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Dirk Schuster (r., mit Aytac Sulu) begann seine Trainerkarriere beim ASV Durlach

Von Reinhard Franke

München - Lange haben die Darmstädter Fans darauf warten müssen.

In der Saison 1992/93 spielte Darmstadt 98 letztmals in der 2. Liga, in den darauffolgenden Jahren bekamen die Anhänger der "Lilien" nur dritt- bzw. viertklassigen Fußball serviert.

Die Sehnsucht nach einer Rückkehr in bessere Zeiten war groß.

Seit dieser Saison ist in Darmstadt die Euphorie zurück - dank des Aufstiegs in zwei denkwürdigen Relegations-Duellen gegen Arminia Bielefeld.

Es war ein ähnlicher Überraschungscoup wie der Aufstieg des SC Paderborn in die Erste Liga.

Und es gibt durchaus Parallelen zwischen beiden Klubs. Trainer Dirk Schuster hat ganz Darmstadt wachgeküsst - ähnlich wie Andre Breitenreiter in Paderborn ein neues Feuer entfacht hat.

Vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg, dem ersten Montags-Livespiel in der Vereinsgeschichte, zeigt sich Schuster im Gespräch mit SPORT1 dann auch recht euphorisch: "Es ist eine geile Situation, die wir uns alle erarbeitet haben. Dass wir uns vor einem Millionen-Publikum präsentieren können, darauf freuen wir uns natürlich."

Beide Seiten profitieren

In Darmstadt hat der 46-Jährige, der im Dezember 2012 von den Stuttgarter Kickers ans Böllenfalltor wechselte, offenbar sein Glück gefunden.

"Ich denke, dass es mit dem Klub und mir ganz gut passt. Es ist eine Symbiose, wo beide Seiten schön davon profitieren", sagt er voller Überzeugung.

Der Blick auf die Tabelle belegt seine erfolgreiche Arbeit. Vor dem Duell mit dem Bundesliga-Absteiger stehen Schusters Jungs nach zehn Spieltagen auf Platz sieben. Mit einem 1:0-Sieg könnte sogar Platz vier erobert werden.

Bei einem Sieg mit fünf Toren Unterschied würde sogar Platz drei winken. Doch geträumt wird nicht in Darmstadt. Man bleibt geerdet.

"Ich bin einer, der die Ärmel hoch krempelt, erst mal arbeitet, sich danach über irgendwelche Dinge unterhält und etwas einfordert", sagt Schuster.

"Schöne Ausgangsposition"

Die aktuelle Platzierung sei "eine schöne Ausgangsposition, mehr aber nicht. Jetzt von höheren Zielen zu träumen, wäre fatal und das würde auch gar nicht zu Darmstadt passen. Das würde in die Hose gehen."

Man sei "bodenständig genug" und gehe "mit einer normalen Portion Demut an die ganze Geschichte ran."

Schuster stellt zudem klar: "Unser Wunder haben wir in der letzten Saison erreicht, als wir als Viertligist in die 2. Liga aufgestiegen sind. Das war das Wunder von Bielefeld. Alles andere als der Ligaverbleib ist absolut utopisch."

Premiere für Maskenmann Sulu

Auch Darmstadts Kapitän und Maskenmann Aytac Sulu bleibt realistisch und genießt einfach den Moment. "Ich erlebe so eine Situation zum ersten Mal in meiner Karriere, dass ich als Kapitän im Unterhaus bin", sagt der 28-Jährige SPORT1.

Sulu wird auch der "Klitschko der 2. Liga" genannt. Am zweiten Spieltag gegen den FC Ingolstadt erlitt er vier Brüche im Gesicht. Seitdem trägt er eine Gesichtsmaske.

"Ich bin kein Kind von Traurigkeit", verrät der Abwehrmann, "bin aber kein unfairer Spieler." Er sei zwar "ein harter Hund", aber "ich versuche meine Zweikämpfe so zu gewinnen, dass wir im Ballbesitz bleiben."

Der Erfolg mit seinem Team mache ihn "stolz. Auch die Jungs sind stolz, was wir bisher geleistet haben." Es sei "ein richtig geiles Feeling."

20 Punkte bis zum Winter

Dennoch glaubt auch Sulu nicht daran, "dass wir etwas mit dem Aufstieg zu tun haben werden. Es gibt andere Teams wie Nürnberg, wo das eher ein Thema ist."

Das kurzfristige Ziel sei "20 Punkte bis zur Winterpause" zu erreichen. Für den Innenverteidiger ist die Darmstädter Erfolgsformel relativ simpel: "Der Wohlfühlfaktor, das Selbstbewusstsein und die Art und Weise, wie wir Fußball spielen."

Für Schuster gibt es ein Extra-Lob: "Der Trainer passt super zum Verein. Er stellt eine Mannschaft auf, die auf dem Platz das widergibt, was er vorgibt. Das Drumherum passt genauso gut wie unsere Tugenden auf dem Platz."

"Kein Kind von Traurigkeit"

Kampfgeist und Leidenschaft lebt Sulu zu 100 Prozent vor. Tugenden also, die Schuster sehen will.

Sulu selbst nimmt sich aber gar nicht so wichtig: "Es gibt viele andere wichtige Spieler neben mir. Man kann es nicht nur an einer Person festmachen. Die Mannschaft ist der Star."

So war es auch bei Paderborn. Die Darmstädter Fans hätten jedenfalls nichts dagegen, wenn der Weg ihres Teams ähnlich verläuft, wie der des SC.

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