Geisterspiele: eine unzureichende Antwort auf ein schwieriges Problem. Schön dagegen, wie einige Fans es für sich gelöst haben.

Das Hochhaus an sich ist ja ein Anblick, mit dem ein Filmfreund wenig Gutes verbindet.

Metropolis, Blade Runner, fünftes Element: Überall, wo in den Himmel ragende Gebäude eine Hauptrolle spielen, haben schlechte Menschen sie errichtet, um in den oberen Stockwerken dieser Gebäude schlechte Dinge zu tun und auf weniger schlechte Menschen herabzublicken.

Gut, klar, es geht hier um Science-Fiction-Werke, um finstere Zukunftsvisionen, in denen die Kulisse auch symbolisch in die Höhe getürmt ist - aber auch in der Gegenwart ist die Vorstellung, dass hohe Häuser schlechte Häuser im moralischen Sinne sind, eine These, die viele Anhänger hat.

Dabei ist das Hochhaus eigentlich ja keineswegs eine schlechte Erfindung. Im Gegenteil: Es ist eine durchaus gewitzte Idee, um das moralische wie praktische Problem zu beheben, dass immer mehr Menschen immer mehr Lebensraum beanspruchen.

Wie so oft allerdings gilt: Auch dann, wenn man mit einer guten Idee eine schlechte Sache beheben will, kann Schlechtes dabei rauskommen.

Und so sind Hochhäuser eben oft auch Beton gewordener Ausdruck für Schlechtes geworden: Großmannssucht, Abgehobenheit, Gier ohne vertikale Grenzen.

Wann aber ist ein Hochhaus gut und wann schlecht? So einfach ist diese Frage nicht einfach zu beantworten, wenn man allen Interessen gerecht werden will. Versucht wird es trotzdem immer wieder.

Die Stadt München etwa hat ihre Bürger vor einigen Jahren abstimmen lassen über das Thema.

Heraus kam der Entschluss, dass Hochhäuser in Bayerns Landeshauptstadt an sich ja schön und gut sind, dass sie allerdings, wenn sie größer sind als der größte örtliche Kirchturm, 100 Meter also, hässlich und schlecht sind - und große, hässliche und schlechte Bauwerke sollen bitte andere errichten, in Osteuropa, Asien oder sonstwo (eine Mehrheitsmeinung, die sich seitdem übrigens auch in anderen Abstimmungen durchgesetzt hat).

99 Meter gut, 101 Meter schlecht. Man mag diese Unterteilung etwas schlicht finden, andererseits: Irgendwo muss man immer Grenzen ziehen, und gerade in moralischen Fragen ist es ja durchaus mal praktisch, die Grenzen zwischen gut und schlecht zentimetergenau vermessen zu können.

Wie viel komplizierter das in den meisten anderen Fällen ist, hat sich gerade in dieser Woche einmal mehr gezeigt.

Die größte Münchener Sportmannschaft, der FC Bayern, sollte da ein Fußballspiel bestreiten, in Russland - und das war ohnehin schon eine heikle Sache, moralisch gesehen.

Russland ist ja ein Land, das man ja gerade eher schlecht findet, aus politischer Sicht betrachtet - nicht so schlecht zwar, dass dort keine Fußballweltmeisterschaften stattfinden sollen, denn die haben ja mit Politik nichts zu tun und man hat ja vollstes Vertrauen in die Organisatoren und alles.

Sehr schlecht und irgendwie doch auch wieder politisch war dann aber wiederum, was im Vorfeld des besagten Fußballspiels passiert ist.

Einzelne Vertreter Russlands, die sich gerade im Fanblock des Münchener Gegners ZSKA Moskau aufhielten, verhielten sich rassistisch und damit schlecht. Unzweifelhaft.

Um etwas zu tun gegen diese schlechte Sache ist man auf die an sich gewitzte Idee des Geisterspiels gekommen.

Heißt: Das Fußballspiel konnte stattfinden, aber eben ohne Zuschauer (abgesehen von den 75 Mitgliedern der Delegation der Heim- wie der Auswärtsmannschaft - minus die Spieler beider Mannschaften -, sowie höchstens 75 Vertreter der UEFA und UEFA-Partner, man hat da vollstes Vertrauen in die Veranstalter und alles).

Für die normalen, nicht rassistischen Anhänger beider Teams (abgesehen von den 75 Mitgliedern der Delegation der Heim- wie der Auswärtsmannschaft - minus die Spieler beider Mannschaften -, sowie den höchstens 75 Vertretern der UEFA und UEFA-Partner, man hat da vollstes Vertrauen in die Veranstalter und alles) hatte diese komplexe moralische Gemengelage aber ein einfaches, praktisches Problem zur Folge: Sie durften sich das Spiel nicht ansehen. Obwohl sie nichts Schlechtes getan haben, unzweifelhaft.

Und es ist eine Ironie der Geschichte, welche architektonische Erfindung für einige von ihnen die Lösung dieses Problems war: ausgerechnet das in der Heimat ihrer Mannschaft so umstrittene Hochhaus.

Knapp 50 Anhänger der Münchener flogen heimlich in die russische Hauptstadt und mieteten einen Raum in einem in Stadionnähe errichteten Büroturm, wo sie das Spiel von oben aus verfolgen konnten - von ihrem Klub finanziert und von ihren russischen Gastgebern mit gebratenen Weißwürsten bewirtet.

Zwar kocht man Weißwürste eigentlich, statt sie zu braten, aber das ist in diesem Fall nicht wichtig - ebenso wenig wie die nicht überlieferte Antwort auf die Frage, ob besagter Büroturm eigentlich höher oder niedriger als 100 Meter war.

Das entscheidende und an dieser Geschichte ist folgendes: Es passiert viel Schlechtes in der Welt, in Russland, aber auch in Deutschland, in Hochhäusern, aber auch in Gebäuden, die nur 99 Meter groß oder kleiner sind.

Und beim Versuch, etwas gegen dieses Schlechte zu tun, gibt es meist keine zentimetergenauen Lösungen. Oft kommen wieder schlechte Dinge heraus - selten jedenfalls welche, mit denen man es allen Interessen recht macht.

Was für ein schönes Gefühl es da gewesen sein muss, aus einer dieser komplexen Problematiken mal einen ganz einfachen Ausweg zu finden.

Einen Ausweg, der einen weit nach oben führt, in ein Gebäude, das in den Himmel ragt, in dem man als guter Mensch aber auf nichts herabblicken muss. Auf nichts außer einem Fußballspiel.

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