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Stefan Effenberg zeigt den Mittelfinger
Bei Stefan Effenberg und seinem Mittelfinger waren die Dinge noch eindeutig. Größtenteils © Getty Images

Echt oder reinmontiert, Fake oder Fakefake: Die modernen Mittelfinger-Affären werden immer komplexer. Wie beruhigend unverfälscht dagegen die Erinnerung an den Effenberg-Finger - fast zumindest.

Natürlich kam der Witz zigmal, er konnte auch nichts dafür, er musste kommen.

Der Finger, nä, also wenn der jetzt wirklich gefälscht ist, also dann, nä, war ja sicher auch der vom Effenberg damals... tjaha.

Wie gesagt: Er musste kommen. Es ist auch verständlich.

Was tut besser in diesen komplexen Zeiten mit ihren komplexen Mittelfinger-Affären, als ein Abschweifen der Gedanken in Zeiten, in denen solche Dinge noch simpler waren.

Stefan Effenberg, WM 1994: Er zeigte einer Gruppe Fans, die ihn nach einem schwachen Spiel verspottet hatten, den Mittelfinger. Ein Skandal. Und ein so herrlich einfacher.

Keine Diskussion, keine Behauptungen, dass ihm jemand irgendwas reingedoktert oder was aus dem Kontext gerissen hätte. Das war ja früher auch mal das Schöne an der Finger-Nummer: Sie war eindeutig.

Stefan Effenberg Mittelfinger Hoffmanns Erzählungen
Stefan Effenberg beim WM-Spiel gegen Südkorea 1994 © Getty Images

Der Philosoph Diogenes im antiken Athen, der Dichter Martial im alten Rom, Johnny Cash im San Quentin Prison: Wer immer wann immer einem den Mittelfinger entgegenstreckte, schaffte damit klare Verhältnisse. Auf die man ebenso klar reagieren konnte.

"Ich schäme mich in tiefster Seele, dass ein herausragender Vertreter des DFB in übelster Weise das verletzt hat, was wir aufgebaut haben", zürnte damals Verbandspräsident Egidius Braun. Und verfügte Effenbergs Heimreise.

So unbefangen kann heute, bei den modernen Finger-Skandalen, gar keiner mehr zürnen und Heimreisen verfügen. Wer weiß nämlich schon, ob er sich hinterher nicht peinlich berührt selbst korrigieren muss, weil doch alles ganz anders ist.

Nehmen wir zwei jüngere Beispiele aus dem Fußball. Ottmar Hitzfeld, 2012, bei der WM-Qualifikation: Fernseh- und Fotokameras fingen klar ein, wie der damalige Schweizer Nationaltrainer bei einem schlecht laufenden Spiel seinen Mittelfinger in Richtung Schiedsrichter ausfuhr.

Hinterher aber versicherte er, dass er den Mittelfinger gar nicht dem Schiedsrichter, sondern sich selbst gezeigt hätte. Hm.

Oder Portugals Raul Meireles bei der WM 2014, Spiel gegen Deutschland: Die Kameras erwischten ihn, wie er hinter dem Rücken des Schiedsrichters gleich zwei Finger in die Höhe reckte.

Und kaum hatte man sich ein bisschen reingesteigert in seine Wut, fand auch schon der erste Digitalisierungs-Experte heraus: Es waren zwei Zeigefinger und Meireles gab seinen Mitspielern taktische Anweisungen.

Kein Wunder, dass einem bei diesem Thema mittlerweile alles möglich erscheint. Reinmontiert, nicht reinmontiert, Fake, Fake eines Fakes, Fakefake eines Fakefakefakes: Wer blickt da noch durch?

Wie beruhigend eindeutig dagegen die Erinnerung an Effenberg und das alte Bild von ihm, wie er freudig lachend den Mittelfinger in die Höhe streckt, man hat es ja auch wieder ein paarmal gesehen die Tage.

Man muss vielleicht abschließend nur noch eins dazu wissen: Das Bild ist eineinhalb Jahre vorher aufgenommen worden, bei einem Training in Brasilien Ende 1992 - unter anderem am älteren Trikotmodell zu erkennen.

Effenbergs Finger-Aktion von 1994 ist nie fotografiert worden.

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