vergrößernverkleinern
Sinan Kurt kommt aus der Jugend von Borussia Mönchengladbach
Sinan Kurt kommt aus der Jugend von Borussia Mönchengladbach © getty

Mönchengladbach - Die Bayern haben nach monatelangem Gezerre das vielversprechende Talent Sinan Kurt verpflichtet. Wer ist das eigentlich? SPORT1 auf Spurensuche.

Von Andreas Reiners und Mike Lukanz

Matthias Sammer hatte die Lacher auf seiner Seite. Trotzdem ruderte er schnell zurück.

Denn als der Sportdirektor des FC Bayern den Transfer von Sinan Kurt ganz offiziell verkündete, unterlief ihm ein verbaler Fauxpas.

"Sinan Kurt haben wir noch fertig gemacht", sagte Sammer und schob eilig hinterher: "... also vertraglich!"

Ein Freud?scher Versprecher, mit ernstem Hintergrund. Denn mit der Verpflichtung kurz vor Transferschluss endete eine monatelange Posse um den gerade einmal 18-Jährigen.

 

Einen letzten Seitenhieb konnte sich Sammer dann auch nicht verkneifen: "Fertig gemacht wurde er von jemand anderen."

Borussia Mönchengladbach und Bayern München waren sich erst am Sonntag endgültig einig geworden. Kurt, der in Gladbach noch einen Vertrag bis 2015 hatte, darf sich für eine Ablösesumme von rund 2,5 Millionen Euro seinen "großen Traum" vom FC Bayern erfüllen.

Vorausgegangen war ein beispielloses Gezerre um den Jugend-Nationalspieler. Auf dem Höhepunkt des Zwists warfen sich Sammer und Gladbachs Sportdirektor Max Eberl gegenseitig schlechten Stil vor, wurde auch Kurt harsch kritisiert. Die Verantwortlichen trafen sich zwischenzeitlich sogar in Garagen, um neue Angebote für den Youngster auszutauschen.

 

Doch warum streiten sich zwei Traditionsklubs in aller Öffentlichkeit um einen Nachwuchsspieler? Einen hochtalentierten, klar. Um eines der größten Versprechen des deutschen Fußballs, möglich.

Am Ende ist es vor allem nur ein Versprechen. Das freilich noch eingelöst werden muss.

Denn Kurt hat bei allen Vorschlusslorbeeren noch kein einziges Profispiel absolviert.

Er gehört im Zeitalter der Götzes und Draxlers auch nicht mehr zu den ganz jungen Talenten. Andere spielten in seinem Alter schon Nationalmannschaft.

Seine Bilanz in den vergangenen beiden Jahren: In der A-Junioren Bundesliga West erzielte er 16 Tore in 24 Spielen, im Jahr davor kam er in 52 Spielen auf einen Scorerpunkt pro Partie.

 

Kein Wunder, dass die Borussia ihr Eigengewächs halten wollte. Denn Kurt hat alle Voraussetzungen. Linksfuß, schnell, kreativ, dribbelstark und dazu torgefährlich. Ein neuer Marco Reus, so hieß es, der im Gegensatz zu diesem sogar in Mönchengladbach geboren ist.

Doch immer auch kam die Einschränkung: Wenn er sich denn durchsetzt.

Denn Talent haben viele. Das alleine reicht aber nicht aus. Dazu kommen notwendige Eigenschaften wie Ehrgeiz, Kampfgeist und Demut. Kritikfähigkeit.

Der Wille, sich weiterzuentwickeln. Und natürlich auch Glück.

Sinan Kurt wurde in einer Dokumentation "Projekt Profi - 4 Jungs auf dem Weg in die Bundesliga" des TV-Senders "Sky" neben drei anderen Talenten eine Zeit lang begleitet. Schon damals zeigte sich, dass Kurt vor allem eines ist: selbstbewusst. Für manche in Gladbach war er bereits zu selbstbewusst.

Der schwierige Spagat eines Jungen, der mit viel Talent gesegnet und so viel besser als seine Altersgenossen ist. Da fällt Demut nicht immer leicht.

 

"Wenn er auf dem Teppich bleibt und zuhört, was er noch lernen muss, dann hat er eine große Zukunft vor sich. Aber es ist dann auch so, dass die Jungs nicht immer zuhören und über die Stränge schlagen. Dann ist es wichtig, dass sie wieder den richtigen Weg finden", sagte Gladbachs Jugenddirektor Roland Virkus.

Doch wenn er die Dinge lerne, werde er nicht nur Bundesliga-Spieler: "Sondern auch ein sehr guter. Er hat aber noch nichts geleistet. Es ist noch ein weiter Weg."

Im Rahmen dieser Doku hatte Kurt hinsichtlich angeblicher Interessenten aus dem Ausland allerdings auch erklärt: "Ich will überhaupt nicht wechseln, weil ich mich hier wohlfühle. Ich habe viel Rückendeckung und der Verein steht hinter mir." (SHOP: Jetzt Bundesliga-Fanartikel kaufen)

 

Seine Entscheidung pro Bayern hatte er dann wenige Monate später relativ überraschend getroffen. Und wich, bereits ganz Profi, davon keinen Millimeter mehr ab.

"Dieses Jahr wird mein Jahr das kann ich euch versprechen! Ein Traum ein Ziel BUNDESLIGA!!!!", hatte der Deutsch-Türke Neujahr auf seiner Facebook-Seite gepostet. In den vergangenen Wochen zeigte sich Kurt vor allem sehr gerne im DFB-Trikot.

Sein Kommentar "Dieser vierte Stern sieht schon gut aus" löste nicht nur Jubelstürme aus. Ein Wechsel zu den Bayern wird in den wenigsten Vereinen gutgeheißen.

 

Es bleibt also die große Frage: Warum gerade die Bayern? Was will ein hoch veranlagtes und vielversprechendes Talent schon jetzt beim Rekordmeister?

Und was will der FC Bayern mit Sinan Kurt?

"Ein Bayern-Spieler hat aber immer einen besonderen Status. Sinan hat sicherlich das Potenzial, es auf dem einen oder anderen Weg zu schaffen, auch wenn es dafür keine Garantie gibt", sagte Kurts Berater Michael Decker im Interview mitSPORT1.

In Gladbach stand er auf dem Sprung in den Profikader. Durfte bis zum Beginn der Transferposse regelmäßig mittrainieren. War bereits mit im Winter-Trainingslager Anfang 2014.

 

In Einzelgesprächen erklärte ihm Cheftrainer Lucien Favre, wie er mit ihm plane, wie er ihn heranführen wolle an die Bundesliga. Kurt war auserkoren, erster Vertreter von Raffael zu sein, noch bevor die Transfers von Andre Hahn, Ibrahima Traore oder Thorgan Hazard getätigt wurden.

Umso überraschter waren sie dann am Niederrhein, als Kurt mitteilen ließ, auch "mangels sportlicher Perspektive" wechseln zu wollen.

Dass Kurt in der mit Weltstars gespickten Elf des FC Bayern München regelmäßig nennenswerte Einsätze erhält, ist fragwürdig. Dazu verpasste die U23 des Rekordmeisters den Aufstieg in die 3. Liga, Kurt dürfte sich demnach oft auf Bayerns Regionalligaplätzen wiederfinden statt im Bundesligakader Borussias zu stehen.

 

Keine Frage, auch Bayerns Trainer Pep Guradiola hat mehrfach bewiesen, dass er auf junge Spieler setzt. Pierre-Emile Höjbjerg oder Gianluca Gaudino sind aktuelle Beispiele. Guardiola eröffnet dem Nachwuchs also Chancen. Nutzen muss sie Kurt dann "nur" noch selbst.

Die Chance, unter Guardiola und neben Xabi Alonso, Bastian Schweinsteiger und Robert Lewandowski zu trainieren, dazu mit deutlich erhöhtem Gehalt, dürfte für viele 18-Jährige schwer abzulehnen zu sein.

Mit dem Wechsel zu einem der größten Vereine der Welt hat Sinan Kurt den schwierigsten aller Wege genommen.

Für ihn selbst ist es jedoch nur die logische Konsequenz.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel