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Zwischen 1986 und 2003 pfiff Hellmut Krug in der Bundesliga 240 Spiele. © Sport1

Warum zählte das Schalker Tor gegen die Bayern? Wieso bleibt ein Foul ungeahndet? Die Schiedsrichter müssen sich vielen Fragen stellen. Hellmut Krug nennt bei SPORT1 Antworten.

Sie stehen im Fokus. An jedem Bundesligaspieltag. 90 Minuten plus Nachspielzeit. Ihnen bleiben nur 15 Minuten Verschnaufpause. Die Schiedsrichter. Oft gescholten. Selten gelobt.

Ihr Job ist ein kein leichter. "Es gibt eine Fernsehwirklichkeit und eine Realität auf dem Platz", sagt Hellmut Krug, der Berater der Deutschen Fußball Liga in Fragen des Schiedsrichterwesens.

Der heute 58 Jahre alte ehemalige FIFA-Schiedsrichter war zu Gast bei SPORT1, um der Redaktion anhand von Beispielen zu erklären, was sich oft nur schwer nachvollziehen lässt: Warum entscheidet ein Bundesligaschiedsrichter, wie er sich entscheidet. Und wann bleibt die Pfeife stumm.

Strittige Szene auf Schalke

Strittige Szenen sieht er als Herausforderung. Wenn Krug über Regelauslegung spricht, tut er dies mit souveräner Stimme und fröhlichem Grinsen. Es ist sein Metier, kein Zweifel.

Er wirkt bei seinen Vorträgen so, wie er einst mit den Spielern auf dem Platz umging. Doch bei denen kocht bis heute der Puls hoch. Die Superstars des FC Bayern fühlten so am vergangenen Spieltag beim 1:1 auf Schalke.

Weltmeister Benedikt Höwedes hatte Königsblau mit einem vermeintlich umstrittenen Tor einen Punkt gerettet. Aufgebracht stürmten die Bayern-Profis auf Referee Marco Fritz zu. Höwedes' hatte den Ball mit dem Arm über die Linie bugsiert. Daran gab es keinen Zweifel.

Doch gemäß den Regeln war es ein regulärer Treffer. "Die Absicht ist entscheidend", erklärte Krug bei seinem Besuch in München, "ob ein Spieler zum Beispiel weiß, woher der Ball kommt oder nicht."

Problemzone Handspiel

Schnell wurde klar, dass die größte Herausforderung darin besteht, einen für alle nachvollziehbaren Rahmen festzulegen.

"Bei einer normalen Armhaltung ist es kein Handspiel", schilderte er. Eine ungewöhnliche Armhaltung war Höwedes gegen die Bayern nicht zu unterstellen. Soweit, so klar.

Und auch keine Vergrößerung der Körperoberfläche. Es ist die Argumentation, die Experten gerne bei ihren Einschätzungen bemühen. Doch Krug schiebt Pauschalurteilen einen Riegel vor.

"Was ist, wenn einer die Balance halten muss, wenn er in die Grätsche geht und deshalb den Arm ausgestreckt hat?", fragte er in die Runde und antwortete selbst: "Dann ist es nicht als Handspiel zu werten."

Absicht oder nicht?

Der Schiedsrichter müsse zudem die Reaktionszeit eines Spielers berücksichtigen, erzählte er weiter, und ob der Ball zum Arm oder der Arm zum Ball ging.

Dies seien zwar klare Maßstäbe, doch es gebe immer Grenzsituationen. Das könne er aus eigener Erfahrung behaupten, schilderte er, "und dann weißt du nicht, ob es Absicht war oder nicht."

Beim Strafmaß gebe es jedoch keinen Interpretationsspielraum. "Wenn zum Beispiel ein Abwehrspieler ein klares Tor durch ein Handspiel verhindert", erklärte er, "zieht das auf jeden Fall die Rote Karte nach sich."

Schwierige Abseits-Entscheidungen

Nicht minder schwierig ist die Entscheidung über Abseits oder Nicht-Abseits. Krug zeigte eine Szene vom letzten Spieltag der Saison 2012/13.

Marcel Schmelzer von Borussia Dortmund hatte in der Partie gegen 1899 Hoffenheim aus der Distanz abgezogen. Stürmer Robert Lewandowski sprang als letzter Mann vor Keeper Koen Casteels über den Ball - der zappelte im Netz. Doch Lewandowski stand im Abseits.

Das Tor zählte nicht, Hoffenheim rettete sich in die Relegation. "Sehen Sie? Das meine ich mit Fernsehwirklichkeit", erklärte Krug.

Es sei nicht Abseits gewesen, weil Lewandowski dem Torwart die Sicht verdeckte wie von vielen angenommen, erzählte er. "Das war gar nicht der Fall. Casteels hatte klare Sicht. Doch Lewandowski hat ihn durch seine Bewegung irritiert und das ist als Abseits zu werten."

Interpretations-Spielraum bleibt

Dem Torwart eindeutig die Sicht zu nehmen sei dennoch ein Kriterium, ebenso Abpraller. Aber nun mal nicht jeder, sagte er und nannte ein Beispiel: "Der Ball kommt vom Abwehrspieler, dieser wollte ihn aber bewusst spielen. Dann ist es kein Abseits. Der Angreifer kann ja nichts dafür, dass der Klärungsversuch des anderen fehlschlägt."

Klingt kompliziert. Ist es auch. Selbst die Entscheidung über Platzverweis oder Verwarnung erlaubt demnach Interpretationen, trotz klipp und klar formulierter Regeln.

"Bei einem fahrlässigen Foul wird der Foulende nicht verwarnt. Ist das Foul aber rücksichtslos, gibt es die Gelbe Karte. Und bei einem brutalen oder gar gewaltsamen Foul gibt es Rot", schilderte er, "sprich, wenn dem Foulenden zu unterstellen ist, dass er selbst eine Verletzung in Kauf nimmt."

Intensität des Fouls entscheidend

Die Intensität des oder das Geräusch beim Foul seien maßgeblich, meinte er "oder ob ein Gegenspieler noch die Möglichkeit hatte, sich zu retten. Du kannst aber nicht bei jeder Attacke, die nur wüst aussieht, gleich Gelb oder Rot zeigen."

Zu erwarten, dass dies alle Beteiligten sofort nachvollziehen können, ist vermessen. Und so werden die Schiedsrichter auch künftig nicht zu beneiden sein.

Höchstens 15 Minuten lang. Während sie von ihrem toughen Job durchatmen.

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