Ein Unbekannter pinkelt einem Schweizer Keeper in die Flasche. Das wirft Fragen auf. Charles Bukowski hilft, sie zu beantworten.

"Als ich einen Schluck nahm, realisierte ich, dass das Getränk warm war, dachte aber, das sei wegen der Sonne."

Dieser erste Satz sitzt. Man denkt an große Prosa, an Charles Bukowski, den großen Chronisten des Trinkens.

Der so schöne Sätze schrieb wie den, dass das Problem der ganzen Sache folgendes sei: "Wenn etwas Schlechtes passiert, trinkt man um zu vergessen; wenn etwas Gutes passiert, trinkt man um zu feiern; und wenn gar nichts passiert, trinkt man, damit etwas passiert."

Aber gut, Bukowski ist hier nicht das Thema. Der oben angeführte erste Satz mündet nämlich in einen zweiten, der klarmacht, dass wir es hier stattdessen mit Genreliteratur zu tun haben: "Beim zweiten Schluck merkte ich, dass etwas faul war."

Wir haben also einen Kriminalfall, der Plot wiefolgt: Der hier als Ich-Erzähler eingeführte Reto Felder, glaubt, in seiner Funktion als Torhüter des Schweizer Viertligisten Muri AG im Spiel gegen den FC Baden einen gewöhnlichen Schluck aus seiner Trinkflasche zu sich zu nehmen.

Beim erwähnten zweiten Schluck muss er jedoch feststellen, dass sein Trunk mit der erwähnten faulen Substanz versetzt ist.

Steigen wir an dieser Stelle nicht ein in die medizinische Debatte über den Sinn des Urintrinkens.

Alternative Heilpraktiker mögen überzeugt sein, dass es ein probates Mittel sei gegen trockene Haut, Pickel, Schuppenflechte, Immunschwäche und Mineralstoffmangel. Wissenschaftler ebenso überzeugt, dass es für derlei Behauptungen keinerlei Nachweise gebe.

Die gesamte Diskussion ist in diesem Fall Schwall und Rauch, es handelte sich nämlich nicht um Eigen- sondern um Fremdurin, das Reto Felder zugeführt wurde.

Wie genau und wer dahinter steckt, ist zur Stunde noch Gegenstand der Ermittlungen, sicher scheint nur zu sein: Der mutmaßliche Täter handelte nicht im guten Glauben, Reto Felder mit seinem Urin von Schuppenflechte, Immunschwäche und Mineralstoffmangel zu kurieren.

Im Gegenteil: Aus dem Kreis der Verdächtigen ertönten Gesänge, die belegen, dass er und seine Kameraden sich sogar Hoffnungen machten, Reto Felder durch seine Aktion weitere Krankheiten zugefügt zu haben.

Verständlich, dass der Betroffene da außer sich ist.

"So etwas habe ich noch nie erlebt. Das ist eine primitive Sauerei!", hält er fest: "Ich habe immer noch Ekelgefühle."

Man kann es nachvollziehen. Reto Felder ist hier eindeutig etwas Schlechtes passiert, etwas, bei dem Trinker trinken, um zu vergessen - ungeachtet der Tatsache, dass das Trinken nicht nur in diesem Fall überhaupt erst das Schlechte war, wegen dem sie trinken, um es zu vergessen.

Was allerdings denjenigen betrifft, der Reto Felders Flasche mit seinem Urin gefüllt hat: Man muss feststellen, dass er sich allem Anschein nach in einer noch bedauernswerteren Lage befindet.

Sein Problem scheint nämlich zu sein, dass in seinem Leben gar nichts passiert.

Und das Tragische ist, dass er sich, damit es das tut, nicht einmal traut, selber zu trinken.

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