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Sinan Kurt stammt aus der Jugend von Borussia Mönchengladbach - nun wirbt der FC Bayern um ihn. © Imago

Der FC Bayern und Borussia Mönchengladbach streiten sich um Supertalent Sinan Kurt. Jetzt spricht sein Berater bei SPORT1.

Von Reinhard Franke

München - Im Streit um das vom FC Bayern umworbene Gladbach-Talent Sinan Kurt flogen zuletzt die Giftpfeile hin und her.

"Meine Entscheidung pro Bayern steht", sagte der 18-Jährige kürzlich SPORT1: "Ich habe meine Entscheidung pro Bayern getroffen, daran wird sich auch nichts mehr ändern. Dabei bleibe ich."

Um den deutsch-türkischen Offensivspieler gibt es seit längerem Gezerre: Der FC Bayern will Kurt, Borussia Mönchengladbach pocht derweil auf seinen Vertrag bis 2016.

Doch sein Berater, Rechtsanwalt Michael Decker, argumentiert, dass Kurts Vertrag wegen der Sonderbedingungen im Jugendspielerbereich nur bis 2015 gültig sei.

Im Streit um Kurt hatte Borussias Sportdirektor Max Eberl scharfe Kritik an FC Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer geübt. Auch der Spieler wurde von Eberl öffentlich kritisiert.

Kurt hofft nun darauf, dass er noch in der laufenden Transferperiode zum Rekordmeister wechseln darf.

Vor Borussias Heimspiel in den Europa League-Play-Offs gegen FK Sarajevo (ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Decker im SPORT1-Interview erstmals über die Situation um seinen Klienten.

SPORT1: Herr Decker, seit Wochen gibt es den Transferstreit zwischen Gladbach und den Bayern um Ihren Klienten Sinan Kurt. Sie haben sich bisher bedeckt gehalten. Warum?

Michael Decker: Ich habe mich bisher bewusst in den Presse und in der Öffentlichkeit zurückgehalten, weil es um einen jungen Menschen geht. Ich muss mich nicht in den Medien produzieren und ich wollte in dieser Sache nicht weiter Öl ins Feuer gießen, weil für mich am Ende die Vernunft siegt, zumal gar nicht viel passiert ist, wenn man es sachlich beurteilt.

SPORT1: Sie werden dafür verantwortlich gemacht, dass der deutsche Jugendfußball kaputtgeht.

Decker: Das ist kompletter Unsinn. Es geht in den angesprochenen Fällen Sinan Kurt und Lukas Klostermann im Ergebnis lediglich darum, dass die anderen Vereine an den Spielern interessiert waren bzw. sind. Beide Spieler können bzw. konnten wegen laufender Verträge nur mit Zustimmung des jeweiligen Vereins wechseln. In beiden Fällen ist bzw. war ein Wechsel nur gegen eine entsprechende Ablösesumme möglich. Das ist ein vollkommen normaler Vorgang im Profifußball. Davon geht der deutsche Jugendfußball nicht kaputt.

SPORT1: Sinan Kurt hat noch Vertrag in Mönchengladbach, will aber noch in diesem Sommer zum FC Bayern wechseln.

Decker: Sinan hat mit 16 bei Gladbach einen Fördervertrag über drei Jahre mit einer Laufzeit bis zum 30.06.2015 unterschrieben. Max Eberl äußerte dann aber in einem Nebensatz, dass Sinan angeblich über vier Jahre bis zum 30.06.2016 gebunden sein soll. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bayern München sein Interesse an Sinan noch gar nicht angemeldet. Weil ich über die Äußerung einer angeblich vier Jahre andauernden Bindung verwundert war, habe ich Max Eberl gebeten, mir eine Kopie des angeblich bis Sommer 2016 laufenden Vertrages auszuhändigen, die ich erst nach langem hin und her bekommen habe.

SPORT1: Klingt sehr schwierig...

Decker: Als Berater und Rechtsanwalt des Spielers war es meine Verpflichtung, mir vor weiteren Verhandlungen mit Gladbach über die Verlängerung eines laufenden Vertrages zunächst einen Überblick über die aktuelle Vertragssituation von Sinan zu verschaffen. In einer Verhandlungssituation macht es natürlich einen Unterschied, ob ein Spieler noch ein oder zwei Jahre gebunden ist. Nachdem mir die Unterlagen von Max Eberl übermittelt worden waren, stellte ich fest, dass Sinan im Alter von 16 Jahren, zum selben Zeitpunkt, zu dem er den drei Jahre laufenden Fördervertrag unterschrieben hatte, auch noch einen Anschlussvertrag mit einer einjährigen Laufzeit unterschrieben hatte. Dieser Vertrag beginnt aber erst im Anschluss an den Fördervertrag zu laufen. Sinan ist als Minderjähriger im Alter von 16 Jahren also eine vierjährige Bindung eingegangen. Ich habe Max Eberl daraufhin gesagt, dass die Transferbestimmungen bei Jugendspielern lediglich Bindungen von drei Jahren zulassen.

SPORT1: Auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) schaltete sich ein, oder?

Decker: In den Transferbestimmungen steht ausdrücklich, dass längere Bindungen nicht anerkannt werden. Die DFL hatte uns auf Rückfrage bestätigt, dass Gladbach auch nur den bis 2015 laufenden Fördervertrag bei der DFL eingereicht hatte. Außerdem habe ich Max Eberl mitgeteilt, dass der von Sinan im Alter von 16 Jahren unterzeichnete Anschlussvertrag auch deswegen nie wirksam zustande gekommen sei, weil dieser nur von Sinan unterzeichnet ist, der sich mit 16 Jahren nicht selbst vertraglich verpflichten konnte. Es geht hier also nicht um die Kündigung des laufenden Vertrages oder gar um eine angedachte Klage.

SPORT1: Sie haben den Fördervertrag also niemals angezweifelt?

Decker: Nein. Auch wenn ich das könnte, habe ich das nie gemacht. Das würde ich niemals tun. Ich habe Gladbach immer gesagt, dass wir diesen Fördervertrag akzeptieren, auch wenn Sinan über sein 18. Lebensjahr hinaus im Rahmen dieses Vertragsverhältnisses verpflichtet wurde. Ich habe Herrn Eberl nur gesagt, dass die darüber hinausgehende Bindung von einem Jahr keine Gültigkeit hat.

SPORT1: Es hieß zuletzt, Sie wollen gegen Gladbach klagen. Stimmt das?

Decker: Nein. Es gibt überhaupt keine Notwendigkeit für eine Klage und ich kündige auch keinen Vertrag, weil es gar nichts zu kündigen gibt.

SPORT1: Der FC Bayern will den Spieler und der Spieler will nach München.

Decker: Dass Bayern Interesse an Sinan hat, ist bekannt. Aber Sinan will sich nicht rausklagen, sondern wir akzeptieren die vertragliche Bindung bis 2015. Der Wechsel findet nur mit der Zustimmung von Gladbach statt, wie es in jedem anderen Fall auch so ist. Wenn der Wechsel nicht vollzogen wird, dann wird Sinan seinen Vertrag bei Gladbach erfüllen. Dann ginge es nur noch um die Frage, ob Gladbach sich tatsächlich weiter auf den Standpunkt stellt, dass der Spieler einen Vertrag bis 2016 haben soll.

SPORT1: Wie empfindet der Spieler die Situation?

Decker: Die derzeitige Situation von Sinan ist sehr schwierig, weil Gladbach die ganze Sache in die Öffentlichkeit getragen hat und die Medienberichterstattung bisher sehr einseitig war, weil wir uns aus den genannten Gründen in der Sache kaum geäußert haben. Man kann Sinan und mir hier allenfalls den Vorwurf machen, dass wir uns während eines laufenden Vertrages das Interesse von Bayern München angehört haben. Nochmal: Sinan hat nie gesagt, dass er den Vertrag brechen wird. Ich habe Herrn Eberl sogar schriftlich gegeben, dass sich Sinan selbstverständlich an seinen laufenden Vertrag halten wird, wenn Gladbach Sinans Wunsch, zum FC Bayern zu wechseln, nicht zustimmt. Wir akzeptieren einen bestehenden Vertrag. Etwas anderes ist es, wenn er nicht wechselt. Dann stellt sich die Frage erst in einem Jahr, ob er noch eine weitergehende Bindung hat oder nicht. Da gelten die Transferbestimmungen für Spieler, an die jeder Verein gebunden ist. Und das hat nichts mit einem Bosmann-Urteil zu tun oder mit etwas Ungewöhnlichem, das die ganze Branche erschüttert.

SPORT1: Die Klubs müssen also nicht befürchten, dass eine Klage zu einem Muster-Urteil führt, wodurch die Klubs keinen Zugriff mehr auf die eigenen Talente hätten, sobald sie 18 Jahre sind?

Decker: Wirklich nicht. Das Rechtsthema, was sich in einem Jahr allenfalls stellen kann, ist die Frage, ob man einen Jugendspieler länger als drei Jahre binden kann. Diese Frage beantwortet sich aber bereits aus den klaren Regeln der Transferbestimmungen. Wenn man glaubt, dass durch diese Regelungen der Jugendfußball kaputtgeht, dann muss man diese Regelung ändern. Diese Frage stellt sich jetzt aber gar nicht, weil Sinan noch einen laufenden Vertrag bis zum 30.06.2015 hat, an den er sich hält.

SPORT1: Es hieß auch, dass sich Sinan Kurt geweigert haben soll, mit in das Gladbacher Trainingslager zu fahren. Was war da dran?

Decker: Auch das stimmt nicht. Natürlich wäre Sinan mit in das Trainingslager der Profis gefahren, warum soll er das denn nicht machen? Lieber in der U19 spielen? Das erschließt sich doch gar nicht.

SPORT1: Was bewerten Sie die Situation aus heutiger Sicht?

Decker: Ich bin sehr traurig darüber. Ich möchte aber auch noch eine Lanze für Max Eberl brechen. Ich kenne ihn seit 8 Jahren und habe in der Vergangenheit verschiedene Jugend- und Profiverträge mit ihm verhandelt. Es gab nie ein Problem. Ich muss auch sagen, dass ich Max Eberl auf eine bestimmte Art und Weise verstehe. In der Personalie Sinan Kurt spielen viele Emotionen eine große Rolle und ich weiß, wie sehr sich Herr Eberl immer um Sinan bemüht und wie sehr Gladbach den Jungen gefördert und ihn als großes Talent gesehen hat.

SPORT1: Gab es mal ein klärendes Gespräch?

Decker: Es gab verschiedene Gespräche, auch bevor Bayern sein Interesse angemeldet hatte. Es gab auch ein Gespräch zwischen mir, Sinan, Max Eberl und Lucien Favre über die Situation von Sinan. Ich fand all das, was Favre da gesagt hat, größtenteils richtig. Ich halte ihn für einen sehr guten Trainer. Sinan hätte sicherlich auch in Gladbach seinen Weg gemacht, davon sind wir alle überzeugt. Wir haben uns das aber nicht einfach gemacht. Für Sinan ist es einfach ein Traum, für Bayern München zu spielen. Sinan würde nur bei den Profis trainieren und zunächst in der U23 Spielpraxis sammeln.

SPORT1: Es gibt genügend Beispiele, wo es Spieler nicht geschafft haben, weil sie zu früh zu den Bayern gewechselt sind.

Decker: Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass er es bei Bayern packt. Ein Bayern-Spieler hat aber immer einen besonderen Status. Viele junge Spieler haben es dort direkt geschafft, während andere zu anderen Bundesligavereinen ausgeliehen wurden und sich dann durchgesetzt haben. Sinan hat sicherlich das Potenzial, es auf dem einen oder anderen Weg zu schaffen, auch wenn es dafür keine Garantie gibt.

SPORT1: Was wird bis zum Transferschluss kommende Woche passieren?

Decker: Das hängt von Max Eberl ab. Wir tolerieren, wenn er Sinan nicht gehen lässt. Man stellt sich aber die Frage nach dem Sinn, ihn jetzt zu halten. Gladbach wird eine schöne Ablösesumme von Bayern bekommen und deshalb wird ja nicht die Jugendabteilung kaputtgemacht. Es macht keinen Sinn, ihn mit aller Macht halten zu wollen. Eberl sagte, als das Interesse von Bayern München bekannt wurde, dass der Junge bei Gladbach keine Rolle mehr spielen wird. Aber jetzt sollten wir die Emotionen rauslassen und zur Sachlichkeit zurückkehren.

SPORT1: Wie gehen Sie mit der Kritik an Ihrer Person um?

Decker: Ich bin nicht der böse Berater, ich habe nur meinen Job gemacht. Ich vertrete zahlreiche berühmte Persönlichkeiten auch außerhalb des Fußballs, wie beispielsweise Nena oder Xavier Naidoo. Ich habe den Ruf, dass ich hart in der Sache, aber fair bin. Ich versuche, für meine Mandanten immer mein Bestmöglichstes zu geben. Es ist Sinans Wunsch zu wechseln, ich habe ihm nur das Für und Wider aufgezeigt. Es gibt viele Argumente für Gladbach und auch viele Argumente für Bayern München. Die Entscheidung hat Sinan getroffen.

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