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Pep Guardiola ist seit Sommer 2013 Trainer des FC Bayern
Pep Guardiola ist seit Sommer 2013 Trainer des FC Bayern.

München - In der Biografie "HERR GUARDiOLA" verrät der FCB-Trainer sein Geheimnis. Als Maulwurf muss er sich deshalb aber nicht fühlen.

Von Holger Luhmann

An den Anfang seines Buches "HERR GUARDIOLA - Das erste Jahr mit Bayern München" stellt Autor Marti Perarnau ein Abendessen von Pep Guardiola und Schach-Weltmeister Garri Kasparow in New York.

Es ist kein Zufall, dass Perarnau diesen Beginn gewählt hat.

Denn am Ende der Ein-Jahres-Chronologie, die den Faden von Guardiolas Amtsantritt als Trainer des FC Bayern über die Turbo-Meisterschaft, die Demütigung im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid bis zum DFB-Pokalsieg strickt, ist klar: Für Guardiola, den besessenen Taktierer, hat der Fußball eine große Ähnlichkeit mit Kasparows Sportart.

Guardiola erlaubt den Blick auf seine Denkweise

Und so ist auch die Biografie über Guardiolas erstes Jahr beim FC Bayern viel mehr als eine simple Chronik der Ereignisse.

Sie gibt den Blick frei auf die Arbeits- und Denkweise Guardiolas.

Das ist durchaus pikant. Eben jener Guardiola, der gerne hinter einem Sichtschutz trainieren lässt und fast genau vor einem Jahr einen Maulwurf in den eigenen Reihen aufzustöbern versucht, verrät nun persönlich Interna.

Und gewährt Einblicke, die Gegner womöglich künftig nutzen könnte.

Die Mär vom Tiki-Taka

Guardiola philosophiert über die Effektivität des "falschen Neuners" und den missglückten Versuch mit Franck Ribery in eben dieser Rolle.

Und es ist ihm ein großes Anliegen, mit der Mär vom Tiki-Taka aufzuräumen. Jenem Kurzpass- und Ballbesitz-Fußball, für den Guardiola das Patentrezept zugesprochen wird.

Doch Guardiola widerspricht in vehementer, drastischer Form: "Ich hasse dieses Tiki-Taka. Ich hasse es. Tiki-Taka ist, sich den Ball zuzuspielen, um sich den Ball zuzuspielen, einfach so, ohne Sinn und Verstand. Und das führt zu nichts. Man muss den Ball in einer bestimmten Absicht in den eigenen Reihen halten, in der Absicht nämlich, vors gegnerische Tor zu kommen und Schaden anzurichten."

Der Sinn des Ballbesitzes

Stattdessen propagiert er die Spieleröffnung - ähnlich wie Züge beim Schach - durch die "15 vorausgehenden Pässe" und führt dazu aus: "In Ballbesitz zu sein, ist nur dann von Bedeutung, wenn du im Mittelfeld fünfzehn aufeinanderfolgende Pässe spielst, um dich zu organisieren und gleichzeitig den Gegner zu desorganisieren, ihn zu verwirren. Wenn du den Ball verlierst, wird der gegnerische Spieler, der ihn erobert hat, höchstwahrscheinlich allein sein, umringt von deinen Spielern, die den Ball dann leicht zurückerobern werden."

Im Idealfall aber sind diese Pässe eine Vorbereitung auf den entscheidenden Augenblick: "Von dem Moment an, wenn sie zusammen ins Mittelfeld vorrücken, möchte ich, dass sie ihre DNA freisetzen, dass sie laufen, sich befreien. Darin sind sie wie Monster. Das lieben sie. Und ich liebe es, wenn sie das tun."

Training wie eine Choreographie

Nach seinen Erfolgen beim FC Barcelona und dem Sabbatjahr in den USA hat Guardiola keine leichte Aufgabe angetreten.

Sein Vorgänger Jupp Heynckes ist mit dem Triple-Gewinn abgetreten.

Zum Tag von Guardiolas offizieller Vorstellung schreibt Perarnau: "An diesem 24. Juni scheinen Peps Augen das Paradox der Bayern widerzuspiegeln: Der Gipfel ist erreicht, aber Pep ist entschlossen, noch einen Schritt weiter nach oben zu gehen."

Also stürzt sich Guardiola in die Arbeit, um den FCB nach seinen Vorstellungen umzumodulieren. 

"Das Training findet stets mit Ball statt und ist hochspezifisch, da es die technischen und taktischen Bedingungen eines Spiels simuliert: Man trainiert so, wie man in der nächsten Partie spielen wird."

Eine Übung zur Raumdeckung wird wie folgt beschrieben: "Von außen betrachtet erinnert die Trainingseinheit an eine Choreographie: die Tänzer bewegen sich horizontal, nehmen die Position des Nebenmanns ein, wenn dieser auf den Gegner losgeht, und kehren dann wieder auf ihre ursprüngliche Position zurück, wobei jeder den exakten Abstand zum Nachbarn einhält. Doch mit einem Ballett hat dies bislang nur wenig zu tun."

Die Variante mit Philipp Lahm

Flexibilität ist für Guardiola ebenso wichtig.

Er arbeitet auch daran, "dass seine Spieler zwei verschiedene Positionen einnehmen können, möglichst sogar drei."

Heraus kommt unter anderem die taktische Variante mit Philipp Lahm im defensiven, zentralen Mittelfeld.

Ellbogencheck von Ribery

Das Buch ist vor allem eine große Taktikschulung.

Private Einblicke sind selten.

Etwa wie direkt nach der vorzeitigen Meisterschaft in Berlin.

"Um Mitternacht waren auf der Lippe von Manel Estiarte zwei Einstiche zu sehen: Man hatte ihn nähen müssen, denn als man ihn in den Pool geworfen hatte, hatte Ribery ihn versehentlich mit dem Ellbogen getroffen."

Eben Berlin aber ist in jender ersten Saison von Guardiola in München die Wende zum Schlechten.

Guadiola gab die Parole aus, sich ganz auf die Champions League zu konzentrieren.

An späterer Stelle wird er einsehen: "Wir dürfen uns nicht für Götter halten. Wir sind keine Götter und müssen laufen."

"Die größte Scheiße, die ich je gemacht habe"

Guardiola ist Sohn und Enkel eines Maurers. Ein Kind der Kelle, wie man in Katalonien sagt. "Sein Vater Valentin brachte ihm bei, für sein Verhalten geradezustehen."

So hält er es auch der 0:4-Schmach im Halbfinal-Rückspiel gegen Madrid.

"Das ist eine große Scheiße. Die größte Scheiße, die ich als Trainer je gemacht habe", sagt er.

Weil er von seiner Idee der Mittelfeldhoheit abgewichen war. "Am wichtigsten Tag des Jahres hatte er sich selbst verraten", heißt es im Buch.

"Verführen, nicht motivieren"

Nicht zuletzt wegen der Titel in Meisterschaft und Pokal kann Guardiola trotzdem auf ein erfolgreiches erstes Bayern-Jahr zurückblicken.

"Pep ist es gelungen, die Philosophie des deutschen Fußballs zu verändern", hält Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge fest.

Die Entschlüsselung seines Codes befürchtet Guardiola selbst durch das Buch nicht. Weil er seinen Spielern "noch viele andere Konzepte beibringen" will: "Wir werden mehr Varianten ausprobieren. Kurz und gut, ich glaube, wir werden wachsen."

Ein Erfolgsrezept verrät er dann aber doch noch - und das hat nichts mit Taktik zu tun.

"Die Schlüsselfrage ist, wie kannst du die Spieler verführen, damit sie auf dich hören und neue Konzepte annehmen? Ja, verführen, nicht motivieren. Verführen", erzählt er und führt weiter aus: "Du siehst den Spielern in die Augen, und es ist, als würde sich ein Liebespaar in die Augen schauen."

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