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Dave Bulthuis musste nach der Niederlage sein Trikot bei den eigenen Fans abgeben © SPORT1/ Imago

München - Wie sich die Aggression einiger Fans gegen die eigene Mannschaft richtet, scheint in den letzten Jahren eine neue Qualität bekommen zu haben. SPORT1 nähert sich dem Thema im dritten Teil der Serie "Die Angst spielt mit".

Im September nahm das Auswärtsspiel in Karlsruhe für die Spieler des 1. FC Nürnberg ein bitteres Ende.

Der Club verlor 0:3, nach der Partie gingen die Spieler in die Kurve zu den mitgereisten Auswärtsfans. Dort wurden diese gezwungen, ihre Trikots abzugeben.

Gedemütigt, mit nackten Oberkörpern und hängenden Köpfen schlichen die Spieler schließlich in die Kabine. Sie seien es an diesem Tag nicht wert gewesen, das Trikot des 1. FC Nürnberg zu tragen, teilten die Ultras mit.

Anschließend veröffentlichten sie ein Foto, auf dem die Trikots auf einer Wäscheleine hängen.

Heftige Drohungen in Köln

Pfiffe, Kritik, selbst Beschimpfungen gehören seit jeher zum Fußball. Dass Spieler aber derart von den eigenen Fans unter Druck gesetzt werden, ist ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit.

Und es ist kein Einzelfall. "Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot", drohten selbst erklärte Fans des 1. FC Köln vor vier Jahren den eigenen Spielern.

Die Begegnung mit den eigenen Fans war für Nürnbergs Profis zuletzt nicht immer angenehm © Imago

Auf dem Trainingsgelände von Dynamo Dresden wurden einst sogar elf Gräber ausgehoben, um die Spieler einzuschüchtern.

Der Feind im eigenen Block also? Ganz so einfach ist es nicht. Für Fanforscher Jonas Gabler sind diese Auswüchse "vielleicht eine Nebenwirkung des postmodernen Fußballzirkus".

Entfremdung zwischen Fans und Klubs

Die Fluktuation bei Spielern, Trainern und handelnden Personen werde immer größer, erklärt der Politikwissenschaftler bei SPORT1.

Die Fans hingegen bleiben ihrem Verein in den meisten Fällen ein Leben lang treu und sprechen den Spielern die Identifikation mit dem Verein ab.

Es kommt zur Entfremdung. "Das hat möglicherweise auch etwas damit zu tun, dass die Distanz zwischen Spielern und Fans so hoch ist, wie sie noch nie war", sagt Gabler.

Zu Zeiten Franz Beckenbauers und Uwe Seelers habe es für die Fans die Möglichkeit gegeben, mit den Spielern in Kontakt zu treten. Heute sei ein unmittelbares Gespräch kaum noch möglich.

Verstärkte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit

Wenn die Leistungen dann nicht stimmen, fühlen sich die Fans ohnmächtig. Diese Ohnmacht drücke sich dann oft in eben solchen Drohungen oder Handlungen aus.

Fanforscher Jonas Gabler lehrt an der Universität Hannover © Imago

"Ich tue mich schwer damit, zu sagen, dass das eine gänzlich neue Entwicklung ist", sagt Gabler: "Aber heute nehmen wir das mehr wahr."

Ausschreitungen gab es auch früher schon. Mittlerweile sind diese Vorfälle aber einfacher zu recherchieren, der Fußball ist in den Medien allgegenwärtig, der Sport ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

RB Leipzig im Fokus

Eine solche Ablehnung, wie sie derzeit RB Leipzig erfährt, gab es im deutschen Fußball für einen einzelnen Klub allerdings noch nie.

Mit Millionen von Red Bull wurde der Klub aus den Niederungen des Fußball bis in die Zweite Liga gebracht, das Ziel ist die Bundesliga, langfristig sogar die Deutsche Meisterschaft.

"Gegen den modernen Fußball", ist einer der zentralen Slogans der Ultras. RB Leipzig scheint hingegen die Manifestation des postmodernen Fußballs zu sein, das Gesicht des kommerzialisierten Fußballs.

"RB dient als Fokus, um diese Entwicklungen abzulehnen", sagt Gabler: "RB ist ein extremes Feindbild, da kristallisiert sich die ganze Kritik an dem modernen Fußball."

Auch Traditionsklubs sind Teil des Big Business

Beim eigenen Verein würde vielleicht noch akzeptiert, dass dieser von einem Großsponsor unterstützt wird, Anteile verkauft oder die Profiabteilung als eine GmbH ausgliedert.

Nicht aber bei RB, dem Abziehbild des Plastikklubs, der vermeintlich im krassen Gegensatz zu den Traditionsklubs steht.

Aber auch diese sind längst Teil des Big Business Bundesliga, im deutschen Profifußball werden Milliarden umgesetzt.

Doch große Teile der Fans wollen nicht bloß eine Show, sondern träumen von Loyalität, gelebter Tradition und Emotionen.

Fußball als Hollywood-Blockbuster?

Die Frage ist, in welche Richtung sich der Fußball in Deutschland entwickeln soll. In eine Richtung wie in den USA, wo die Klubs der Profiligen NFL, NBA, NHL und MLB Franchises sind, die bei wirtschaftlicher Erfolgslosigkeit auch schon mal den Standort wechseln?

Der Fußball dürfe kein reiner Unterhaltungsbetrieb sein, "nicht nur wie Hollywood, wie ein Blockbuster", findet Gabler.

"Die Vereine müssen diesem Entfremdungsgefühl entgegen wirken", findet der Fanforscher: "Der Fußball lebt auch ein bisschen von diesem Gefühl, nicht nur ein Geschäft zu sein."

Es dürfte eine der wichtigsten Aufgaben in den nächsten Jahren sein, die Kluft zwischen Fans und Klubs nicht noch größer werden zu lassen.

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