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Nürnberger Fans fordern Trikots der Spieler und befestigen sie als Trophäe an ihrer Wäscheleine. Wie hoch muss man das hängen?

Wäscheleinen also.

Viele denken, dass man es hier mit etwas Unverfänglichem zu tun hat, im bildlichen Sinne zumindest.

Doch wer wirklich glaubt, dass Wäscheleinen ein harmloses Thema sind, der entpuppt sich - man verzeihe mir, dass ich dies in dieser Deutlichkeit sage - als waschechter Wäschelaie.

Wäscheleinen sind ein Gegenstand, der viele große Fragen des gesellschaftlichen Miteinanders berührt und der deshalb in einigen Orten der Welt derart heiß diskutiert wird, dass man Kochwäsche bei der Temperatur der besagten Debatte säubern könnte.

In Amerika beispielsweise gibt es in vielen Regionen Gesetze und Verordnungen, die Einheimischen verbieten, ihre Wäsche an öffentlich einsehbaren Plätzen an die Leine zu nehmen.

Man verbindet Armut mit diesem Anblick, soziale wie ästhetische, und beiderlei wollen viele ihren Augen nicht zumuten.

"Manche Leute haben ein Problem damit, wenn sie die Unterwäsche ihrer Nachbarn sehen", hielt ein Beteiligter des Kulturkampfs vor einigen Jahren in der "New York Times" fest - ein Standpunkt, der in der heutigen Zeit, in der man seine Wäscheleine samt Unterhose auch fotografieren und ins Internet stellen kann, an Brisanz gewonnen hat.

Die Gegenseite führt ökologische Argumente ins Feld: die Energieeffizienz, der Klimawandel, das Wohl der kommenden Generationen. Man sieht: In dieser Frage wird an der ganz großen Wäschetrommel gedreht.

Man sollte also wissen, worauf man sich einlässt, wenn man die Wäscheleine nun auch hier zum Thema macht, wie es soeben die Ultras des 1. FC Nürnberg getan haben.

Gut, es gibt eine gewisse Logik in diesem Schritt, das muss man zugeben: Ultras sind besonders engagierte Anhänger, und dem Anhänger an sich liegen Dinge, an die man etwas hängen kann, nicht fern.

Trotzdem gilt nun landauf, landab als Tabubruch, wie der angesprochene Teil der Clubfans seine Rolle jüngst interpretierte.

Nach einer Niederlage ihres Teams forderte er die Spieler auf, ihm ihre Trikots auszuhändigen. Und präsentierte später im Internet ein Foto der requirierten Kleidungsstücke - aufgehängt auf einer Wäscheleine.

Große Aufregung war die Folge. Von einer "Demütigung", die entschieden zu weit gehe, ist in den Zeitungen die Rede, auch die Verantwortlichen in Nürnberg und anderswo finden, dass die Wäscheleine in diesem Fall den Klimawandel nicht bremst, sondern noch weiter verschlimmert.

Ralf Rangnick, Sportchef von RB Leipzig, bemüht in seiner Mahnung gar den Dichterfürsten: "Die Geister, die ich rief", seien in dieser Affäre am Werk.

In Goethes "Zauberlehrling", der hier zitiert wird, geht es zwar nicht um Wäscheleinen, sondern um Besen, die außer Kontrolle geraten sind, aber die Botschaft ist ohne weiteres vom einen aufs andere übertragbar: Man soll mit Haushaltsgegenständen kein Schindluder treiben, dessen Folgen man nicht überblicken kann.

Es weiß schließlich keiner, ob man auch in Wirklichkeit am Ende "Meister hilf, die Not ist groß" rufen kann und selbiger herbeieilt, um die verfluchte Leine wieder in ihre Wäscheschranken zu weisen.

Nun ja, sagen nun allerdings die Kritiker: Ralf Rangnick habe leicht reden. Einerseits verfüge sein Klub ja über einen Meister, unter dem die Not so groß nicht werden kann, wenn man auf seine Haushaltskasse blicke. Andererseits, spötteln die Spötter: Welcher engagierte Ultra wolle schon die Trikots von RB Leipzig an seine Wäscheleine hängen?

Man sieht: Der Streitfall ist eine komplizierte Angelegenheit, bei der nicht abzusehen ist, wo sie noch hinführt. Bis dahin muss jeder für sich entscheiden, wie hoch er die Wäscheleine hängen mag.

Aber eines muss ich abschließend doch noch festhalten: Auch ich hätte ein Problem damit, wenn ich in letzter Konsequenz die Unterhosen meiner fränkischen Nachbarn dort sehen müsste.

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