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Baku - Dimitrij Ovtcharov holt sich in einem packenden Endspiel zweier großer Taktiker Gold bei den Europaspielen. Das damit gelöste Ticket zu Olympia ist für ihn zweitrangig.

Für einen Denksportler machte Dimitrij Ovtcharov einen ziemlich geschafften Eindruck.

Völlig ausgepumpt sank der frisch gebackene Sieger der Europaspiele im Tischtennis auf eine Bank, in der Hand eine Wasserflasche, die schwere Goldmedaille um den Hals. Das hochklassige Finale gegen den 39-jährigen Weißrussen Wladimir Samsonow hatte ihm alles abverlangt, körperlich, aber vor allem auch mental.

"Athletisches Schach", nannte es Ovtcharov, was er sich mit seinem Vereinskollegen von Fakel Orenburg in dem an Spannung kaum zu überbietenden Endspiel von Baku geliefert hatte. (SERVICE: Der Medaillenspiegel)

SPORT1 vor Ort in Baku
SPORT1 vor Ort in Baku © SPORT1/Getty Images

Sieben Sätze lang ging es hin und her zwischen den zwei Großmeistern, bis "Dima" das bessere Ende für sich hatte. Genauso gut hätte Samsonow gewinnen können. Es war ein Taktieren auf höchstem Niveau.

Olympia-Ticket vorzeitig gelöst 

"Man muss immer probieren, dem Gegner einen Schritt voraus zu sein", sagte Ovtcharov, und führte aus: "Erst überrascht er mich mit seinen Rückhandaufschlägen, dann stelle ich mich darauf ein und gewinne die Oberhand. Dann verändert er wieder etwas, dann wieder ich. Und etwas, das gerade noch erfolgreich lief, funktioniert dann überhaupt nicht mehr."

Nicht nur Bundestrainer Jörg Roßkopf fand: "Das war tolle Werbung für den Sport."

Ovtcharov war auf seine Leistung bei aller Erschöpfung sichtlich stolz. (SERVICE: Alle Ergebnisse im Überblick)

Zumal der Sieg gleichbedeutend ist mit der vorzeitigen Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im nächsten Jahr. "Ich freue mich, dass ich die Europaspiele gewonnen habe, und nicht, dass ich das Ticket nach Rio gelöst habe", betonte Ovtcharov aber: "Das ist ein Bonus."

In Gedanken auch bei Boll 

Über die Weltrangliste oder das Qualifikationsturnier im März 2016 in Istanbul hätte es wohl ohnehin gereicht für den Europameister, Nummer eins der kontinentalen Rangliste und die Sechs in der Welt.

Ovtcharov vertrat bei den Herren als Einziger die deutschen Farben bei den Europaspielen, nachdem Timo Boll von einer Lebensmittelvergiftung geschwächt hatte abreisen müssen.

Umso höher war der Druck auf dem Ausnahmekönner, der mit dem klaren Ziel angetreten war, das stark besetzte Turnier zu gewinnen.

"Es ist ärgerlich, dass es Timo hier so hart erwischt hat. Aber ich mache mir gar keine Sorgen, dass auch er problemlos das Ticket nach Rio lösen wird", sagte der 26-Jährige. Und auch Roßkopf erklärte: "Ovtcharov und Boll werden in Rio dabei sein."

Den Rückenproblemen getrotzt 

Nur hat Boll die Pflicht noch zu erfüllen, während Ovtcharov erst einmal in den wohlverdienten, wenn auch kurzen Urlaub fahren kann.

Früh am Samstagmorgen geht es nach Frankfurt, von dort direkt mit seiner Frau Jenny nach Mallorca, bis wieder eine kurze Trainingswoche und dann ein sechswöchiger Einsatz in der chinesischen Super League anstehen.

"Aber nur, wenn der Körper mitspielt", so Ovtcharov: "Ich gehe momentan wirklich auf dem Zahnfleisch."

Ein lädierter Fuß und vor allem hartnäckige Probleme am Rücken machten in Baku stundenlange Behandlungen, aber auch Tabletten und Spritzen nötig, um einsatzfähig zu sein. Weshalb er einen besonderen Dank an sein Team und die ärztliche Abteilung aussprach.

Start kurzzeitig in Frage gestellt 

Beim Auftakt des Teamwettbewerbs habe er noch "höllische Schmerzen" gehabt und seinen Start im Einzel dann ernsthaft in Frage gestellt. 

Doch die Qualen, die der Denksport Tischtennis mit sich bringt, haben sich gelohnt.

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