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Guus Hiddink
Guus Hiddink (r.) trat bei den Niederlanden die Nachfolge von Louis van Gaal an. © Imago

Prag - Schon nach zwei Spielen wird der neue Bondscoach Guus Hiddink in Frage gestellt. Das Erbe von Louis van Gaal wiegt schwer.

Von Francois Duchateau

Über eine halbe Stunde ließ Guus Hiddink die Niederländer warten.

"Ich war fuchsteufelswild und musste abdampfen", erklärte der Bondscoach seine Verspätung zum obligatorischen Interviewtermin mit dem niederländischen Rundfunk. "Aus Selbstschutz", betonte er.

Bereits nach seiner ersten Länderspielwoche befindet sich der Nachfolger von Louis van Gaal in Erklärungsnot. Die vielen Zweifler sehen sich nach zwei Niederlagen im Testspiel gegen Italien (0:2) und zum Auftakt in die EM-Qualifikation in Tschechien (1:2) bestätigt.

So schlecht startete seit 1995 kein Bondscoach in eine neue Amtszeit. Trainer damals: Guus Hiddink.

Gestiegene Erwartungshaltung

Nach dem respektablen dritten Platz bei der WM in Brasilien unter van Gaal sind die Erwartungshaltungen rund um die "Elftal" deutlich gestiegen. Die System-Debatte, die unter dem neuen Coach von Manchester United begann, ist zur Falle für seinen Nachfolger geworden. Eine Falle, aus der Hiddink kaum mehr als Sieger entkommen kann.

Zwischen beiden Trainern herrscht pikanterweise seit langem ein unausgesprochener Konkurrenzkampf - dabei könnten sie unterschiedlicher nicht sein.

Während van Gaal jedes Training akribisch wie eine Abschlussprüfung gestaltet, setzt Hiddink eher auf Wohlfühlatmosphäre. Er ist bekannt als "People Manager", der über die Jahre gelernt hat, unterschiedliche Kulturen und Spielertypen zu handeln.

Rückkehr zum traditionellen 4-3-3

Seine Länderspiel-Lehrgänge werden von Journalisten oft als gesellige "Kaffeekränzchen" beschrieben. Auch Ex-Nationalspieler und TV-Analyst Ronald de Boer schlug zuletzt in diese Kerbe. Taktisch habe er unter Hiddink - im Vergleich zu van Gaal - eigentlich nichts gelernt, als dieser zwischen 1995 und 1998 seine erste Amtszeit als Oranje-Coach hatte.

Gegen Italien wich Hiddink vergangenen Donnerstag vom 5-3-2 ab, mit dem van Gaal am Zuckerhut erfolgreich die defensiven Schwächen der international eher unerfahrenen Defensive auffing und führte groß angekündigt das landestypische 4-3-3 ein.

Mit den Außenstürmern Jeremain Lens und Dirk Kuyt, bei der WM noch defensiver Notnagel, machten die Niederländer gegen die "Azzurri" jedoch keine gute Figur.

Kritiker feiern Ex-Coach van Gaal

Die Niederlage in Bari wurde in den Niederlanden als ultimativer nachträglicher Triumphzug van Gaals gefeiert. Selbst seine schärfsten Kritiker sangen Loblieder auf den Ex-Bayern-Trainer, der zwar spielphilosophisch von der heiligen holländischen Schule abwich, aber taktisch die Erfolgsformel für das heutige Oranje fand, das sich immer abhängiger von Arjen Robben zeigt.

Der angeschlagene Bayern-Star fehlte der "Elftal" am Dienstag zum EM-Quali-Auftakt gegen Tschechien ebenso wie Verteidiger Ron Vlaar, der in Brasilien seinen Nebenmännern Halt gab.

Hiddink gab dem öffentlichen Druck nach und ließ die Niederlande zunächst im 5-3-2 seines Vorgängers agieren, das jedoch einen frühen Rückstand durch Borek Dockal (22.) nicht verhindern konnte.

Hiddink lässt eigene Linie vermissen

Er habe doch auf den Reporter gehört und die Taktik für das Pflichtspiel in Prag gewechselt, trotzte Hiddink unsouverän im TV-Interview.

Es scheint, dass Hiddink schlichtweg eine eigene Linie vermissen lässt.

Bereits vor der Pause wechselte er Ajax-Verteidiger Joel Veltman aus und wieder zurück auf ein 4-3-3. Lazio-Einkauf Stefan de Vrij gelang in der 55. Minute zwar der zwischenzeitliche Ausgleich zum 1:1 - doch was Oranje zeigte, war Panikfußball.

Pleiten durch individuelle Fehler

Ein Patzer von Daryl Janmaat in der Nachspielzeit machte den Fehlstart perfekt. Der Newcastle-Neuzugang wollte den Ball eigentlich Richtung Torwart klären, köpfte aber an Jasper Cillessen vorbei an den Pfosten und so Vaclav Pilar in die Füße, der in der 91. Minute den 2:1-Endstand markierte.

"Es war mein Fehler", nahm Janmaat die Niederlage auf seine Kappe. Zwar entstand diese wie gegen Italien - dort verschuldete Bruno Martins Indi die Gegentreffer - durch individuelle und "naive" (Hiddink) Blackouts.

Hiddink ein Auslaufmodell?

Doch der neue Bondscoach wird nach den schwachen Vorstellungen nicht um eine System-Diskussion und die Vorwürfe, er sei ein Auslaufmodell, herumkommen.

Denn längst regnet es nicht nur in den sozialen Netzwerk Spott, Hiddink hätte binnen fünf Tagen so viele Spiele mit dem WM-Dritten verloren, wie van Gaal in den letzten zwei Jahren.

Auch der KNVB gerät ins Kreuzfeuer, der Hiddink mit der Erinnerung an 1998 angestellt hatte, als Oranje bei der WM in Frankreich seinen vielleicht schönsten Fußball seit den glorreichen Siebziger Jahren spielte.

Gespräche mit Koeman abgebrochen

Ronald Koeman - mit 51 Jahren deutlich jünger - war eigentlich der Wunschkandidat des Volkes. In den vergangenen Jahren half Koeman Traditionsklub Feyenoord Rotterdam wieder auf die Beine, seit dem Sommer trainiert er den englischen Erstligisten FC Southampton.

Der Ex-Nationalspieler machte selbst nie einen Hehl daraus, dass der Posten als Bondscoach sein absoluter Traum sei.

Tatsächlich sprach der niederländische Fußballverband auch mit dem ehemaligen Barca-Star - um während der Gespräche urplötzlich Hiddink aus dem Hut zu zaubern. Als Assistent wurde ihm weiter Danny Blind an die Seite gestellt, der nach der EM 2016 übernehmen soll.

Unverständnis für Co-Trainer Blind

Auch an van-Gaal-Schüler Blind geht der Kritikhagel nicht vorbei. Seit Jahren wird ihm vorgeworfen, ein Ja-Sager und Fähnlein im Winde zu sein. Wie könne er mit van Gaal ein System für die Elftal erarbeiten, das auf den Kader zugeschnitten sei und sich wenige Wochen später hinter ganz andere Pläne stellen?

Blind bereits im Vorfeld als Hiddink-Nachfolger 2016 zu installieren, erntete ebenfalls großes Kopfschütteln in den Niederlanden. Denn scheitert Hiddink, ist ein Bondscoach Blind nur schwer vermittelbar.

Hoffnung für Huntelaar

Spannend wird zu sehen sein, was die beiden, die im Gegensatz zu Joachim Löw keinen Umbruch bewerkstelligen müssen, im Oktober bei den Qualifikationsspielen gegen Kasachstan und in Island planen.

Neben dem Ex-Schalker Ibrahim Afellay und Linksverteidiger Erik Pieters, die nach langer Abstinenz wieder nominiert wurden, darf vor allem Klaas-Jan Huntelaar hoffen, der diesmal verletzt fehlte.

"Es werden harte Worte fallen"

Unter van Marwijk und van Gaal spielte der Schalke-Stürmer nur die zweite Geige, da auf Robin van Persie im Sturm gesetzt wurde. Hiddink hatte zuletzt angekündigt, das Tabu brechen zu wollen und möglicherweise beide gemeinsam im Angriff testen zu wollen.

Mittelfeldstar Wesley Sneijder stellt sich jedenfalls auf ungemütliche Wochen ein. "Es werden harte Worte fallen", kündigte er an.

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