Wenig Geld und eine abgewirtschaftete Mannschaft: Bei Werder Bremen herrscht Alarmstimmung. Trainer Dutt erhält keine Jobgarantie.

Von Frank Hellmann

Bremen - Es gab Zeiten, daran hat Tim Wiese in seiner aktiven Zeit in Bremen gerne erinnert, da passten die deutschen Nationalspieler des SV Werder gerade mal in einen Kleinbus.

Und das, obwohl der Torwart noch nicht so ein breites Kreuz wie heutzutage als Bodybuilder besaß.

Neben dem FC Bayern stellten die Hanseaten noch vor fünf, sechs, sieben Jahren den wichtigsten Zulieferer die Nationalmannschaft, und wenn mal wieder Länderspielpause war, konnte Thomas Schaaf das Häuflein der an der Weser verbliebenen Spieler meist an einer Hand abzählen. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Weil der Verein fast ausnahmslos anerkannte Nationalspieler aus halb Europa angestellt hatte.

Lang, lang ist's her. Wenn Robin Dutt dieser Tage während der EM-Qualifikationsspiele auf den Trainingsplatz am Osterdeich bittet, dann steht ihm das Gros des Kaders zur Verfügung.

Kaum noch Nationalspieler

Klar, die Österreicher Sebastian Prödl und Zlatko Junuzovic kämpfen für die Alpenrepublik um Punkte, Izet Hajrovic ist zur bosnischen Auswahl gereist.

Aber ansonsten sind Bremer Berufsfußballer nicht angefordert. Für die deutsche Nationalelf erst recht nicht.

Und bei der WM in Brasilien mischte allein der ablösefreie Neuzugang Hajrovic mit, der bislang bei seinen Einsätzen den Nachweis schuldig blieb, sich an Härte und Tempo in der Weltmeisterliga gewöhnt zu haben.

Auch das kennzeichnet den Werteverfall beim SV Werder.

Wenn nach dem Absturz auf den letzten Rang die Debatten um Robin Dutt an Schärfe gewinnen, muss das berücksichtigt werden.

Der in Köln-Lindenthal geborene Fußballlehrer hat sich vom ersten Tag nie über die schweren Rahmenbedingungen beklagt.

Dutts Offensive wird zum Bumerang

Der ehemalige DFB-Sportdirektor hat es geschafft, als Erbe von Thomas Schaaf mehr Wert auf die Trainingsarbeit als sein Vorgänger zu legen, und am Ende kam sein wirklich nicht mit Hochbegabten gesegnetes Ensemble auf Platz zwölf ins Ziel.

Mit 39 Punkten. Weit vor dem VfB Stuttgart oder Hamburger SV.

Doch nun wird dem 49-Jährigen vorgehalten, aus 41 Spielen nur 43 Punkte geholt zu haben.

"Es gibt keine Jobgarantie in der Bundesliga. Weder für mich noch für den Trainer oder einen Spieler", sagte Manager Thomas Eichin nun "SPORT1" und schürt mit seiner Aussage sogar noch die Diskussionen. Alle, betonte Eichin, seien davon abhängig, "dass wir Erfolg haben".

Tatsächlich hat Dutt den Fehlstart mit nur vier Unentschieden und drei Niederlagen insofern mitzuverantworten, weil er dem Kader einen offensiven, attraktiveren Spielstil verordnet hatte, der etwa in Augsburg, gegen Schalke oder in Wolfsburg zum Bumerang wurde.

Budget im unteren Drittel der Liga

Doch kann der Trainer etwas für den schleichenden Qualitätsverlust, wenn der Gehaltsetat auf 30 Millionen Euro abgesackt ist? (SHOP: Jetzt Fanartikel von Werder Bremen kaufen)

Werder bewegt sich mit seinem Budget im unteren Drittel der Bundesliga, denn die Konkurrenz rüstet gewaltig auf.

Selbst Vereine wie Eintracht Frankfurt oder FSV Mainz haben deutlich bessere finanzielle Mittel zur Verfügung, während Werder darunter leidet, dass der Standort in seligen Champions-League-Zeiten sportlich größer wurde, als er wirtschaftlich sein konnte.

Eichin versucht sich an der Quadratur des Kreises, mit den Bordmitteln dem Abwärtstrend zu begegnen.

Der gebürtige Freiburger will "kreative Transfers" machen, aber dazu zählt sicherlich nicht der französischstämmige Pole Ludovic Obraniak, der fast zwei Millionen Euro kostete und bei Girondins Bordeaux nicht mehr groß auffiel.

Die billige Kopie eines Spielmachers aus den 80er Jahren wäre bei einem besseren Scouting gewiss durchgefallen.

Di Santo als Volltreffer

Einerseits.

Andererseits hat sich der ablösefrei aus Wigan geholte Stürmer Franco di Santo zu einem geschmeidigen Torjäger entwickelt, der sicherlich schon einen mittleren einstelligen Millionenbetrag wert ist.

Ehemalige Bremer Bosse wie Jürgen L. Born und Manfred Müller sind sich einig, dass die Lösung für die wirtschaftlichen Sorgen kein Investor sein muss, sondern ein Zusammenschluss betuchter Bremer Bürger.

Oder eine Koalition zahlungskräftiger Werder-Freunde.

Genau diesen Vorschlag unterbreitete auch der SPORT1-Moderator Jörg Wontorra in seiner Bundesliga-Kolumne "Fünferkette" des "Weser-Kurier": "Ein hanseatisches Modell wäre dabei das Engagement der fußballaffinen Bremer Kaufmannschaft. Ein Hilfsfond Werder also, aufgelegt von den Gutbürgern dieser Stadt für das Aushängeschild dieser Stadt."

Doch es bestehen Vorbehalte gegen Teile der aktuellen Führung.

Finanziell mehr Risiko

Immerhin: Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer hat nun gegenüber dem "kicker" und der "Kreiszeitung Syke" eine riskantere Finanzpolitik angekündigt.

Weil das Eigenkapital am Ende dieser Spielzeit aufgebraucht sei, müsse der Club nun doch bereit sein, Schulden zu machen.

"Wir müssen abwägen, was für den Klub teurer ist: ein Abstieg oder ein überschaubares Risiko", sagte Fischer.

Eichin knallhart

Eichin lässt sich unterdessen bei Dutt eine Hintertür offen, wenn er sagt: "Wir kennen alle die Mechanismen der Bundesliga."

Beim FC Bayern am nächsten Spieltag sollte Werder also nicht 0:7 unter die Räder kommen wie im Heimspiel der Vorsaison und danach nicht zuhause gegen den 1. FC Köln verlieren.

Ansonsten würde Eichin sicher nicht untätig bleiben, denn das hat er in seiner 14-jährigen Amtszeit beim Eishockey-Klub Kölner Haie bewiesen, wo er immer das Heft des Handels in der Hand hielt.

Trainerwechsel inklusive.

Und eine der spektakulärsten Taten des smarten Krisenmanagers war es ja nach seiner Einstellung beim SV Werder auch, im Mai 2013 das Urgestein Schaaf aus seiner Verankerung zu lösen.

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