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MITTELFELD: Karim Bellarabi (Bayer 04 Leverkusen), SPORT1-Note: 2

Leverkusen - Karim Bellarabi lebt derzeit seinen Traum. Bei SPORT1 erklärt Rudi Völler, warum die Nominierung für die DFB-Auswahl nur logisch ist.

Aus Leverkusen berichtet Andreas Reiners

Als Karim Bellarabi den bislang wohl wichtigsten Anruf seiner Karriere erhielt, durchlebte er ein kleines Wechselbad der Gefühle.

Stolz? Klar. Dankbarkeit? Natürlich. Aufregung? Anspannung? Auch das.

Ansonsten war der Plausch mit Bundestrainer Joachim Löw "ein ganz normales Gespräch. Er hat mir gratuliert zu den Leistungen in den vergangenen Wochen und Monaten und mich dann eingeladen. Es war ein wundervolles Gefühl", beschrieb der Mittelfeldmann von Bayer Leverkusen den Moment, als er von der Nominierung für die Nationalmannschaft erfuhr.

Schließlich sprudelte es förmlich aus ihm heraus. "Es ist eine große Ehre für mich und ein Traum geht in Erfüllung. Für mich ist es eine große Herausforderung und eine Riesengeschichte. Wer hätte vor ein, zwei Jahren gedacht, dass es so geht", sagte Bellarabi.

Am Freitag könnte Bellarabi nun in Warschau gegen Polen sein Debüt bei der Nationalmannschaft feiern.

Vom Abstellgleis in die Stammelf

In der Tat: Wer hätte das gedacht? Denn der gebürtige Berliner war eigentlich fast schon weg vom Fenster.

Ein Verkauf? Eine neue Ausleihe? Bei Bayer war man im Sommer unschlüssig, was man mit dem 24-Jährigen nach der Rückkehr aus Braunschweig machen sollte. Trainer Roger Schmidt entschied sich nach Rücksprache mit Sportdirektor Rudi Völler dafür, den "Neuling" erst einmal näher zu begutachten.

Es war eine der vielen richtigen Entscheidungen, die Schmidt und Völler in den vergangenen Monaten getroffen haben.

Einige Anfragen im Sommer

"Wir hatten einige Anfragen, ihn auszuleihen. Und dann hat Roger Schmidt nach den ersten Trainingseinheiten und Freundschaftsspielen gemerkt, was er für eine Qualität hat", erzählte Sportdirektor Rudi Völler SPORT1.

Mit der Qualität hat Bellarabi nicht nur seinen Trainer und seinen Klub, sondern auch Löw überzeugt. Für Völler ist es in erster Linie "eine logische Konsequenz nach so vielen tollen Spielen, dass er eingeladen wird. Er hat von sich Reden gemacht und die Spiele von ihm sind überragend gewesen, bis auf wenige Ausnahmen".

Und wie Bellarabi der Nationalmannschaft weiterhelfen kann, weiß Völler auch schon: "Mit dem, was er bei uns schon gezeigt hat: Mit seinem überragenden Tempodribbling, seiner Schussqualität und Schusstechnik", so Völler.

Flügelflitzer als Fixpunkt

Dank dieser Qualitäten kann Schmidt nämlich in Leverkusen seit Saisonbeginn erfolgreich sein überfallartiges Gegenpressing praktizieren. Bellarabi ist ein wichtiger Baustein im offensiv ausgerichteten System. Der Flügelflitzer als neuer Fixpunkt sozusagen.

"Er hat aus unserer Spielidee seine Spielidee gemacht und hat gemerkt, dass er nicht nur mit Ball schnell ist, sondern auch gegen den Ball. Dadurch macht er noch einmal einen richtigen Sprung", erklärt Schmidt.

Auch wenn Bellarabi mit 24 Jahren in Zeiten der Mario Götzes oder Thomas Müllers, die mit 22 beziehungsweise 25 zusammen schon fast 100 Länderspiele absolviert haben, nicht mehr zu den ganz jungen Talenten gehört.

Ein Spätentwickler, könnte man meinen.

Lieberknechts Prophezeiung

So ähnlich war es tatsächlich auch. Auch wenn sein Braunschweiger Coach Torsten Lieberknecht ihm schon in der A-Jugend prophezeite, mal den Sprung in die Nationalmannschaft schaffen zu können.

Es sollte jedoch etwas länger dauern. Geboren in Berlin und aufgewachsen im Bremer Problemviertel Huchting, half ihm der Fußball aus dem schwierigen Umfeld auszubrechen. 2010 spielte er noch vor wenigen hundert Zuschauern in der Oberliga für Braunschweigs Amateure.

Dann der Sprung in die erste Mannschaft. Einsätze in der deutschen U 20 und U 21. Die halbe Bundesliga war hinter ihm her. Im Sommer 2011 dann der Wechsel nach Leverkusen. Dort eckte er mal an, weil er einen Treffer gegen den FC Barcelona als großen Moment für sich bezeichnete – es war der Ehrentreffer beim peinlichen 1:7 im März 2012.

Ein gewisser Schlendrian

Wirklich durchsetzen konnte er sich letztlich nicht, wegen einer langwierigen Schambeinverletzung fiel er ab Oktober 2012 fast ein Jahr lang aus und ging schließlich den Schritt zurück nach Braunschweig. Auf Leihbasis.

Denn grundsätzlich wusste man bei Bayer, welche Qualitäten Bellarabi hat. Dem Hochbegabten wurde allerdings ein gewisser Schlendrian nachgesagt.

Von Lieberknecht wurde er dann auch mal aus dem Kader geworfen, weil er zu spät zum Mannschaftsfrühstück kam.

Bellarabi: "Habe mir vorgenommen, anzugreifen"

Irgendwann während dieser Zeit muss bei ihm der Groschen gefallen sein.

"Ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahr anzugreifen. So viele Chancen bekommt man nicht im Leben. Deshalb wollte ich mich in dieser Saison von Anfang an durchsetzen", sagte Bellarabi. Und legte im Sommer Zusatzschichten ein.

Um dann gleich im ersten Saisonspiel bei Borussia Dortmund mit seinem Tor nach nur neun Sekunden Bundesliga-Geschichte zu schreiben. Seitdem schreibt er weiter an seiner persönlichen Erfolgsgeschichte, vornehmlich und passenderweise im Eiltempo.

Herzenssache und Bauchgefühl

Dazu passt auch, dass er jetzt den schwierigeren Weg gewählt hat. Denn Bellarabi hätte als Sohn einer deutschen Mutter, eines marokkanischen Vaters und eines ghanaischen Stiefvaters auch für Marokko oder Ghana spielen können. Wie Völler verriet, hatte der marokkanische Verband heftig um Bellarabi gebuhlt.

Im Gegensatz dazu ist die Konkurrenz auf seiner Position in der DFB-Auswahl groß.

Doch Bellarabi ließ sein Herz sprechen.

"Es kam aus mir heraus, es war auch ein Bauchgefühl. Ich habe viel mit der Familie gesprochen, für mich ist es eine Herzenssache", sagte Bellarabi: "Ich habe mich so entschieden und hoffe, dass es der richtige Weg ist."

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