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Der BVB-Bus rollt nach dem Anschlag unter Polizeischutz über die Straßen
Der BVB-Bus rollt nach dem Anschlag unter Polizeischutz über die Straßen © Getty Images

München - Selbst nach dem Bombenanschlag von Dortmund kommt es zu Attacken auf Mannschaftsbusse. Bei SPORT1 ordnet ein Fanforscher die aktuellen Entwicklungen ein.

Der Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund sorgte für blankes Entsetzen. 

Anderthalb Wochen nach dem schrecklichen Abend von Dortmund haben die Ermittler am frühen Freitagmorgen einen Verdächtigen in Baden-Württemberg festgenommen. Er soll die Bomben gezündet haben, um damit den Aktienkurs der Borussia zu beeinflussen.

Nach dem Attentat auf den BVB wirkt der Fußball verletzlich.

Doch selbst nach dem Vorfall griffen Ultra-Gruppen Mannschaftsbusse an: Fans von Werder Bremen bewarfen den Bus des Hamburger SV mit Farbbeuteln und Ultras von Rapid Wien zwangen die Profis aus dem Bus zu steigen und Rechenschaft abzulegen.     

SPORT1 sprach mit Sportwissenschaftler und Fanforscher Prof. Dr. Harald Lange von der Universität Würzburg über die neue Angst im Fußball.

SPORT1: Herr Lange, was sagen Sie zu dem möglichen Motiv des Tatverdächtigen, der offenbar einen massiven Kurssturz der BVB-Aktie erzwingen wollte?

Harald Lange: Das ist unfassbar. Erschreckend, dass so etwas möglich ist und beängstigend, dass es Menschen gibt, die auf so einem Weg an Geld kommen wollen. So viel kriminelle und menschenverachtende Energie auf eine Person konzentriert ist unfassbar. Bei so einem Maß an krimineller Energie stellt sich natürlich die Frage, ob und wie man sowas künftig verhindern kann. Angesichts der hier vorliegenden Skrupellosigkeit, Verrohung und Feigheit ist die Gesellschaft als Ganzes gefordert. Wir brauchen gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein von Werten getragenes Klima, in dem derartige Ideen und Straftaten keine Chance bekommen.

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SPORT1: Wie geschockt waren Sie nach dem Bombenanschlag über die schlimmen Bilder nur wenige Tage später in der Liga?

Lange: In allererster Linie bleibt das Dortmunder Ereignis schockierend im Kopf, weil eine ganz neue Dimension sichtbar wurde. Die ganze Geschichte zeigt, dass der Fußball und seine Spieler lohnende Anschlagsziele sind, weil man damit Aufmerksamkeit bekommt. Und das ist sehr schockierend, frustrierend und neu.

SPORT1: Und was sagen Sie dazu, dass es nach dem Bombenanschlag erneut zu Ausschreitungen kam?

Lange: Was in Braunschweig mit Pyrotechnik passierte oder beim Nordderby mit der Farbbeutel-Attacke auf den HSV-Bus, das sind Dinge, die nach dem Anschlag in Dortmund anders wirken als früher. Das ist eine Kette dummer Angriffe. Dass Busse belagert und beworfen werden, egal, ob mit Farb-Beuteln oder mit Steinen, ist nichts Neues. Aber aufgrund der aktuellen Ereignisse sollte man diskutieren und nachdenken, ob da nicht eine Grenze überschritten wird. Wenn Spieler angegriffen werden, dann hat das mit Fan-Rivalität nichts mehr zu tun.

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SPORT1: Werden die Fans sogar zur Gefahr?

Lange: Die Spieler sind jetzt in ihren Grundsätzen verunsichert, was auch nachvollziehbar ist. Und es sind nicht nur die BVB-Profis, die irritiert sind. Sondern alle Profis, die in Deutschland hin- und hergefahren werden. Die Busse sind heutzutage immer mit dem Vereinslogo und Sponsoren gekennzeichnet, so dass sie auch von außen ganz klar erkennbar sind.

SPORT1: Die Spieler müssen also mehr geschützt werden?

Lange: Man muss befürchten, dass die Spieler zukünftig wie Politiker unauffällig durch die Gegend chauffiert werden müssen, weil die Angst eines Übergriffes mitfährt. Vielleicht beruhigt es sich in den nächsten Wochen auch wieder etwas, aber sollte weiteres passieren, dann ist das ein massiver Eingriff in die Privatsphäre der Spieler. Sie werden sich dann schützen und zurückziehen müssen und die Öffentlichkeit nicht in der Form mehr suchen können, wie das eigentlich immer der Fall war. Ich gehe fest davon aus, dass die Spieler sich darüber Gedanken machen und verängstigt sind.

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SPORT1: Gibt es keine Tabuzonen mehr?

Lange: Ich befürchte, dass Tabuzonen genommen werden, weil Ultras Grenzen überschreiten. Relativierend muss jedoch gesagt werden, dass es noch Einzelfälle sind. Aber diese Vorfälle prägen die Schlagzeilen und sorgen dafür, dass solche Tabubrüche stattfinden. So etwas muss geächtet werden. Das ist eine Qualität, die in der jetzigen Form neu ist. Was besonders erschreckend ist: Egal, wie gewaltbereit ein Fan ist, muss es nach dem Anschlag in Dortmund ein absolutes Tabu sein, nur in die Nähe eines anderen Mannschaftsbusses zu kommen. Derzeit ist es einfach geschmacklos und widerlich. 

SPORT1: Gibt es Hoffnung auf Besserung?

Lange: Seit Jahren treten wir auf der Stelle und allmählich habe ich den Eindruck, dass es 'Business As Usual' ist. Es werden irgendwelche Standard-Pressemitteilungen verschickt, aber es ändert sich nichts. Man sucht die Fehler im anderen Lager. Die Vereinsbosse halten an der Kapitalisierung des Fußballs fest und die Ultras sehen das Böse auf Seiten der Vereinsebene. Die Gelddruckmaschine Fußball hat alle Werte über Bord geworfen.

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SPORT1: Was vermissen Sie?

Lange: Wenn die Spieler Zeit für ihre ganzen Werbe-Termine haben, um noch mehr Geld zu scheffeln, warum gibt es dann nicht genügend Zeit für Dialoge mit Ultras jenseits von Facebook oder Klub-TV? Man muss doch die Anhänger am Leben der Spieler teilhaben lassen, damit sie sich auch vergewissern können, dass die Profis nicht nur für Geld spielen, sondern auch aus Leidenschaft.

SPORT1: Haben Ultras zu viel Macht?

Lange: Ohne Fans würde es diesen ganzen Zirkus nicht geben, dann wären kein Mäzen und auch kein Sponsor interessiert. Und das Tragische ist, dass die Ultras nirgendwo eine Stimme haben, weder beim DFB und auch nicht bei der DFL. Keiner der Vizepräsidenten oder der DFB-Präsident hat eine Idee, wie Fans mehr mitreden könnten. Wenn dann aber wie zuletzt die Südtribüne in Dortmund gesperrt wird, dann entscheiden das im Kontrollausschuss des DFB 20 Funktionäre, die keiner kennt und die nicht wissen, was in der Kurve passiert.

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