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Aserbaidschan
Die Straßen in Aserbaidschan sind nicht nur motorisierten Fahrzeugen vorbehalten © SPORT1

Von unangenehmen Begegnungen mit Journalisten über eine Fahrt durch die Wüste bis zu organisatorischen Mängeln. Ein Reisebericht der SPORT1-Reporter über Aserbaidschan.

Der Tag beginnt früh, sehr früh, zu früh. Zumindest zu früh für Frühstück. Und er beginnt mit einer guten Tat. Aus zwei okkupierten Sitzplätzen wird einer, weil kurz vor der Abfahrt noch zwei polnische Kollegen mit leicht glasigen Augen in den Bus huschen. Die Nächstenliebe wird sich noch als fataler Fehler erweisen.

Die Fahrt geht über etwa viereinhalb Stunden ins 270 Kilometer von Baku entfernte Mingachevir, wo die Kanuwettkämpfe der Europaspiele (täglich LIVE im TV bei SPORT1) stattfinden. 5.30 Uhr hin, abends zurück, eine runde Tour und eine willkommene Abwechslung zur Hatz von Halle zu Halle, endlich die Gelegenheit, etwas vom Land zu sehen.

Steinig und ausgetrocknet

Doch die Szenerie erweist sich als nicht sonderlich spektakulär. Weitgehend plattes Land, steinig, ausgetrocknet und dürftig bewachsen, hier und da eine Pipeline. "Fünf Stunden durch die Wüste" wird später ein Athlet seine Eindrücke schildern.

Wüste Aserbaidschan
Trockene Landschaft und Wüste prägen das Bild von Aserbaidschan © SPORT1

Immerhin, nahe Mingachevir steigt eine Bergflanke auf, es wird etwas grüner. Das Highlight ist die schmucke Regattastrecke, deren Tage aber – so munkelt man – bei anhaltender Erfolglosigkeit gezählt sind.

Dass Aserbaidschans Vorzeige-Kanute Walentin Demjanenko sich im C1 über die 200m mit Silber begnügen muss, in einem der elf Finalläufe, die an diesem Dienstag stattfinden, ist kein gutes Omen angesichts der hiesigen Ansprüche. (Alle Ergebnisse der Europaspiele 2015)

Ein gewaltiger Wutausbruch

Das Athletendorf im Austragungsort der Europaspiele Baku bei Nacht © SPORT1

Der Reiz der Rückfahrt liegt größtenteils in ihrer Organisation. Zuvor präzise terminiert, ändern sich Ort und Zeit des Busses im Tageverlauf beinahe minütlich, was zunächst noch für Erheiterung unter den Journalisten sorgt.

Man kennt das ja. Bis der slowakische Presseattache die Nerven verliert und in einem gewaltigen Wutausbruch die Sache irgendwie regelt. So ist es hier meistens. Alle warten, bis einer mit dem gleichen Anliegen ausrastet und damit den nötigen Druck erzeugt, dass etwas passiert.

SPORT1 vor Ort in Baku
Für SPORT1 bei den Europaspielen vor Ort in Baku: Julian Meissner, Nele Schenker, Anett Sattler (v.l.) © SPORT1/Getty Images

Ein Damm vor dem Kollaps?

Es geht los. Ein letzter Blick auf den River Kur, die Lebensader Aserbaidschans, gestaut von einem gewaltigen Damm, lange der größte am Kaukasus. Gebaut wurde er in den Jahren 1948 bis 1954 mit der Hilfe deutscher Kriegsgefangener (vielleicht die gleichen, die beim Bau der Promenade in Baku angeblich gestreikt haben sollen, weil der Beton keine ansprechende Qualität hatte). Damit ist er etwas in die Jahre gekommen.

Das hydro-elektrische Bauwerk sorgt für Mingachevirs Wasser- und Stromversorgung, die laut Reiseführer für das provinzielle Aserbaidschan "ungewöhnlich zuverlässig" ist. Weiter heißt es in Mark Elliots "Azerbaijan": "Die Bevölkerung ist ausgesprochen glücklich damit und scheint immun zu sein gegen Experten, die seit Jahren warnen, der Damm sähe einem katastrophalen Kollaps entgegen, sollte er nicht verstärkt werden."

Der Sitznachbar mit glasigen Augen

Busfahrt nach Mingachevir
Die Busfahrt der Journalisten nach Mingachevir ist für die meisten eine verpennte Angelegenheit © SPORT1

Womit wir wieder bei der Hinfahrt wären und den Katastrophen der Gegenwart. Oder sagen wir maßstabsgetreu vielleicht besser, zu den Missgeschicken.

Einer der zwei glasigen Nachzügler, mein Nebenmann, für den ich bereitwillig Platz machte, behält seine letzte Mahlzeit – fest oder flüssig, das ist auch in der Nachlese nicht genau zu klären - leider ziemlich genau eine Minute bei sich.

Für die restlichen vier Stunden und 29 Minuten erweist es sich als Vorteil, dass es zu früh für Frühstück war am Morgen.

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