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Gertjan Verbeek wurde in Nürnberg entlassen
Gertjan Verbeek startete seine Karriere als Cheftrainer 2001 Heracles Almelo © Getty Images

München - Vor dem Spiel beim 1. FC Nürnberg spricht Bochums Trainer Gertjan Verbeek über den VfL, die neue Offensivlust, seine Zeit beim Club - und sein Verhältnis zu Journalisten.

Gertjan Verbeek hat den Erfolg zum VfL Bochum zurückgebracht.

Seit der 52 Jahre alte Fußballlehrer zum Jahreswechsel an die Castroper Straße wechselte, distanzierte sich der Verein Stück für Stück von der Abstiegsregion, bis auf aktuell Platz zwölf. In sechs Spielen unter Verbeek gab es nur eine Niederlage.

In Bochum scheint Verbeek also der Retter zu sein? Vor knapp einem Jahr war er noch ein Verstoßener. Bis April 2014 war der Niederländer Trainer des 1. FC Nürnberg, am Montag Gegner der Bochumer (19.45 Uhr LIVE im TV auf SPORT1, LIVE im Sportradio auf SPORT1.fm und im LIVETICKER).

Bei den Franken wurde der Niederländer nach sechs Monaten wegen Erfolglosigkeit entlassen. Es kommt also zu einem brisanten Wiedersehen.

Vor dem Spiel beim Club spricht Verbeek im SPORT1-Interview über den VfL, die neue Offensivlust, seinen Ex-Verein - und sein Verhältnis zu Journalisten.  

SPORT1: Herr Verbeek, wie bewerten Sie Ihre ersten zweieinhalb Monate beim VfL? Man hat das Gefühl der Klub passt zu Gertjan Verbeek und umgekehrt.

Gertjan Verbeek: Es ist angenehm, beim VfL zu arbeiten. Die Zusammenarbeit klappt wunderbar, und zwar mit jedem im Verein. Von daher täuscht der Eindruck nicht.

SPORT1: Sie und das Team scheinen immer besser zueinander zu finden. Die Mannschaft steht auf Platz zehn und nach dem 4:1 gegen Heidenheim hat man der Abstiegsgefahr endgültig den Rücken gekehrt. Was sind die Gründe für den Erfolg?

Verbeek: Zum einen ist eine Gefahr erst dann gebannt, wenn sie tatsächlich keine mehr ist. Es sind noch neun Spieltage zu absolvieren und somit 27 Punkte zu vergeben. Erst wenn es rechnerisch sicher ist, ist man gerettet. Aber es stimmt: Die Mannschaft erarbeitet sich Woche für Woche mehr von der Philosophie, die wir ihr beibringen. Das funktioniert nur über intensive Trainingsarbeit.

SPORT1: Sie sind ein Freund des Offensivfußballs. Trägt Ihre Arbeit im Angriff schon genügend Früchte?

Verbeek: Schauen Sie sich unsere letzten Heimspiele an: In den letzten drei Partien gab es zu Hause zehn Tore. Als ich hier angetreten bin, wollten wir mehr Punkte holen, mehr Tore schießen und weniger kassieren. Am letzten Punkt müssen wir nun weiter verstärkt arbeiten, dann klappt es mit den ersten beiden noch besser.

SPORT1: Zuletzt gaben Sie eine außergewöhnliche Pressekonferenz, wo Sie die Journalisten angegriffen haben. Inwieweit hat sich Ihr Ärger gelegt?

Verbeek: Das war zum Teil ein Missverständnis. Ein Journalist ist sozusagen zweimal "in die Schusslinie" geraten, weil wir etwas aneinander vorbeigeredet haben. Ich habe versucht, ihm etwas zu erklären, er hat es nicht ganz verstanden. Danach fühlte ich mich missverstanden und so hat sich das Ganze hochgeschaukelt. Wir haben uns aber kurz danach ausgesprochen und die Sache ist erledigt. Wir sind beide nicht nachtragend.

SPORT1: Sie haben also kein Problem mit Journalisten?

Verbeek: Nur mit bestimmten Formen der Wiedergabe. Generell mag ich es nicht, dass, wenn ich etwas sage, es nicht wiedergegeben wird. Ich finde, die Leute haben ein Recht darauf zu erfahren, was ich sage und wie ich denke. Und wenn sie nur die Meinung des jeweiligen Autors bekommen, dann braucht der mich auch nichts mehr zu fragen. Was ich zudem nicht leiden kann, sind Fragen, die die Antwort schon vorwegnehmen. Speziell der Boulevard arbeitet mit dieser Methode. Solche Artikel haben in meinen Augen nichts mit Journalismus zu tun, sondern dienen lediglich der Stimmungsmache.

SPORT1: Am Montag geht es zu Ihrem Ex-Klub. Ein besonderes Spiel für Sie?

Verbeek: Ein besonderes Spiel ist es in dem Sinne nicht, dass die Zeit in Nürnberg zu kurz war. Dass sie mich dennoch geprägt hat, habe ich soeben hoffentlich hinlänglich beschrieben. Und insofern muss ich sagen: Natürlich sind Spiele gegen ehemalige Vereine, in denen man gespielt oder gearbeitet hat, etwas Besonderes, weil immer mindestens ein Detail besonders ist. Bei mir: Der 1. FC Nürnberg war meine erste Auslandsstation. Und damit verbinde ich durchaus sehr schöne Erinnerungen, trotz der Kürze der Zeit.

SPORT1: Was haben Sie aus Ihrer Nürnberger Zeit gelernt?

Verbeek: Was es bedeutet, wenn man für einen Traditionsverein arbeitet. Da sind viele Interessen im Spiel, die Medienlandschaft ist eine andere und, ganz wichtig: die Fans. Die sind zahlreich und lieben ihren Verein, den Club, über alles. Das finde ich super.

SPORT1: Ihr Aus in Nürnberg kam für manch einen überraschend. Für Sie auch?

Verbeek: Martin Bader (FCN-Vorstand, Anm. d. Red.) wollte mit mir kurz zuvor noch verlängern. In der nächsten Woche wurde ich entlassen. Mit mir hat der Club aus 22 Spielen 20 Punkte geholt. In den anderen 12 Spielen nur sechs Punkte, nach meiner Entlassung gar keinen. Ich glaube, meine Bilanz ist gar nicht so schlecht gewesen, oder?

SPORT1: Warum gelingt ausgerechnet beim Club der erste Auswärtssieg unter Ihrer Regie? Wie gehen Sie das Spiel an?

Verbeek: Wie ich jedes Spiel angehe: Ich werde die Mannschaft bestmöglich auf den kommenden Gegner vorbereiten. Wir spielen immer, um drei Punkte mitzunehmen. Egal, ob in Karlsruhe, Düsseldorf oder Nürnberg. In Karlsruhe und Düsseldorf waren wir die bessere Mannschaft und dicht dran.

SPORT1: Was ist mit dem VfL noch drin? Ein guter einstelliger Tabellenplatz dürfte alle zufrieden stimmen, oder?

Verbeek: Da wir jedes Spiel gewinnen wollen, sind noch 27 Punkte drin. Wenn wir die holen, wäre es optimal. Als Trainer bist du eigentlich nie zufrieden. Aber wenn wir die Spielphilosophie von Spiel zu Spiel mehr und besser verinnerlichen, wäre auch schon ein großer Schritt getan. Das muss also auch unser Ziel sein.

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