München - Das Skandalspiel von Belgrad übersteigt mittlerweile die sportliche Dimension. In Deutschland führt es zu einer Sicherheitsdebatte.

Die Fans in Tirana tanzten auf den Straßen, schwenkten Fahnen mit dem Doppelkopf-Adler und feierten ihre Nationalspieler. Es waren Bilder, als hätten sich die Albaner soeben für ein großes Turnier qualifiziert.

Doch es gab keinen sportlichen Erfolg zu bejubeln. Im Gegenteil. Ein echtes Skandalspiel war die Ursache für den frenetischen Empfang in der albanischen Hauptstadt.

Im EM-Qualifikationsspiel beim verhassten Nachbarn Serbien sorgte eine Flagge für einen Abbruch. Per Drohne war eine großalbanische Fahne in und durch das Belgrader Stadion gesteuert worden.

Stefan Mitrovic, serbischer Nationalspieler vom SC Freiburg, hatte sie abgehängt. Auf dem Platz und den Rängen kam es danach zu Ausschreitungen.

Es folgte ein Spielabbruch, der viele Fragen mit sich bringt. SPORT1 beantwortet sie.

• Was sind die sportlichen Konsequenzen?

Am 23. Oktober verhandelt die UEFA diesen Fall. Im Vorfeld hielten sich die Funktionäre zurück. Der UEFA-Delegierte Harry M. Been sprach allein "von bedauerlichen Zuständen", wollte sich aber zur Schuldfrage nicht äußern.

Bestätigen sich die Gerüchte, dass Olsi Rama die Drohne ferngesteuert hat, dürfte das Konsequenzen für die Gäste haben. Der Verdächtige ist Bruder des albanischen Ministerpräsidenten und könnte seiner Nation großen Ärger einhandeln.

Den Gästen wird von der UEFA das unerlaubte Zeigen eines Banners vorgeworfen, zudem die Weigerung zum Weiterspielen.

Bei den Serben wird wegen des Einsatzes von Feuerwerks-Raketen, Zuschauer-Ausschreitungen und Platzsturm, einem nicht ausreichenden Ordnungsdienst sowie Einsatz eines Laser-Pointers ermittelt (Bericht: Der Eklat um die Drohne).

Trotzdem fordert der Verband in Belgrad eine 3:0-Wertung des Spiels. Eine Neuansetzung der Partie für kommenden Mittwoch sollen die Albaner abgelehnt haben (DATENCENTER: Die EM-Qualifikation).

Viele Profis hätten dann ohnehin keine Zeit gehabt - der Serbe Milos Jojic ist beispielsweise mit Borussia Dortmund in der Champions League gefordert.

Der Strafenkatalog der UEFA sieht übrigens auch einen Ausschluss vor.

Bei einem Abbruch in der Vergangenheit entschied sich der Verband übrigens für eine 3:0-Wertung. Es war im Oktober 2010, als serbische Hooligans im italienischen Genua für Chaos sorgten. Die Italiener bekamen die Punkte, auch weil die Schuldfrage eindeutig geklärt wurde.

• Welche politischen Dimensionen stecken hinter der Krawallnacht von Belgrad?

Auf der Flagge waren die Umrisse von Großalbanien zu sehen. Ein Staatsgebiet, von dem albanische Nationalisten träumen.

Das Projekt würde die Zusammenführung aller von Albanern bewohnten Gebiete bedeuten - also Albanien selbst, dem Kosovo, Teilen von Serbien, Mazedonien, Montenegro und Griechenland. Die USA und die EU lehnen diese Pläne strikt ab.

Die Serben dürften sich zudem provoziert gefühlt haben, weil sie die Gründung des Kosovo noch nicht verarbeitet haben.

Im Februar 2008 wurde die Republik, die auf dem Staatsgebiet des früheren Jugoslawien liegt, ausgerufen. Die meisten EU-Staaten, darunter auch Deutschland, erkennen den Kosovo mittlerweile an.

Nach Jahren der Spannungen hatten sich die Beziehungen zwischen Serbien und Albanien in der vergangenen Zeit leicht verbessert.

Am kommenden Mittwoch sollte der albanische Ministerpräsident Edi Rama zum ersten Staatsbesuch seit 68 Jahren nach Serbien reisen.

Ob dieser nun tatsächlich stattfinden wird, ist angesichts der Aktion vom Dienstagabend in Belgrad fraglich.

• Wie kam die Fahne ins Stadion?

Der Provokateur hatte mit einer Drohne für den Eklat gesorgt. So ein unbenanntes Flugobjekt ist im Handel für jedermann zu kaufen.

Das Modell, das durch das Partizan-Stadion schwebte, heißt Phantom DJI. Der Preis liegt bei unter 1000 Euro.

Die Handhabung ist relativ simpel. "Das Modell funktioniert ganz einfach und wird deshalb auch enorm viel verkauft. Das ist eine echte Drohne, die sie ohne große Fachkenntnis hinstellen und starten können", sagte Experte Andre Scholz in einem Interview mit der "Welt".

Er bringt in Hannover Personen das Fliegen von Drohnen bei, weiß daher auch, dass diese einfach zu transportieren sind. "Die Phantom passt in einen ganz normalen Rucksack. Die brauchen Sie dann nicht einmal montieren. Die ziehen Sie einfach aus dem Rucksack, und los geht es", erklärte Scholz.

• Welche Konsequenzen ziehen DFB und DFL aus dem Vorfall?

Helmut Spahn fordert eine stärkere Auseinandersetzung mit der neuen Gefahrenquelle. "Die Abwehr von Drohnen muss jetzt auf die Agenda", sagte der ehemalige DFB-Sicherheitsbeauftragte dem "kicker".

Spahn weiter: "In unseren Konzepten sind Drohnenangriffe enthalten, da richtete sich der Blick bisher auf den Transport von biologischen Waffen in schwer zugängliche Bereiche, ein Szenario für Terroranschläge auf Großveranstaltungen wie eine Fußball-WM oder Olympische Spiele."

Ein Flugverbot über dem Stadion würde nicht helfen, glaubt der Sicherheitsexperte, da die Reichweite der Drohnen für den privaten Gebrauch eingeschränkt seien.

Auch die DFL will sich dem Thema "Gefahr durch Drohnen" bald widmen. Die Kommission Prävention und Sicherheit ist nach den Vorfällen von Belgrad sensibilisiert.

(Mehr zum Thema um 18.30 Uhr bei Bundesliga Aktuell)

• Wie sind die Reaktionen?

"Unser Spiel sollte niemals mit jeglicher Art von Politik vermischt werden", sagte UEFA-Präsident Michel Platini der Nachrichtenagentur "AP". Für ihn seien die Vorfälle von Belgrad "unentschuldbar".

Ins gleiche Horn stieß auch Joseph S. Blatter. "Der Fußball sollte niemals missbraucht werden, um politische Mitteilungen zu verbreiten", sagte der FIFA-Boss am Mittwoch.

Der serbische Außenminister nahm indes eine andere Instanz in der Pflicht. "Ich bin gespannt, wie die UEFA und vor allem die EU darüber entscheiden wird", sagte Ivica Dacic wütend.

Entscheidend sei bei dieser Aktion nämlich vor allem, "dass der Bruder des albanischen Ministerpräsidenten das Objekt gesteuert hat."

Ein unmittelbar Beteiligter brauchte nur vier Worte. Der albanische Nationalspieler Mergim Mavraj veröffentlichte am Dienstag ein Statement auf seiner Facebook-Seite. "Gewalt ist keine Lösung", schrieb der Profi des 1. FC Köln.

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