Gold © Getty Images

Mingachevir - Die Kanuten sind bei den Europaspielen im aserbaidschanischen Hinterland unter sich - wie so oft. Eine der erfolgreichsten deutschen Disziplinen führt ein Einsiedlerdasein.

Der Kosmos Kanu beginnt schon beim Vokabular. "Krautig war's hier", sagt Franziska Weber abgekämpft nach ihrem Rennen. Barfuß steht sie im Gras, die kräftigen Arme hängen schwer nach unten.

Für SPORT1 vor Ort in Baku: Julian Meissner, Nele Schenker, Anett Sattler
Für SPORT1 vor Ort in Baku: Julian Meissner, Nele Schenker, Anett Sattler © SPORT1

Hier, das ist Mingachevir, etwa 270 Kilometer entfernt von Baku im aserbaidschanischen Hinterland, wo auf dem Kur River die Kanuwettbewerbe der Europaspiele (täglich LIVE im TV auf SPORT1) stattfinden.

"Krautig", das heißt so viel wie mit Wasserpflanzen durchsetzt. Fängt man sich etwas ein, wirkt das Gewächs wie eine Bremse, ein schleichender Plattfuß, schnell kann das Rennen zerstört sein.

Diese und andere Details, wie den Einfluss wechselnder Wassertemperaturen auf die Performance, behalten die Kanuten weitgehend für sich. Der Austausch mit anderen Athleten, eine der Grundideen von Multisport-Events, allen voran Olympia, er findet hier kaum statt.

Paddeln in der Provinz

Man ist unter sich in der Provinz. Als einzige Disziplin wurden die Paddler ausgelagert, alle anderen Sportarten erfreuen sich der Protzbauten in Baku, der zumindest in Teilen modernen Metropole am Kaspischen Meer. "Wir kriegen hier fast gar nicht mit", sagt Weber seufzend: "Die Leute sind die gleichen wie immer." Es fühle sich vielmehr wie eine normale Europameisterschaft, sagt die Potsdamerin, die zusammen mit Tina Dietze, Conny Waßmuth und Verena Hantl am Montag Silber und ein "megageiles" Rennen bejubelte.

Das Einsiedlerdasein kennen sie. Aber fast fünf Stunden Busfahrt zum Zentrum der Spiele sind auch für die muskelbepackten Athleten mit den schrankbreiten Schultern außergewöhnlich. "Es trübt die Stimmung, dass wir nicht bei der Mannschaft sind, aber als Kanute ist man das ja gewohnt", sagt Sebastian Brendel im Gespräch mit SPORT1: "Die Medaillen liefern wir wie immer, da sind wir schon stolz drauf."

Brendel und Hoff glänzen auch in Baku

Er darf das so sagen. Der 1,92-Meter-Hüne, auch er vom Kanu-Club Potsdam, trägt das Silberne Lorbeerblatt. Er ist aktuell Olympiasieger, Weltmeister, Europameister über die 1000m im Canadier-Einer. Und er hat auch in Aserbaidschan geliefert. Gold.

Es war das zweite von insgesamt drei für das deutsche Team in Aserbaidschan. Max Hoff landete im K1 über 5000m seinen zweiten Coup, nachdem er zuvor bereits über 1000m triumphiert hatte. Zweimal Silber und einmal Bronze kamen allein am Montag noch dazu, am Dienstag neben Hoffs goldener noch eine Silbermedaille.

Für Brendel wie die anderen waren die stark besetzten Wettkämpfe von Mingachevir vor allem ein "wichtiger Formtest" auf dem Weg zu den Weltmeisterschaften im August in Mailand, mit dem Fazit: "Der Plan funktioniert, ich kann so weitermachen."

Auch er wünscht sich etwas mehr Nähe zu den Spielen. Die Idee der Kontinentalwettkämpfe hat es den Kanuten angetan. "Ich hoffe, dass es weitergeht und die Spiele auch 2019 stattfinden", sagt Brendel: "Ich war anfangs etwas skeptisch, was den Stellenwert angeht und dann doch überrascht, dass das hier gefühlt kleine Olympische Spiele waren."

Brendel regt Quotenplätze für Olympia an

Man könne die Qualität aber noch erhöhen, würde man Quotenplätze für Olympia vergeben wie in anderen Sportarten. Brendel: "Es war der erste Anlauf, man kann daraus lernen und vielleicht für die Zukunft einiges verändern." Vielleicht ja auch, dass die Kanuten nicht ganz so weit weg sind vom Rest des Geschehens.

Es würde eine der traditionell erfolgreichsten deutschen Disziplinen noch mehr in den Mittepunkt rücken. Bei Olympia 2012 gingen 8 Medaillen von 44 auf das Konto des DKV, drei davon in Gold. 2008 waren es 8 Medaillen von 41, auch da dreimal Gold.

In London und in Peking waren die Distanzen noch überschaubar und zumindest Abstecher möglich ins Epizentrum der Spiele. In Mingachevir ist man dann aber doch wieder einmal unter sich, im Kosmos Kanu.

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