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Peter Pacult (l.) spielte von 1993 bis 1995 für den TSV 1860 München. Rechts: Investor Hasan Ismaik, Mitte: Präsident Peter Cassalette

München - Trainer-Entlassung, vorübergehender Medien-Boykott mit Hausverbot für Journalisten. Bei 1860 regiert das Chaos. Jetzt spricht Ex-Löwe Peter Pacult bei SPORT1 über den Münchner Traditionsklub.

Bei 1860 München regiert das Chaos. 

Sportlich ist der Verein am Abgrund und auch hinter den Kulissen geht es drunter und drüber.  

Nach der Entlassung von Ex-Trainer Kosta Runjaic hat Investor Hasan Ismaik einen Boykott der Medien verkünden lassen. Doch das war nicht die einzige fragwürdige Entscheidung.Negativer Höhepunkt: Den Journalisten wurde der Zugang zum Trainingsgelände verwehrt.  Immerhin wurde dieses Verbot am Dienstag wieder aufgehoben

Peter Pacult, der 1994 mit den Löwen in die Bundesliga aufstieg, macht sich Sorgen um seinen Ex-Klub. Im SPORT1-Interview spricht der 57-Jährige über die Lage beim taumelnden Traditionsverein.  

SPORT1: Herr Pacult, was fällt Ihnen zu 1860 noch ein?

Peter Pacult: Trotz der ganzen Unruhe der vergangenen Woche ist es ein wunderbarer Traditionsverein mit tollen Fans. Und in Deutschland hat der Klub immer noch einen guten Namen.

SPORT1: Momentan herrscht Chaos und kein Ende ist in Sicht. Die Löwen befinden sich am Abgrund. Warum?

Pacult: Sportlich sieht es düster aus. Unruhe kommt immer auf, wenn die positiven Ergebnisse ausbleiben. Man ist mit einem großen Budget und sehr hohen Erwartungen in die neue Saison gegangen und hat dementsprechend viel investiert. Ich kann mir nicht erklären, was wirklich los ist.

SPORT1: War die Entlassung von Kosta Runjaic richtig?

Pacult: Ich denke da absolut kollegial. Für jeden Trainer, der entlassen wird, tut es mir leid. Ich habe es am eigenen Leib kennengelernt. Warum Runjaic gehen musste, entzieht sich meiner Kenntnis.

SPORT1: Präsident Peter Cassalette sagte, dass die Entlassung vor dem Spiel gegen Kaiserslautern beschlossen wurde. Muss man da die Stilfrage stellen?

Pacult: Ich kann da nur etwas schmunzeln, weil mir das Gleiche passiert ist. Ich war 2013 Trainer bei Dynamo Dresden, und wir haben die Relegation gewonnen. 90 Minuten vor dem Rückspiel sagte ein Journalist zu mir: 'Peter, egal, wie das Spiel ausgeht, du wirst nicht weitermachen können'. Das hat mich im ersten Moment sehr getroffen. So ist es bei vielen Vereinen. Wenn es nicht läuft, macht sich der Verein längst schon Gedanken. Dann kommt es zur Trennung und zwei Tage später steht ein neuer Trainer auf der Matte. So blauäugig sind wir Trainer nicht, Runjaic hat bestimmt etwas geahnt. Jede Trainerentlassung ist für mich ein Stich ins Herz.

SPORT1: Was halten Sie von Cassalette?

Pacult: Er will Ruhe in den Verein bringen. Okay, das klingt in der aktuellen Situation ironisch. Natürlich bringt Hasan Ismaik das Geld rein. Wer zahlt, bestimmt die Musik. Ruhe bedeutet aber auch, dass der sportliche Erfolg da sein muss. Wenn das nicht gegeben ist, dann hast du bei Traditionsvereinen immer wieder Probleme.

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SPORT1: Die Fans hielten beim Spiel in Braunschweig ein Banner mit der Aufschrift 'Cassalette Marionette' hoch. Sehen Sie das auch so?

Pacult: Nein. Er ist mit Sicherheit keine Marionette. Man muss auch mal fragen, wer sich in so einer Situation zur Verfügung stellt. Cassalette hat sich bestimmt vorher genau überlegt, was es heißt, den Job des Präsidenten auszuüben. Er ist alt genug, um zu wissen, was er sich da antut. Nochmal: Cassalette will bestimmt Ruhe in den Klub bringen. Er ist keine Marionette. Präsident bei 1860 ist kein leichter Job. Die alten Präsidenten hatten auch die Möglichkeit gehabt, aus dem Verein etwas zu machen. Aber gelungen ist es ihnen nicht. Cassalette macht auf mich einen soliden Eindruck.

SPORT1: 1860 hatte seit dem Abstieg 18 Trainer. Ist das nicht Wahnsinn?

Pacult: Das erinnert ein wenig an den Hamburger SV. Ich glaube, die Hanseaten sind da der Spitzenreiter. Oder doch die Löwen? Mit dem Abstieg, der sowas von unnötig war, hat das ganze Dilemma begonnen. Der Verein ist da in ein Desaster gerutscht und hat sich davon bis heute nicht erholt. Es gab seit dem Abstieg 2004 neun Präsidenten. Das sind deutlich zu viele.

SPORT1: Und was sagen Sie zu Investor Hasan Ismaik?

Pacult: Natürlich tut es ihm weh zu sehen, dass sein Geld nicht die Erträge bringt, die er sich wünscht und dass der sportliche Erfolg ausbleibt. Natürlich wollen die Verantwortlichen, dass der Plan so aufgeht wie bei RB Leipzig mit dem Investor Dietrich Mateschitz, aber das gelingt nicht. In Leipzig ist alles so eingetroffen, wie man es sich erhofft hat. Bei den Löwen ist leider der sportliche Erfolg nicht da, so dass man nur etwas neidisch nach Leipzig schauen kann.

SPORT1: Wie gefährlich ist die Macht von Ismaik?

Pacult: So hart die Kritik an seiner Person gerade auch ist, muss man mal bedenken, was 1860 ohne diesen Mann wäre. Ismaik hat dem Klub vor Jahren geholfen, dass dieser überhaupt noch existieren kann. Man sollte jetzt nicht den Investor kritisieren, sondern man sollte auch das Positive betrachten. Er hat Sechzig gerettet. Das ist keine Schleimerei bei Herrn Ismaik, sondern die pure Realität. Als Präsident Wildmoser den Verein übernahm, gab es noch keine Millionen, aber mit guter Trainerarbeit sportlichen Erfolg.

SPORT1: Wird die Traditionsmarke 1860 durch Ismaik beschädigt?

Pacult: Natürlich schaut das für Außenstehende nicht gut aus. Aber man weiß auch, wie schnell alles gehen kann. Wenn jetzt der richtige Trainer kommt und man erholt sich sportlich wieder, dann kann das in einigen Wochen schon wieder ganz anders ausschauen. Wenn irgendwas Positives passiert, dann kommen die Leute schon wieder zu Sechzig. So verrückt ist dieser Klub. Aber natürlich muss man sich alles hart erarbeiten. Den Wunschtrainer gibt es nicht.

SPORT1: Thomas Eichin wurde von Ismaik degradiert. Dabei war es Eichin, der im Sommer gute Spieler holte. Wie sehen Sie es?

Pacult: Ich sehe das nicht als Degradierung. Herr Eichin ist als Sportdirektor und Geschäftsführer eingestellt worden. Aber mit der Überlegung, dass er zu einem späteren Zeitpunkt nur noch Sportdirektor sein soll. Da gab es offenbar klare Absprachen. Diese Doppelfunktion war nicht auf Dauer angesetzt. Und wie schwer es ist , das unter einen Hut zu kriegen, sieht man an Dietmar Beiersdorfer beim HSV. Beide Jobs auszufüllen, das ist schon ein schwerer Rucksack.

SPORT1: Was für einen Trainer braucht 1860?

Pacult: Wie Herr Ismaik schon gesagt hat, muss ein Trainer her, der den Verein, die Umstände und das Umfeld kennt. Da wird ja ohnehin schon das Kandidatenfeld eingegrenzt. (lacht)

SPORT1: Also würden Sie bestens passen, oder?

Pacult: (lacht) Wenn es nach dem Profil geht, würde ich diese Anforderung mitbringen. Ich würde mir alles anhören. Ich passe in das Profil 1860.

SPORT1: Jetzt gab es einen Medien-Boykott. Was sagen Sie dazu?

Pacult: Es steht Herrn Ismaik und dem Verein zu, das zu entscheiden. Vielleicht will er einfach, dass Ruhe einkehrt, damit er intern abklopfen kann, was aktuell los ist. So eine Mediensperre kann auch hilfreich sein, damit der Verein dann wieder anders arbeiten kann. Dass Daniel Bierofka nach einem Spiel etwas sagen muss, ist normal. Ismaik ist sauer auf die Berichterstattung und will einfach nur den Ball flach halten.  

SPORT1: Die nächste Aktion war, dass die Journalisten das Trainingsgelände nicht betreten durften.

Pacult: Das war eine etwas eigenwillige Entscheidung. So etwas hätte es damals zu unserer Zeit nicht gegeben. Da gab es auch mal Situationen, wo es nicht so lustig war. Jetzt wird leider vieles groß aufgebauscht.

SPORT1: Schadet sich der Verein aber nicht durch solche Aktionen?

Pacult: Zumindest ist es für die Journalisten nicht angenehm. Und es ist keine Frage, dass das nach außen hin nicht positiv bewertet wird.

 

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