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Michael Vesper
Michael Vesper war schon bei drei Olympischen Spielen deutscher Chef de Mission © Getty

München - DOSB-Vorstandschef Michael Vesper spricht bei SPORT1 über den Stellenwert der Europaspiele, die Menschenrechts-Lage im Gastgeber-Land und die Folgen der FIFA-Krise.

Einst war er der Stellvertreter Peer Steinbrücks, heute ist er einer der mächtigsten Männer des deutschen Sports.

Seit 2006 ist Michael Vesper, der frühere Sportminister Nordrhein-Westfalens, Generaldirektor beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), bei drei Olympischen Spielen war er seitdem Chef de Mission.

Bei den Europaspielen in Baku überlässt der Vorstandschef des Verbands diesen Job Dirk Schimmelpfennig, trotzdem gehört der Premierenveranstaltung der European Games derzeit die volle Aufmerksamkeit des 63-Jährigen.

Für SPORT1 vor Ort in Baku: Julian Meissner, Nele Schenker, Anett Sattler
Für SPORT1 bei den Europaspielen vor Ort in Baku: Julian Meissner, Nele Schenker, Anett Sattler (v.l.) © SPORT1

Vor der Eröffnungsfeier am Freitag (ab 17.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) formuliert Vesper im SPORT1-Interview seine Erwartungen an die Spiele und das deutsche Team.

Der langjährige Grünen-Politiker spricht zudem über die Menschenrechts-Lage im Gastgeberland Aserbaidschan, die Verantwortung des professionellen Sports - und die Folgen des FIFA-Skandals für dessen Glaubwürdigkeit.

SPORT1: Herr Vesper, mit welchem Gefühl blicken Sie auf die Premiere der Europaspiele?

Michael Vesper: Mit einer großen Neugier. Wir alle wissen nicht, was uns erwartet. Das Gastgeberland hat diese Veranstaltung zu einer nationalen Priorität erhoben und wird alles tun, um die Spiele erfolgreich zu organisieren. Ich bin sehr gespannt auf das öffentliche Interesse, die Atmosphäre vor Ort und auch die Aufnahme insgesamt in Europa. (100 Stunden live im Free-TV: SPORT1 überträgt die Europaspiele)

SPORT1: Es stehen mitunter exotische Sportarten auf dem Programm. Wird man Sie auch bei der Kampfsportart Sambo sehen?

Vesper: Auf jeden Fall werde ich mir das anschauen. Es ist eine der Stärken der Europaspiele, dass sie neben traditionellen olympischen Sportarten auch Experimente beinhalten. Wir dürfen uns auf spannende Wettkämpfe freuen.

SPORT1: Wie ist das deutsche Team aufgestellt, was sind die Ziele?

Vesper: Wir fahren mit einer sowohl zahlenmäßig als auch vom Niveau her sehr starken Mannschaft nach Baku. Im Tischtennis treten zum Beispiel sowohl Timo Boll als auch Dimitri Ovtcharov an. Ich hoffe schon, dass wir im Medaillenspiegel weit vorne landen. Wir haben aber bewusst keine Medaillenziele vereinbart, die Sportler sind ohnehin motiviert genug.

SPORT1: Welchen Wert haben die Wettkämpfe auf dem Weg zu Olympia 2016 in Rio de Janeiro?

Vesper: Da geht es richtig um was. Es war nicht ganz einfach, die Spiele durchzusetzen, weil der Wettkampfkalender in Europa in den Einzelsportarten kaum Lücken lässt. Von daher ist es eine gute Nachricht, dass in 10 der 20 Sportarten Qualifikationspunkte für Rio oder sogar direkte Qualifikationen erreicht werden können. Hinzu kommt die Atmosphäre. Für die Sportler ist Baku so etwas wie ein Laboratorium für die Spiele in Rio. Sie sind in einem Athletendorf zusammen und schnuppern olympische Luft. Sie werden dadurch sicherlich noch ehrgeiziger werden, in Rio oder dann vielleicht in Tokio 2020 dabei zu sein.

SPORT1: Ausrichter Aserbaidschan ist angesichts der Menschenrechtssituation umstritten. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Probleme des Landes?

Vesper: Aserbaidschan ist ein junger Staat, der nach der Zeit im erzwungenen Staatenverbund der Sowjetunion erst die Selbstständigkeit lernen muss. Aus einem autoritären System heraus Demokratie zu entwickeln, dauert Jahrzehnte. Von daher hat Aserbaidschan sicherlich Nachholbedarf, was die Menschenrechte und die Freiheit der Medien angeht.

SPORT1: Kritiker sagen, die Spiele seien für Staatspräsident Ilham Alijew einzig und allein ein Mittel für eine verbesserte Außendarstellung. Was entgegnen Sie?

Vesper: Jeder, der sich um Olympische Spiele oder nun Europaspiele bewirbt, will damit das Image seines Landes verbessern. Das gilt für demokratische Staaten genauso wie für Diktaturen oder autoritäre Staaten. Er handelt sich damit aber auch die andere Seite der Medaille ein, nämlich eine erhöhte Aufmerksamkeit der Medien. Ich glaube nicht, dass Sie und Ihre vielen Kollegen sich für die Menschenrechtslage in Aserbaidschan interessiert hätten, wenn dort nicht die Europaspiele vor der Tür stünden. Der Fokus wird nun stärker auf diese Lage gesetzt, und das ist immer die erste Voraussetzung, dass sich etwas zum Positiven ändert.

SPORT1: Wie geht der DOSB mit dem Thema Menschenrechte um?

Vesper: Selbstverständlich haben wir die Athletinnen und Athleten über die Lage informiert. Wir haben beispielsweise einen Vertreter der Reporter ohne Grenzen eingeladen, über seine Erfahrungen zu berichten. Ich selbst habe viele Gespräche mit Organisationen wie Human Rights Watch, aber auch mit der Bundesregierung, deren Menschenrechtsbeauftragten und der aserbaidschanischen Regierung geführt.

Ilham Alijew Europaspiele Baku Aserbaidschan
Ilham Alijew (r., mit dem niederländischen König Willem-Alexander) ist seit 2003 Staatspräsident Aserbaidschans © Getty Images

SPORT1: Welche Rolle kann der Sport in diesem Spannungsfeld einnehmen?

Vesper: Der Sport kann nicht das richten, was der Politik nicht gelingt. Die angesprochene Ebene ist die der Bundeskanzlerin, die Staatspräsident Alijew im Januar in Berlin empfangen hat, und des Bundesaußenministers, der Ende vergangenen Jahres in Aserbaidschan war. Das sind die Kräfte, die dort für politische Veränderungen kämpfen müssen. Wir als Sportler können nur unsere Meinung sagen und unsere Beobachtungen teilen, aber wir können keine politischen Systeme ändern.

SPORT1: Viele sportliche Großereignisse sind derzeit umstritten, siehe Sotschi oder zuletzt die Handball-WM in Katar. Der Fußball steckt tief im Korruptionssumpf. Hat der professionelle Sport ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Vesper: So generell würde ich das nicht sagen. Sie sehen an der olympischen Agenda des IOC, dass der Sport durchaus in der Lage ist, Reformen anzustoßen und umzusetzen. Das haben wir im Übrigen auch im DOSB in den letzten Jahren gezeigt. Auf die Themen Transparenz und Bescheidenheit legen wir großen Wert.

Hamburg bewirbt sich um die olympischen Sommerspiele 2024
Hamburg bewirbt sich um die olympischen Sommerspiele 2024 © Getty Images

SPORT1: Die Münchner haben Olympia dennoch die kalte Schulter gezeigt.

Vesper: Es ist traurig, dass seinerzeit die Bürgerentscheide zu München 2022 nicht erfolgreich waren im Sinne der Bewerbung. Ich glaube, dass wir eine sehr gute Chance gehabt hätten. Im Falle Hamburgs werden wir die Bürger frühzeitig beteiligen, um Vertrauen werben und informieren, damit sie aus vollem Herzen Ja sagen zu Olympia in Deutschland.

SPORT1: Allerdings gewinnt man den Eindruck, gerade angesichts des FIFA-Skandals, dass viele Sportfans momentan den Eindruck haben: Es geht nur ums Geld.

Vesper: Wir machen leider die Erfahrung, dass alles in einen Topf geworfen wird. Dabei machen die olympischen Sportarten ihre Athleten in aller Regel nicht reich. Nicht nur das, diese Sportarten können nur überleben durch die Zuwendungen durch das IOC und die Präsentationsmöglichkeiten alle vier Jahre bei Olympia.

SPORT1: Das heißt konkret?

Vesper: Das IOC gibt über 90 Prozent seiner Einnahmen an den internationalen Sport zurück. Und das ist bitter notwendig, um die große Vielfalt des internationalen Sports zu erhalten. Wenn wir das nicht täten, dann prophezeie ich, dass wir noch stärker als heute eine Monokultur hätten. Nur noch Sportarten wie der Fußball, die selber das große Geld machen und täglich in den Medien sind, würden überleben.

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