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SPORT1-Experte Thomas Berthold kritisiert den Zeitpunkt der Entlassung von Fredi Bobic. Der VfB habe viel größere Probleme.

Hallo Fußball-Freunde,

der VfB Stuttgart hat kurz vor der Partie bei Borussia Dortmund seinen Sportdirektor Fredi Bobic entlassen. Der Zeitpunkt dafür könnte unglücklicher nicht sein.

Logischer wäre doch gewesen, nach der Rettung in der vergangenen Saison eine Bilanz zu ziehen. Dann hätten die Stuttgarter zu dem Schluss kommen können, dass sich die Dinge nicht so entwickelt haben, wie sie sich das vorgestellt haben. Dann hätte man auch mit anderen Leuten die neue Saison planen können.

Aber jetzt nach fünf Spieltagen den Sportdirektor zu entlassen, ist für mich absolut nicht nachvollziehbar.

Genauso wie die Art und Weise, wie das laut Medienberichten abgelaufen ist. Dass Fredi Bobic schon auf dem Weg nach Dortmund war und dann quasi zurückgepfiffen wurde - dazu fällt mir nichts mehr ein. Das hat überhaupt keinen Stil.

Dass die Fans unzufrieden sind, machten sie am vergangenen Wochenende unter anderem mit Spruchbändern deutlich.

Diese gingen aber nicht nur gegen Fredi Bobic, sondern auch gegen Präsident Bernd Wahler. Ich habe den Eindruck, dass der VfB jetzt einfach ein Bauernopfer gesucht hat, um etwas Ruhe hereinzubekommen.

Dabei hatte Wahler noch am Samstag verkündet, dass er zu Bobic stehe. Da wäre es doch mal interessant zu erfahren, was von Samstag bis Mittwoch zum Sinneswandel geführt hat.

Aber eines darf nicht vergessen werden: Fußball ist keine One-Man-Show. Wenn der VfB Stuttgart nun meint, dass jetzt alles gut wird, nur weil eine Person ausgetauscht wird, wird sich der Verein noch wundern.

Ganz egal, wer nun der Nachfolger von Fredi Bobic wird: Er wird es sicherlich nicht einfacher haben. Durch den ganzen Verein muss ein ordentlicher Ruck gehen. Der Karren ist zu verfahren. Zudem herrscht in dem Klub eine komische Energie.

Beim VfB müssen mehrere Steine umgedreht werden. Da wäre es unfair, alles an einer Person festzumachen.

Schuldzuweisungen bringen überhaupt nichts. Das ist in solch einem Gebilde wie eines Vereins völlig unangebracht. Da muss sich jeder hinterfragen - angefangen von den Leuten im Aufsichtsrat bis hin zur Geschäftsführung. Jeder Einzelne.

Ein Einziger kann dort daher gar nichts bewirken. Der VfB braucht ein Komplett-Lifting.

Denn man muss auch in der Lage sein, kontrovers zu diskutieren. Was sich in Stuttgart zeigt: Die Gremien, vor allem der Aufsichtsrat, brauchen mehr Fußball-Kompetenz.

Mit Ausnahme von Hansi Müller sitzen dort nur Personen aus der Wirtschaft. Aber hat Hansi Müller in den vergangenen Jahren mal irgendetwas gesagt oder einen Ansatz für Veränderungen gehabt?

Der VfB hatte doch schon immer eine gute Jugendarbeit. Da kann sich nur die Frage stellen: Wie veredele ich meine jungen Spieler?

Damit wären wir beim Thema Fußball-Philosophie: Hat der VfB eine, oder ist er immer von den jeweiligen Trainern getrieben worden?

Habe ich genug Fußball-Kompetenz, können sie eine klare Linie definieren. Man überträgt die Verantwortung automatisch an Trainer und Sportdirektor, aber man kann sich doch nicht von zwei Personen abhängig machen.

Bis zum nächsten Mal,Euer Thomas Berthold

Thomas Berthold nahm als Spieler an drei Weltmeisterschaften teil und krönte seine Karriere mit dem WM-Titel 1990 in Italien. In der Bundesliga war er für Eintracht Frankfurt, den FC Bayern München und den VfB Stuttgart aktiv. Zudem lief er in der Serie A für Hellas Verona und AS Rom auf. Der ehemalige Manager von Fortuna Düsseldorf schreibt als Kolumnist für SPORT1.

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