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Angle, Babyface, Catchphrase: SPORT1 erklärt Tim Wiese und seinen Fans die Grundbegriffe des Showsports.

Angle, der: Sammelbegriff für Showsegmente außerhalb der Matches, die dazu dienen, künftige Matches zu bewerben. Mehrere, aufeinander aufgebaute Angles bilden eine Storyline. Häufigster Grundzug: Wrestler B verspottet, kritisiert, beleidigt, und/oder verprügelt Wrestler A - um dem Publikum Appetit darauf zu machen, dass Wrestler B im Wettkampf zurückschlägt. Im Prinzip nicht unähnlich dem, was im Fußball vor Spielen zwischen FC Bayern und Borussia Dortmund passiert, von Punkt 4 abgesehen.

Babyface, das: Der Gute. Nicht immer direkt gut im moralisch-biblischen Sinne, aber derjenige Wrestler, der für sein Handeln vom Publikum bejubelt werden soll. Oft auch nur Face genannt, Gesicht. Gegenstück dazu: der Heel, die Ferse. Sein Ziel lautet, das Publikum gegen sich aufzubringen, damit das Babyface noch mehr bejubelt wird - wie Tim Wiese bei seinem Auftritt in Frankfurt.

Catchphrase, die: Markante Redewendung, die ein Wrestler immer wieder verwendet - als Babyface, um die Fans zu erfreuen, als Heel, um ihnen damit auf die Nerven zu gehen. Nicht immer gut aus dem Englischen übersetzbar, meist aber auch so gut verständlich. Beispiele: "Rest in Peace" (Undertaker), "You can't see me" (John Cena), "What you gonna do when Hulkamania runs wild on you?" (Hulk Hogan). Besonders gelungene Catchphrases schaffen es bis in die Popkultur - wie The Rocks "It doesn't matter", um das Wyclef Jean einen ganzen Song strickte, indem er den Wrestlingstar anrappte: "I've got fifty Bentleys in the West Indies" - "It doesn't matter."

Entrance, der: Einzug eines Wrestlers zum Ring zu Musik und dabei erste Gelegenheit, mit dem Publikum zu interagieren. Babyfaces nutzen ihn oft, um mit den Fans in der ersten Reihe abzuklatschen, Heels um sie zu beschimpfen. Bei größeren Stars ist der Entrance bis ins Detail ausgearbeitet und bei besonderen Ereignissen wie WrestleMania teils mit Licht-, Pyro- und Bühnenbildeffekten zu Schaueinlagen auf Rockkonzert-Niveau gesteigert.

Finisher, der: Aktion, mit der ein Wrestler seinen Kampf beendet - und der er oft auch einen eigenen, passenden Namen verleiht: der Tombstone des Undertaker, Stone Cold Steve Austins Stone Cold Stunner, Mr. Perfects Perfect Plex. Frühere Sportler wählen oft Aktionen mit Anklängen an ihre alte Disziplin, Tim Wiese könnte sich zum Beispiel den Pele Kick aneignen ? einen Seitfallzieher, der anstelle des Balls den Gegner trifft.

Gimmick, das: Charakter, den ein Wrestler für das Publikum verkörpert. Die Grundidee ist meist einfach, die Umsetzung ist mal mehr, mal weniger gelungen. Sehr erfolgreich waren in früheren Zeiten selbstverliebte Schönlinge ("Ravishing" Rick Rude), geldgierige Raffkes ("Million Dollar Man" Ted DiBiase), arrogante Sportskanonen (Mr. Perfect). In weniger guter Erinnerung blieben wrestlende Klempner, Müllmänner, Zahnärzte und Männer in Truthahnkostümen. Beste Aussichten haben meist Gimmicks, die zu einem Teil die Persönlichkeit ihres Darstellers wiedergeben und sich dabei stetig weiterentwickeln. In Torwarthandschuhen zum Ring zu kommen, wird für Tim Wiese auf Dauer kein Konzept sein.

Heat, die: Negative Stimmung beim Publikum. Löst ein Heel sie aus, ist das positiv, tut es ein Babyface, ist es schlecht. Gegenstück sind Jubelreaktionen, genannt Pops. Einfache Art, Pops zu ziehen: die Veranstaltungsstadt und ihr Sportteam lobend erwähnen - unter Könnern aber als "Cheap Pops" verschrien. "Cheap Heat" gewinnt man im Gegensatz dazu durch Beleidigung der Veranstaltungsstadt und ihres Sportteams, zum Beispiel in Hamburg mit dem Spruch: "Wir müssen dem HSV auf den Sack geben."

Jobber, der: Wrestler, dem es vorbestimmt ist, jeden seiner Kämpfe zu verlieren. Dient dem Star, der ihn besiegt mit der oft unterschätzten Qualität, ihn durch gekonntes Verkaufen seiner Offensivaktionen, gut aussehen zu lassen (Selling). In den vergangenen Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen, gab es in den Achtzigern und Neunzigern Kult-Jobber wie Special Delivery Jones, Iron Mike Sharpe, Barry Horowitz - und über allem den Brooklyn Brawler mit seinem durchlöcherten New-York-Yankees-Shirt.

Kayfabe: Fantasiewort, das die Idee beschreibt, die Fiktion im Ring für das Publikum als Realität darzustellen. Vertreter der alten Schule blieben bei jedem öffentlichen Auftritt in ihrem Gimmick, mittlerweile hat sich der Code gelockert. Bis Ende der Achtziger verkaufte die WWE ihre Show auch öffentlich konsequent als echten Sport. Wenige Jahre zuvor noch ohrfeigte ihr Kämpfer David Schultz vor laufender Kamera einen Fernsehreporter, der die Show gefälscht nannte und kommentierte es mit den Worten: "What's that, is that fake?"

Mark, der: Zuschauer, der die Fiktion im Ring für echt hält und entsprechend von ihr gefangen ist. Als Gegentyp hat sich in Zeiten der Massenmedien und speziell des Internets der abgeklärte Smart herausgebildet, der das Kayfabe durchschaut, das Gewerbe gut informiert und kritisch begleitet - in der Hoffnung, von ihm trotzdem noch ab und zu wie ein Mark überrascht werden zu können. Im Prinzip nicht unähnlich einem jungen Fan, der Tim Wiese einst gefeiert und dann verspottet hat - und sich insgeheim wünscht, ihn doch einfach mal wieder bejubeln zu können.

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Overness, die: Wichtigster Gradmesser für den Erfolg eines Wrestlers. Ein Wrestler ist beim Publikum over, wenn er beim Zuschauer Reaktionen auslöst - gleich, ob negativ oder positiv. Um das zu erreichen, wird neuen Wrestler ein Push verpasst, er bekommt häufige Auftritte und wird mit erfolgreichen Kämpfen als ernstzunehmende Kraft dargestellt. Negative Reaktionen sind für den Anfang oft einfacher zu erzielen, weswegen die meisten Wrestler als Heels beginnen. Bei seinem Auftritt in Frankfurt war Tim Wiese over. Es auch in Amerika zu schaffen, wird kniffliger.

Promo, die: Redebeitrag eines Wrestlers mit dem Ziel, Pops oder Heat auszulösen und damit Overness zu erreichen. In der einfachsten Version eine Variation von "Ich bin besser als du, ich hau dich", bei den Größen des Geschäfts oft kleine rhetorische und kreative Perlen. Die wohl berühmteste und effektivste Promo: Stone Cold Steve Austin nach dem Gewinn des King-of-the-Ring-Turniers 1996. Der Texaner verspottete seinen gläubigen Finalgegner Jake Roberts, er könne so viel erzählen wie er wolle von seiner Bibel und seinem Johannes 3, Vers 16 (John 3:16): "Austin 3:16 says I just whipped your ass!" Bald darauf stand die Catchphrase auf Millionen T-Shirts und Austin war der Topstar der Geschäfts.

Stable, das: Zusammenschluss mehrerer Wrestler zu einer Gruppierung, die sich gegenseitig unterstützt - meist bestehend aus Heels, gegen die ein Babyface als einsamer Streiter gegen eine zahlenmäßige Übermacht antritt. Einem etablierten Star als Anführer werden meistens aufstrebende Nachwuchswrestler zur Seite gestellt. Tim Wiese könnte sich zum Beispiel der "Authority" um die Bösewichte Triple H und Seth Rollins anschließen, wenn es sie bis dahin noch gibt. Berühmte Stables früherer Jahre: Ric Flairs Four Horsemen, die New World Order (nWo), die D-Generation X.

Turn, der: Königsdisziplin unter den Angles, in der ein Wrestler in einem überraschenden Schockmoment die Seiten wechselt und vom Babyface zum Hee wird - oder umgekehrt. Berühmtester Turn aller: Hulk Hogan, mehr als ein Jahrzehnt lang Liebling aller Hulkamaniacs, als er 1996 seinen Mitstreitern in den Rücken fiel, sich der bösen New World Order anschloss und zu Hollywood Hogan, dem sonnenbebrillten Superschurken mit den schwarzgefärbten Bartstoppeln unter dem blonden Schnauzer wurde. Andere Variante: der Doppelturn von Bret "Hitman" Hart und Stone Cold Steve Austin, in dem Publikumsliebling Hart Bösewicht Austin in einem großen Kampf so brutal bearbeitete, dass sich die Fans gegen ihn und zu seinem Gegner wandten.

Work: Oberbegriff für die geplanten Elemente einer Wrestlingshow - also im Grunde alle. In seltenen Fällen aber kommt es vor, dass ein frustrierter Wrestler Absprachen bricht und tatsächlich körperlich oder verbal auf einen Kollegen losgeht - ein Shoot. Ein beliebter Kunstgriff mit Blick auf die Smarts: Geplante Angles so aussehen lassen, als wären sie ein Shoot, so genannte Worked Shoots.

Yes: Catchphrase des populären WWE-Wrestlers Daniel Bryan, der seine Fans hinter sich scharte, indem er vor und nach Kämpfen immer wieder das Wort "Yes" rief - bis das Publikum es ihm nachmachte. Funktionierte, wenngleich Bryan als Ausnahmekönner im Ring ohnehin beliebt war. Trotzdem eine Lehra daraus für Tim Wiese und die Fans, die er vielleicht mitnimmt in die Wrestlingwelt: Sie ist gar nicht immer so kompliziert. Wenn man sie ein bisschen versteht.

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