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Germany - DFB Officials Visits Friendly Match
Wolfgang Niersbach war seit 2012 DFB-Präsident. © Getty Images

Der Journalist kommt 1987 zum DFB. Sein Aufstieg verläuft kontinuierlich. 2012 wird er Zwanzigers Nachfolger als DFB-Präsident - die WM-Affäre wird Niersbach zum Verhängnis.

Vom Weltfußball-Retter zum Sommermärchen-Sündenbock: Noch vor ein paar Wochen galt Wolfgang Niersbach als DER Kandidat für den Chefposten bei der Europäischen Fußball-Union (UEFA), sogar beim tief in der Krise steckenden Weltverband FIFA fiel sein Name.

Doch nun übernahm er die "politische Verantwortung" für die dubiosen Geldflüsse um die WM 2006 und trat als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zurück.

Spätestens seit der Steuer-Razzia am vergangenen Dienstag in Frankfurt/Main stand der Vorzeigefunktionär Niersbach dermaßen im Zwielicht, dass seine bislang schillernden Funktionärskarriere sechs Tage später abrupt endete.

"Mein Ding ist der deutsche Fußball", hatte der 64-Jährige immer wieder betont, wenn er sich zu seiner Zukunft äußern sollte. In Zürich waren da gerade hochrangige FIFA-Funktionäre verhaftet worden, bei der UEFA winkte der Posten des später suspendierten Präsidenten Michel Platini (60).

Strippenzieher seit fast 30 Jahren

Die Fußballwelt steckt(e) in der Krise und der Deutsche, der Weltmeister, sollte eine tragende Rolle in der Aufklärung der massiven Korruptionsvorwürfe spielen. Er hätte vorher vor der eigenen Tür kehren müssen.

Das Verschwinden von 6,7 Millionen Euro (angeblich in Richtung FIFA) rückt Niersbach, dessen Legislaturperiode noch bis 2016 lief, ins Zentrum der WM-Affäre um das Sommermärchen. Er war im fraglichen Jahr 2005 Vizepräsident des Organisationskomitees, im DFB zieht er seit knapp 30 Jahren mit die Fäden. Dass Niersbach von nichts wusste? Unwahrscheinlich.

In seinem Büro in der ersten Etage der gläsernen DFB-Zentrale im Frankfurter Stadtwald hängen jede Menge Erinnerungsstücke. Länderspiel-Wimpel, ein Foto der Weltmeister-Feier im Maracana unterschrieben von Philipp Lahm - Wegpunkte einer Karriere, die auch international ihresgleichen sucht. Und die nun in Umzugskartons verschwinden werden.

Vom Sportjournalist zum DFB-Präsident

Niersbach begann als Sportjournalist, er schrieb über Eishockey, Fußball und berichtete von Welt- und Europameisterschaften. Sein Weg führte ihn dann vom Pressechef des DFB über den Posten im WM-OK und den des Generalsekretär an der Seite seines jetzigen Intimfeindes Theo Zwanziger (70) auf den Präsidentenstuhl. Später wurde Niersbach in die Exekutiven der UEFA und FIFA gewählt, er gilt dort als bestens vernetzt. Schneller und weiter nach oben geht eigentlich nicht.

"Es ging Schritt für Schritt - auch wenn ich nie damit gerechnet habe, eines Tages als Präsident hier zu sitzen", sagte Niersbach. International genießt der Rheinländer höchstes Ansehen.

Mit Platini pflegt er eine Männerfreundschaft, auch zum ebenfalls suspendierten FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter (79) hat er ein gutes Verhältnis. In den Gremien der Weltverbände hat Niersbachs Wort Gewicht, er sitzt dort, so betonte er es oft, auf ausdrücklichen Wunsch des DFB-Präsidiums, das den Verband im Weltfußball vertreten sehen will.

FIFA: Niersbach legt Reform-Entwurf vor

Als die FIFA im Mai in ihre schwerste Depression fiel, war es Niersbach, der als Erster einen Reform-Entwurf vorlegte. Sein Zehn-Punkte-Papier sollte den Weltverband auf Links drehen und den Korruptionssumpf endgültig trockenlegen.

Der öffentlichkeitswirksame Schritt sorgte für Aufsehen, der Plan las sich wie eine Bewerbung um die Präsidentschaft, auch wenn Niersbach dies vehement bestritt.

Für ihn war die UEFA-Präsidentschaft die sicherere Bank, sollte Platini ausscheiden - doch nun hat der Schatten der Vergangenheit Niersbach die Zukunft im Rampenlicht gekostet.

Niersbachs Werdegang im Stenogramm:

Als Redakteur des Sportinformationsdienstes arbeitete Niersbach in den Fachgebieten Fußball und Eishockey 15 Jahre lang bei zahlreichen Welt- und Europameisterschaften sowie bei Olympischen Spielen.

Zum DFB kam er 1987 zunächst als Pressechef der Europameisterschaft 1988, anschließend als Pressechef und Mediendirektor des Verbandes. Danach war er geschäftsführender Vize-Präsident und Mediendirektor im Organisationskomitee zur Fußball-WM 2006 in Deutschland.

Auf dem Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Mainz am 26. Oktober 2007 wurde Niersbach als Nachfolger von Horst R. Schmidt DFB-Generalsekretär. Er erhielt für sein Wirken zum Wohle des Fußballs das Bundesverdienstkreuz.

Am 2. März 2012 wurde Niersbach auf dem Außerordentlichen Bundestag in Frankfurt/Main als Nachfolger von Theo Zwanziger zum DFB-Präsidenten gewählt. Am 25. Oktober 2013 erfolgte die Wiederwahl auf dem 41. Ordentlichen DFB-Bundestag in Nürnberg.

Seit dem 24. Mai 2013 ist Niersbach auch Mitglied im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA). Am 29. Mai 2015 rückte Niersbach zudem in die Exekutive des Internationalen Fußball-Verbandes (FIFA) auf. Am 9. November 2015 trat er als Konsequenz aus seiner Verwicklung in die Affäre um die WM 2006 zurück.

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