München - Fünf Jahre nach dem Tod von Robert Enke kämpft seine Witwe weiter darum, die Krankheit Depression zu enttabuisieren.

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Von Holger Luhmann und Paul Willmann

Ob die Worte noch manchem in Erinnerung sind?

"Scheut euch nicht, jemandem zu helfen! Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen! Achtet aufeinander!"

Thomas Schaaf hat das gesagt. In einem emotionalen Appell an seine Spieler.

Damals war er noch Trainer von Werder Bremen. Und es war die erste Übungseinheit nach dem Tod von Robert Enke.

Trauer und die Frage nach dem Warum

Fünf Jahre ist das nun her.

Es war der 10. November 2009, als sich Enke um 18.24 Uhr an einem Bahnübergang im niedersächsischen Eilvese unweit seines Wohnortes Empede vor einen fahrenden Zug warf. Seinem Leben im Alter von 32 Jahren ein frühes, jähes Ende setzte.

Die Nachricht verbreitete sich wie eine Schockwelle. Hinterließ Trauer, Bestürzung. Und zunächst die ungläubige Frage nach dem Warum.

"Wie in einem schwarzen Loch"

Heute wissen wir, dass Enke an Depressionen litt.

Er habe "wie in einem schwarzen Loch" gelebt, sagt Robert Enkes Witwe Teresa im Interview mit SPORT1: "Oder wie in einem Tunnel, aber ohne ein Licht am Ende. Er hat sich ausweglos gefühlt. So hat er es mir beschrieben."

Sie bemüht den Vergleich mit einem regnerischen Sonntag, nachdem man gerade verlassen wurde - "und das mal hundert oder tausend".

"Dem Tragischen einen Sinn geben"

Einen Tag nach dem Tod ihres Mannes machte Teresa Enke seine Depressionserkrankung auf einer Pressekonferenz publik.

In Erinnerung ist noch diese in schwarz gekleidete Frau. Mit verweinten Augen. Und tapferer Haltung.

Seitdem setzt sie sich ein. Insbesondere als Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung des Deutschen Fußball-Bundes, des Ligaverbandes und von Hannover 96.

Auch als "Therapie" für sich selbst, wie sie einräumt. Um "dem ganzen Tragischen einen Sinn zu geben."

Aber nicht zuletzt, um "das Thema immer oben zu halten." Um aufzuklären, zu enttabuisieren, zu entstigmatisieren.

"Ich weiß, dass Robbie es am liebsten raus geschrien hätte. Ich setze das fort, was er wollte. Für andere Betroffene etwas Positives zu sein."

Sie will zeigen, dass Menschen, die an Depression erkankt sind, "sich nicht schämen brauchen".

"Durch Angst getrieben weiter zu machen, ist der schlechteste Weg. Denn irgendwann geht es nicht weiter."

Noch zwei Tage vor dem Tod im Tor

Robert Enke entstammte einer sportbegeisterten Familie. Seine Mutter spielte Handball. Sein Vater war ein erfolgreicher 400-Meter-Hürdenläufer. Er ist auch ein promovierter Psychotherapeut. Doch auch er konnte seinem Sohn nicht helfen.

2006 mussten Robert und Teresa Enke den Tod ihrer Tochter verkraften. Sie starb an einem angeborenen Herzfehler und wurde nur zwei Jahre alt. Im Mai 2009 adoptierten sie ein zwei Monate altes Mädchen.

Noch zwei Tage vor seinem Tod hütete Enke im Bundesligaspiel gegen den Hamburger SV das Tor für Hannover 96. Das Spiel endete 2:2, Enke verhinderte mit einer guten Leistung eine Niederlage.

Der schlichte Sarg im Mittelkreis

Die Anteilnahme nach Enkes Tod war immens.

Kerzen verwandelten den Unglücksort und den Platz vor der Geschäftsstelle von Hannover 96 in lichterene Inseln.

In der Marktkirche von Hannover fand eine Trauerandacht statt. Die Hauptansprache hielt Margot Käßmann, damals noch Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Für Leid und Schwäche dürfe es keine Pfiffe, sondern müsse es Mitleid geben, sagte die damalige hannoversche Landesbischöfin.

Rund 35.000 Menschen nahmen an einem Trauermarsch in Richtung AWD-Arena teil.

Bei der Gedenkfeier waren dort 40.000 Trauergäste anwesend. Im Mittelkreis des Stadions war der schlichte Sarg Enkes aufgebahrt.

Kritik an "Ausschlachtung eines Schicksals"

Von der größten Trauerfeier in Deutschland seit dem Tod von Konrad Adenauer war die Rede.

Doch es gab auch Kritik eben wegen dieser Dimensionen.

Von der "Ausschlachtung eines Schicksals" war die Rede, von einer "Show" und von "pietätloser Vermarktung".

Öffentliche Bekenntnisse machen Mut

Doch Teresa Enke ging und geht es immer nur um eins: Schicksale wie das ihres Mannes zu verhindern.

Was sie antreibt und ihr Mut macht?

"Kleinigkeiten", sagt sie.

"Jeder Einzelne, der sich öffentlich oder in seinem Umfeld zu seiner Krankheit bekennt und nicht stigmatisiert wird. Natürlich auch die größeren öffentlichen Bekenntnisse eines Ralf Rangnick oder Markus Miller. Und dass sie auch wieder zurückkehren in ihren Sport und auch wieder ein ausgeglichenes Leben führen."

Was natürlich keine Kleinigkeiten sind.

Rangnicks Burnout

Ralf Rangnick legte 2011 als Trainer von Schalke 04 eine längere Pause ein.

Als Grund gab er ein Burnout-Syndrom an.

Inzwischen ist er längst wieder als Sportdirektor des Zweitligisten RB Leipzig und des österreichischen Erstligisten RB Salzburg tätig.

Die Rückkehr des Markus Miller

Ebenfalls 2011 machte Torhüter Markus Miller nach Absprache mit seinem Verein Hannover seine Depressionserkrankung öffentlich.

Verletzungen hatten ihn zurückgeworfen, Schmerzmittel mussten ihn durch den Trainingsalltag bringen, in seinem Kopf türmte sich eine riesige Last.

"Der Körper hat nicht mehr mitgemacht. Irgendwann bin ich morgens mit dem Auto zu meinem Traumberuf gefahren und habe mich vor einer unlösbaren Aufgabe gesehen. Es war, als ob mein Gehirn verklebt", schilderte Miller seine Probleme.

Nach seiner Rückkehr bewahrt Miller eine kritische Distanz zum Profisport.

Rafati sorgt für Bestürzung

Es gibt andere Fälle.

Profis wie Martin Amedick und Martin Fenin machten öffentlich auf ihre psychische Erkrankung aufmerksam und begaben sich in Therapie.

Am 19. November 2011 musste das Spiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FSV Mainz kurzfristig abgesagt werden. Der für diese Partie angesetzte Schiedsrichter Babak Rafati hatte kurz zuvor versucht, sich das Leben zu nehmen.

Seine Assistenten hatten Rafati im Zimmer seines Kölner Hotels aufgefunden und noch vor Eintreffen des Notarztes Erste Hilfe leisten können.

Später gab Rafati Depressionen als Auslöser für seinen Selbstmordversuch an.

Das Schicksal des Andreas Biermann

Und dann ist da natürlich das Schicksal des Andreas Biermann.

Kurze Zeit nach Enkes Tod hatte Biermann bekannt gegeben, dass er sich wegen Depressionen in stationärer Behandlung befinde. Dass er zuvor einen Selbstmordversuch unternommen hatte.

Enkes Tod hatte ihn zum Schritt an die Öffentlichkeit bewogen.

Doch nach seiner Rückkehr in die Mannschaft des FC St. Pauli fühlte sich Biermann von den Kollegen alleingelassen. Nach seinem Engagement bei den Hamburgern 2010 erhielt er keinen Profivertrag mehr.

"Die Befürchtungen, die ich hatte, bevor ich meine Krankheit öffentlich gemacht habe, haben sich bestätigt. Ich würde keinem depressiven Profi empfehlen, seine Krankheit öffentlich zu machen", äußerte er sich kritisch.

Im Frühjahr 2011 schrieb er ein Buch über sein Leben mit der Krankheit unter dem Titel "Rote Karte Depression".

Am 18. Juli dieses Jahres nahm er sich das Leben.

"Der Fall Andi Biermann hat mich persönlich sehr geschockt", sagt Teresa Enke: "Weil er auch die Grenzen der Therapie aufgezeigt hat. Wie bei jeder anderen Krankheit auch gibt es keine Gewährleistung für eine erfolgreiche Therapie."

Stanislawski kritisch

Holger Stanislawski, einst Trainer von Biermann beim FC St. Pauli, sieht den Umgang mit dem Thema Depression weiterhin kritisch.

Die Situation, dass man eine Schwäche öffentlich eingestehen kann, sei vielleicht noch nicht da, sagte Stanislawski beim Benefizspiel zugunsten von Biermanns Hinterbliebenen zu SPORT1: "Es hat sich nicht wirklich viel geändert."

Wenn ein Spieler wie Raheem Sterling in England Nationaltrainer Roy Hodgson bittet, ihn nicht aufzustellen, weil er sich nicht in Form fühle und anschließend dafür einen Shitstorm in den Sozialen Netzwerken über sich ergehen lassen muss, mag man dazu neigen, Stanislawskis ernüchternde Einschätzung zu teilen.

"Denkt an Zweifel und Schwäche"

Teresa Enke mag dies nicht tun.

Ja, sie hält die Sozialen Medien für ein "sehr gefährliches Terrain". Ja, es werde "immer Menschen geben, die kein Feingefühl entwickeln". Ja, gerade im Fußball sei es besonders schwierig, Tabus aufzubrechen, weil die "Fans nicht möchten, dass ihre Helden seelisch krank sind".

Und dennoch sieht sie sehr wohl ein Umdenken.

"Es gibt viele positive Beispiele. Wenn eine Lindsay Vonn offen über ihre Depression spricht, sagt keiner mehr: Wieso stellt die sich so an?"

Wenn dem so ist, dann haben die Worte von Theo Zwanziger auf Robert Enkes Trauerfeier zumindest etwas Gehör gefunden.

"Denkt auch an das, was in den Menschen ist", hatte der damalige DFB-Präsident appelliert, "an Zweifel und Schwäche. Das wird Robert Enke gerecht."

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