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Baku - Weil das IOC stur bleibt, starten die deutschen Tischtennis-Männer mangels Ersatzspieler in Baku dreimal mit Rückstand. Bundestrainer Roßkopf fordert Veränderungen.

Der Botschafter hat einen schlimmen Rücken, und er hat einen dicken Hals. Das mit dem Rücken sieht man, wenn sich Dimitrij Ovtcharov, Europas bester Tischtennisspieler und Botschafter für die Europaspiele (täglich LIVE im TV auf SPORT1), nach seiner Sporttasche bückt.

Und das mit dem Hals erfährt man, wenn man seine Meinung hört zum Teamwettbewerb in Baku, in dem er mit seinen Kollegen als Favorit startete und letztlich leer ausging.

"Eine große Enttäuschung", sagte Ovtcharov: "Aber es war nicht unser Fehler, sondern der Fehler der Regeln."

Für SPORT1 vor Ort in Baku: Julian Meissner, Nele Schenker, Anett Sattler
Für SPORT1 vor Ort in Baku: Julian Meissner, Nele Schenker, Anett Sattler © SPORT1

Keine Ersatzspieler erlaubt

Die Deutschen waren nach dem krankheitsbedingten Ausfall Timo Bolls jeweils mit einem 0:2-Rückstand ins Viertelfinale, ins Halbfinale und ins Spiel um Bronze gegangen, weil das Reglement keinen Ersatzspieler vorsieht.

Eine zu große Hypothek, so dass am Montag schon nach dem ersten Einzel von Patrick Baum gegen den Österreicher Daniel Habesohn feststand, dass die Medaille am Ende um den Hals des Gegners baumeln würde.

Auch der Bundestrainer ließ seinem Frust freien Lauf. "Das ist ja Wahnsinn, dass die Leute Eintritt bezahlen für eine Finalrunde und dann die Österreicher sich nach einem Match in den Armen liegen", sagte Jörg Roßkopf: "Da kann ich auch verstehen, wenn sie verärgert sind und wenn negativ berichtet wird."

Änderungen werden abgeblockt

Im Viertelfinale tags zuvor hatte man trotz der denkbar schlechten Ausgangslage Schweden noch niedergerungen und Frankreich im Halbfinale am Rande der Niederlage. Unter höchster Anspannung, jede Niederlage hätte das sofortige Aus bedeutet. Baum konstatierte nach dem Spiel gegen Habersohn: "Das hat viel Kraft gekostet. Die Luft war dann einfach raus."

Nun ist das Problem nicht neu. Der Weltverband ITTF hat schon versucht, beim IOC eine Regeländerung zu erwirken, wurde aber abgeblockt - offenbar mit dem Hinweis auf die logistische Zusatzbelastung, die ein Ersatzspieler mit sich bringen würde.

Das Thema wird erneut aufs Papier gebracht werden. "Ich hoffe, dass die Verantwortlichen sich da Gedanken machen, auch in Hinblick auf 2016", so Roßkopf, der ähnliches bei Olympia in Rio de Janeiro natürlich nicht erleben will: "Man sollte versuchen etwas zu verändern."

Auch der Gegner hat Verständnis

Selbst der Sieger wirkte unglücklich mit dem Verlauf des kleinen Finales. "Das ist ein Blödsinn", sagte Habesohn im Gespräch mit SPORT1.

Die auf bizarre Weise unterlegenen Deutschen, die gegen Österreich sogar noch zum absolut wertlosen Doppel antreten mussten, gaben sich aber zuversichtlich, die Geschehnisse schnell abhaken zu können und keine negativen Schwingungen mit in den wichtigen Einzelwettbewerb zu transportieren. "Wir sind trainiert, die Vergangenheit ruhen zu lassen", sagte Ovtcharov: "Es ist gut, dass wir jetzt einen freien Tag haben. Das Einzel ist ein neues Turnier."

Und auch die Stimmung wärmte sich schnell wieder auf, nicht zuletzt aufgrund des Botschafters im Team.

"Ich habe den Jungs gesagt, ich will mit 'Herr Botschafter' angeredet werden", erzählte Ovtcharov schmunzelnd und löste damit ein lautes Lachen seines Trainers aus. Die Rolle will er angesichts der anhaltenden Diskussionen um Menschenrechtslage, Pressefreiheit und Kostenexplosion in Aserbaidschan aber nicht überinterpretiert wissen.

"Ich bin Botschafter des Events, weil ich das für eine gute Idee halte, und nicht des Landes", stellte er klar: "Das sind zwei Paar Schuhe."

Boll sagt ab, Ovtcharov kämpft sich durch

Nur für Ovtcharov geht es aus deutscher Sicht ab Mittwoch nun noch um das Olympiaticket, das der Sieger im Einzelwettbewerb direkt löst.

Boll, aktuell Nummer zwei in Europa, sagte am Dienstag auch seinen Einzelstart aufgrund der Folgen einer Lebensmittelvergiftung ab. Baum schaut zu. Auch hier ist keine Nachnominierung mehr möglich.

Und der lädierte Rücken, mit dem sich "Dima" seit geraumer Zeit rumschlägt? "Richtig gut wird’s nicht mehr", sagte Ovtcharov: "Dafür brauche ich eine Pause. Aber ich kämpfe mich hier durch."

Man kann im Sinne des Sports nur hoffen, dass es nicht schlimmer wird mit dem Rücken des Botschafters.

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