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Marcus Wiebusch gründete 2001 die Indie-Rock-Band Kettcar © Andreas Hornoff

Marcus Wiebusch will mit "Der Tag wird kommen" auf Homophobie im Sport aufmerksam machen. Bei SPORT1 spricht er über den Song.

Homosexualität im Profisport gilt immer noch als Tabu-Thema. Nur wenige Sportler hatten bislang ihr Coming-out, offenbar aus Angst ausgegrenzt zu werden.

Marcus Wiebusch, Sänger der Hamburger Indie-Rock-Band Kettcar, hat sich dem Thema angenommen und einen Song geschrieben.

"Der Tag wird kommen" ist eine Kampfansage für Freiheit, Toleranz und gegen Homophobie - nicht nur im Fußball.

 Der dazu entstandene Kurzfilm wurde über Crowdfunding finanziert. Wiebusch fand viele Untersützter für sein Projekt. Statt der ursprünglich angestrebten 30.000 kamen am Ende über 54.000 Euro zusammen. "Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern", singt Wiebusch im Refrain.

Im SPORT1-Interview spricht der 46-Jährige über seine Idee zum Song, Homophobie im Profifußball und dankt dem homosexuellen Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger.

SPORT1: Herr Wiebusch, wie kam es zu dem Song "Der Tag wird kommen"?

Marcus Wiebusch: Ich möchte kurz die Idee zu dem Song skizzieren. Ich bin durch und durch Fußball-Fan, gehe seit 25 Jahren ins Stadion und habe bis zur A-Jugend Leistungsklasse gespielt. Nach einem Spiel kam ich mit einem befreundeten Sportjournalisten ins Gespräch und er wusste von mehreren homosexuellen Fußballprofis - und dem Höllenleben, das sie führen - zu berichten. Das war sehr glaubwürdig, weil ich ihn als sehr gut vernetzt wahrgenommen habe. Er kennt sich ziemlich gut aus in der Fußballbranche.

SPORT1: Von da an war das Thema bei Ihnen im Kopf?

Wiebusch: Ganz genau. Das Thema Homophobie hat mich sehr beschäftigt, auch weil mein Bruder homosexuell ist und er im Stadion neben mir sitzt. Es gab zudem auch mal eine turnusmäßige Veranstaltung meines Vereins für den selbstverständlichen Umgang mit Homosexuellen im Fußball.

Ich erinnere mich an eine recht angeregte Debatte zwischen meinem Bruder und mir über Homosexualität im Fußball im Allgemeinen und Outing im Speziellen. Ich meinte zu ihm, dass seine Gegenargumente, warum sich nie jemand outen wird, gut und schön seien, aber ich sagte ihm, dass ich fest davon überzeugt bin, dass der Tag kommen wird.

SPORT1: Wie ging es dann weiter?

Wiebusch: Ich habe viel recherchiert, habe mehrere Bücher gelesen, die Dokumentation von Aljoscha Pause gesehen und Gespräche mit weiteren Sportjournalisten führen können. Ich habe auch mit Corny Littmann (homosexueller Ex-Präsident des FC St. Pauli, Anm. d. Red.) gesprochen. Dann ist der Song im letzten Jahr entstanden. Im April wurde er veröffentlicht und ich war schon das gesamte Frühjahr über wie besessen davon diesen Film zu drehen.

SPORT1: Der Kurzfilm ist mehr als gelungen...

Wiebusch: Vielen Dank! Ich habe mit verschiedenen Regisseuren gesprochen und hatte das große Problem der Finanzierung. Eines war klar: Ich wollte es auf keinen Fall billig machen, sondern es sollte ein kraftvoller Film werden, der das wesentliche narrative Element des Songs auch aufnimmt. Dann habe ich die beiden Regisseure Dennis Dirksen und Björn Lingner kennengelernt, die es mir ermöglichten diesen Film zu drehen.

SPORT1: Was ist Ihre große Hoffnung durch den Film?

Wiebusch: Weltfrieden! Scherz beiseite. Der Song wird etwas missverstanden in diese Richtung, dass ich Fußballprofis zum Outing auffordere. Das ist nicht so. Ich möchte nur, dass ein Klima herrscht, dass es normal ist, wenn sich Fußballer outen. Denn das ist noch nicht der Fall, weil sich sonst längst ein aktiver Profi geoutet hätte. Aufgrund meiner Recherchen hat sich gezeigt, dass es gehörig auf die Psyche eines Menschen schlägt, wenn er dauerhaft seine sexuelle Orientierung leugnen muss.

Das ist deckungsgleich mit Leuten, die sich geoutet haben, wie der Sänger Ricky Martin oder Rugby-Spieler Gareth Thompson oder auch der American-Football-Profi Michael Sam, die gesagt haben, dass sie ihr Outing als wahnsinnige Befreiung empfunden haben, dass ihr Leben nach dem Outing eigentlich erst begann.

SPORT1: Können Sie nachempfinden, wie sich diese Menschen lange gefühlt haben?

Wiebusch: Auf jeden Fall. Ich kann mir das schon vorstellen. Durch meine Recherchen ergab sich ein Bild und ich hoffe, dass dieses Höllen-Leben dieser nicht geouteten Menschen irgendwann aufhört, dass wir alle unseren Beitrag dazu leisten und dass diese Homosexualität im Fußball anerkannt wird. Dieses Feld kann erkämpft werden. Das wurde in anderen Bereichen auch geschafft, wie in der Politik. Wenn man mir vor zehn Jahren gesagt hätte, dass wir einen schwulen Außenminister haben werden, der in Länder reist, wo Homosexualität unter Strafe steht, dann hätte ich gesagt "das wird nie passieren".

SPORT1: Heute ist alles anders?

Wiebusch: Nicht alles, aber vieles. Schwuler Außenminister, schwuler Bürgermeister von Berlin und Hamburg. Wir werden irgendwann an 2014 zurückdenken, wo wir sagen werden 'weißt du noch, als es keine aktiven homosexuellen Fußballspieler gab'. Der Tag wird kommen.

SPORT1: Welches Feedback haben Sie schon auf den Song bekommen?

Wiebusch: Natürlich hat sich kein aktiver schwuler Fußballprofi bei mir gemeldet und irgendein Feedback gegeben. Mich hat Thomas Hitzlsperger für das Magazin "11Freunde" interviewt und das war sehr interessant. Er fragte, ob wir mal zehn Minuten sprechen können und es wurde eine Stunde daraus. Er findet den Song gut und wichtig und sein Feedback hat mir viel bedeutet. Aber am meisten hat mir bedeutet, was mein Bruder zu dem Song sagt und in dem Zusammenhang auch, was die homosexuelle Community sagt. Ich bin wirklich sehr berührt darüber, dass ich offensichtlich den richtigen Ton getroffen habe und die Leute es toll finden, dass ich diesen Song geschrieben habe. Sie sagen nicht 'was mischst du dich als Hetero da ein?', sondern sie erkennen das an, was der Song will.

SPORT1: Nämlich was?

Wiebusch: Es geht in dem Song ganz stark um Fortschritt und darum, dass man Dummheit überwinden kann. Die ganze erste Strophe handelt eigentlich gar nicht von Homophobie im Fußball, sondern ganz allgemein darum, dass Fortschritt wichtig ist für das Leben der Menschen und dass es besser werden kann.

SPORT1: Sie führen auch Beispiele an...

Wiebusch: Ganz genau. 1905 haben doch Leute wirklich noch gedacht, dass Frauen niemals wählen dürfen. Es geht darum den Fortschritt nie aufzuhalten.

SPORT1: Inwieweit haben Sie die Hoffnung, dass sich nach diesem Song Fußballprofis outen werden?

Wiebusch: Aufgrund des Songs? Ich bin da nicht eitel genug, um sowas anzunehmen. Ich weiß auch nicht, ob es ein Zeitraum von Monaten wird. Es ist schwierig einzuschätzen. Manchmal kommt es auch wie eine Bombe auf einen zu, dass zum Beispiel der amerikanische Football-Profi Michael Sam sich hinstellt und sagt "ich bin schwul" und kriegt einen Deal bei den St. Louis Rams. Das hätte vor fünf Jahren keiner gedacht. American Football ist doch das Archaischste und Männlichste, was es gibt im Sport. Ich kann über Zeiträume nicht reden, ich weiß nur, dass der Tag kommen wird und es wird ein sonniger, freundlicher Herbsttag sein.

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