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SPORT1-Reporter Christoph Lother (l.) sprach mit BVB-Sportdirektor Michael Zorc
SPORT1-Reporter Christoph Lother (l.) sprach mit BVB-Sportdirektor Michael Zorc © SPORT1

Bad Ragaz - Sportdirektor Michael Zorc spricht im SPORT1-Interview über die Ziele in der neuen Saison, die Perspektiven des BVB und das Ringen um Marco Reus.

Michael Zorc ist eine Institution bei Borussia Dortmund.

Im zarten Alter von 16 Jahren kam der heute 52-Jährige einst zum BVB - 36 Jahre ist das mittlerweile her.

Mit 463 Bundesliga-Spielen ist "Susi", wie er von den Fans liebevoll genannt wird, Rekordspieler der Borussia. Als Profi gewann er mit den Schwarz-Gelben zweimal die deutsche Meisterschaft und je einmal die Champions League, den Weltpokal und den DFB-Pokal.

Vom Profi zum Sportdirektor

Seit seinem Karriereende 1998 ist Zorc für die Dortmunder als Sportdirektor tätig.

Im SPORT1-Interview spricht er über das Jahr eins nach dem Abgang von Robert Lewandowski, die Perspektiven des BVB und das Ringen um Marco Reus.

SPORT1: Herr Zorc, die Vorbereitung neigt sich dem Ende zu. Am 23. August beginnt gegen Leverkusen die neue Bundesliga-Saison, zuvor ist der BVB bereits in Supercup und DFB-Pokal gefordert. Wie weit ist die Mannschaft schon?

Michael Zorc: Schwer zu sagen. Die Spieler sind grüppchenweise ins Training eingestiegen, die gesamte Vorbereitung war doch sehr zerstückelt. Aber das war uns schon vorher klar und deswegen jammern wir auch nicht. Wenn ich mir die einzelnen Fitnesswerte und die bisherigen Eindrücke aus den Testspielen anschaue, würde ich sagen, wir sind im Plan.

SPORT1: Welchen Eindruck haben Sie von Neuzugang Ciro Immobile? Bislang zeigt er viel Einsatz, wirkt lernwillig, oft fehlen ihm aber noch die richtigen Laufwege. Braucht er womöglich mehr Eingewöhnungszeit als etwa Adrian Ramos, der schon seit einigen Jahren in Deutschland spielt?

Zorc: Ciro befindet sich natürlich noch in einem Anpassungsprozess. Das ist aber ganz normal. Bei allem Respekt vor dem FC Turin: Die Trainingsintensität, die er hier erlebt, kannte er dort wohl nicht. Das hat er früh festgestellt und daran wird er sich gewöhnen. Adrian präsentiert sich bislang hervorragend. Insgesamt sind wir mit beiden zufrieden.

SPORT1: Den klassischen Eins-zu-Eins-Ersatz für den zum FC Bayern gewechselten Robert Lewandowski werden aber weder Immobile noch Ramos geben, oder?

Zorc: Richtig, das war auch nie so geplant. Robert hat sich in den vergangenen vier Jahren beim BVB zu einem kompletten, extrem starken Stürmer entwickelt. Ihn zu ersetzen, wäre für einen Einzelnen schwierig. Wir haben diese Transfers bewusst getätigt, um künftig vielleicht auch flexibler und variantenreicher agieren zu können. Wir haben die Möglichkeit, mit einer oder zwei Spitzen zu spielen. Wie es am Ende dann genau aussehen wird, warten wir ab.

SPORT1: Nicht nur die Offensive, sondern der gesamte Dortmunder Kader ist diesmal extrem breit besetzt. Es dürften hin und wieder Spieler auf der Bank oder gar der Tribüne sitzen, die das bislang nicht gewohnt waren. Fürchten Sie da kleinere Reibereien?

Zorc: Nein. Dieser Konkurrenzkampf, diese Dichte innerhalb unseres Kaders ist ja auch gewünscht. In der vergangenen Saison hatten wir großes Verletzungspech, darauf haben wir nun reagiert. Wir sind in drei Wettbewerben vertreten, betrachtet man unsere ganzen Nationalspieler und ihre Länderspiele sind es quasi sogar vier. Wir haben den Kader so ausgerichtet, dass wir überall und auf Dauer wettbewerbsfähig sind. Bei uns hat kein Spieler einen Freifahrtschein und das weiß auch jeder. Es geht nicht nach irgendwelchen Rankings, etwa der Höhe der Ablösesumme, sondern einzig und allein um Leistung.

SPORT1: Mit welcher Zielsetzung gehen Sie in die Saison? Was ist mit diesem Kader möglich?

Zorc: In den vergangenen vier Jahren sind wir zweimal Erster und zweimal Zweiter geworden. Natürlich wollen wir auch diesmal direkt in die Champions League und uns in der Liga nicht verschlechtern. International wollen wir erstmal überwintern, danach dann so weit kommen wie möglich. Und natürlich wollen wir wieder nach Berlin, ganz klar. Der DFB-Pokal wurde in unserem Klub über viele Jahre hinweg etwas stiefmütterlich behandelt, inzwischen ist er aber wieder eine echte Institution geworden. Wenn ich mir anschaue, was bei unseren letzten Finalteilnahmen los war, diese halben Völkerwanderungen von Dortmund nach Berlin, dann muss ich schon sagen: Das ist ein lohnenswertes Ziel.

SPORT1: Wer sind neben den Bayern denn die Hauptkonkurrenten des BVB im Kampf um die vorderen Plätze?

Zorc: Leverkusen und Wolfsburg natürlich, aber auch Schalke 04. Mit Blick auf ihren Kader und ihre Möglichkeiten zählen sie auf jeden Fall zu den Mitfavoriten um vordere Plätze.

SPORT1: Zum ersten kleinen Highlight der Saison kommt es bereits im Supercup gegen die Bayern. Wie wichtig ist Ihnen dieses Spiel?

Zorc: Wenn Dortmund gegen Bayern spielt, geht es immer um viel Prestige - egal in welchem Wettbewerb. Der Supercup an sich ist in seiner Bedeutung sicherlich noch steigerungsfähig, da fehlt es so ein bisschen an der Nachhaltigkeit. Aber natürlich wollen wir gewinnen. Wir spielen gegen die Bayern, zuhause, vor ausverkauftem Haus.

SPORT1: Wie würden Sie das allgemeine Verhältnis des BVB zu den Bayern aktuell beschreiben?

Zorc: Als Rivalität. Wir gehen fair mit jedem Konkurrenten um und haben immer vor allen Klubs Respekt.

SPORT1: Wie stehen Sie zu der Aussage Rummenigges, nach der die Ausstiegsklausel von Marco Reus bei der Borussia sich nicht auf 35, sondern 25 Millionen Euro belaufen soll?

Zorc: Wir stellen fest, dass er sich mittlerweile im Drei-Tage-Rhythmus über angebliche BVB-Interna äußert. Das hat leider eine völlig neue Qualität. Es wäre schön, wenn er einfach mal den Mund halten würde.

SPORT1: Der langjährige Hauptsponsor Evonik ist nun als strategischer Partner beim BVB eingestiegen, mit Puma kommt womöglich bald noch ein zweiter hinzu. Machen solche Vertragsabschlüsse auch Ihnen als Sportdirektor die Arbeit leichter?

Zorc: Zu Marktgerüchten äußern wir uns nicht. Natürlich verbessert die Kooperation mit Evonik unsere Rahmenbedingungen und es erhöht unsere Chancen, auf lange Sicht hin wettbewerbsfähig zu bleiben - ob national oder international. In der Champions League waren wir zuletzt zweimal in Folge unter den besten Acht, einmal sogar im Finale. Unser Ziel ist es, die Lücke zu den anderen Topteams noch ein Stückchen weiter zu schließen. Eine Hilfe sind dabei die verbesserten Möglichkeiten innerhalb des eigenen Klubs, die andere das Financial Fairplay.

SPORT1: Stichwort Financial Fairplay. Wie beurteilen Sie die aktuellen Aktivitäten von Klubs wie Real Madrid oder Paris St. Germain auf dem Transfermarkt?

Zorc: Wenn ich es richtig sehe, erfüllt Real alle Kriterien des Financial Fairplay. Der Verein macht einen unglaublichen Umsatz und kauft nicht nur ein, sondern verkauft eben auch gut. Bei PSG oder Manchester City müsste man schon eher einhaken, denn hier passen Einnahmen und Kosten in meinen Augen nicht zusammen.

SPORT1: Mittlerweile sind Sie schon seit gut 16 Jahren Sportdirektor des BVB. In dieser Zeit haben Sie von der Fast-Insolvenz bis zum Fast-Champions-League-Sieg alles miterlebt. Wo sehen Sie den Klub in, sagen wir, fünf Jahren?

Zorc: Das lässt sich im Fußball schwer sagen. Was wir uns wünschen, ist langfristig und kontinuierlich in der deutschen Spitze und auch in der Champions League vertreten zu sein. In den bisherigen 105 Jahren dieses Vereins hat es noch keine Mannschaft geschafft, über einen derart langen Zeitraum sportlich erfolgreich zu sein, wie es aktuell der Fall ist. Es geht nicht immer nur um Titel, sondern darum, dauerhaft vorne dabei zu sein.

SPORT1: Umso wichtiger dürfte es sein, die Leistungsträger künftig zu halten. Wie sieht es da bei Reus aus? 2015 dürfte er den BVB wie gesagt aufgrund einer Ausstiegsklausel für 35 Millionen Euro verlassen...

Zorc: Marco ist nicht nur aufgrund seiner sportlichen Leistung, sondern auch in seiner Rolle als Identifikationsfigur ein enorm wichtiger Spieler für uns. Er ist in Dortmund geboren und ein Aushängeschild für diesen Klub. Natürlich wollen wir so lange wie möglich mit ihm zusammenarbeiten.

SPORT1: Werden Sie weiter versuchen, ihm seine Ausstiegsklausel abzukaufen?

Zorc: Wir äußern uns nie zu Vertragsdetails. Borussia Dortmund wird auf jeden Fall versuchen, ihn langfristig zu halten.

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