Horst Heldt hat mit Jens Kellers Entlassung an Glaubwürdigkeit verloren. Di Matteo dürfte seine letzte Chance sein.

Vom FC Schalke 04 berichtet Andreas Reiners

Gelsenkirchen - Schalke ist Kampf. Schalke ist rastlos, kennt keine Ruhe. Schalke ist Chaos. Und immer auch großes Kino. Tradition. Verpflichtung. Leidenschaft. Und Verlangen.

Manager Horst Heldt jongliert seit Jahren mit dieser Bandbreite der Emotionen. Es ist ein Drahtseilakt, ein Vabanquespiel, bei diesem seltsamen Verein die Balance zu finden zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Stimmung, die so schnell kippt wie bei kaum einem anderen Klub.

Wo man seit Jahren neidisch zum großen Rivalen aus Dortmund blickt. Wo immer in ganz großen Lösungen gedacht wird, die Möglichkeiten aber begrenzt sind. Vor allem die finanziellen. Dort, wo die Sehnsucht nach Titeln, nach Erfolgen, nach Anerkennung alles überlagert. Manchmal auch den Verstand.

In diesen Tagen ist mal wieder Chaos beim FC Schalke 04 angesagt. Jens Keller ist beurlaubt, und in Roberto Di Matteo steht der Nachfolger schon parat. Und Heldt nun endgültig unter Druck (BERICHT: Heldt: Di Matteo kann mit Stars umgehen).

Kritik wird lauter

Noch prallt das alles an ihm ab. "Es ist wichtig zu schauen, welche Ziele man erreicht hat und welche ausgegeben wurden. Egal, welcher Trainer mich in der Vergangenheit begleitet hat. Das hat mit Armin Veh angefangen mit der Deutschen Meisterschaft. Und in meiner Zeit hier auf Schalke haben wir sowohl mit Huub Stevens als auch mit Jens Keller die gesteckten Ziele erreicht", sagte Heldt.

Trotzdem mussten alle irgendwann gehen. Wer stets blieb, war Heldt (

).

"Ich werde mich der Kritik stellen", sagte er. Die wird allerdings merklich lauter. Fehleinkäufe der letzten Jahre werden ihm vorgeworfen. Die Entlassung Kellers sei seine letzte Chance gewesen, den eigenen Stuhl zu retten, so der Tenor. Inklusive schlechtem Stil, so heißt es.

Entlassungen könne man nicht lernen, sagte Heldt einmal im Rückblick auf eine seiner ersten Amtshandlungen als Manager. 2006 beim VfB Stuttgart war das, als er Giovanni Trapattoni entließ. Ohne die Hilfe des damaligen VfB-Präsidenten Erwin Staudt hätte er das nicht geschafft, gab er zu.

Verhältnis zu Magath zerrüttet

In Stuttgart setzte er nach Trapattoni noch Veh und Markus Babbel vor die Tür, ehe ihn Felix Magath 2010 zum FC Schalke holte. Beide hatten mal ein "unheimlich vertrauensvolles Verhältnis", so Heldt, den Magath 2003 als Spieler aus der Versenkung zum VfB geholt hatte.

Doch auf Schalke ging es um Macht. Um Verantwortung. Kompetenzen, von denen Manager Heldt mehr, der Trainer Magath aber nichts abgeben wollte (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Im Frühjahr 2011 war Magath entlassen, Heldt mit mehr Macht ausgestattet. Und der 44-Jährige räumte auf.

Mistete den durch Magath heillos aufgeblähten Kader aus. Schmiss auch Jahrhunderttrainer Stevens Ende 2012 raus. Arbeitete sich an den hohen Ansprüchen von Vereinsboss Clemens Tönnies, dem demokratisch gewählten Patriarchen, ab. Schürte die traditionell großen Erwartungen auf Schalke auch immer selbst. Und bastelte deshalb an einer Mannschaft, die endlich wieder ganz oben angreifen sollte.

Glanz und Glamour

Mit einem Kader, der zu Schalke passt. Mit Eigengewächsen. Gerne auch mit Stars. Glanz. Und Glamour.

Doch die Mannschaft wirkt in erster Linie heterogen. Launisch. Unberechenbar.

Schalke hat einen Kader, der an vielen Stellen als überteuert gilt. Mit vielen schwierigen Charakteren. Mit Spielern, die offensichtlich nicht komplett fit sind. Dafür mit zahlreichen Eigengewächsen, deren imposante Entwicklung in erster Linie Kellers Verdienst sind. Unzufriedenheit und Konflikte sind jedoch vorprogrammiert.

Auch Heldts Krisenmanagement blieb bisweilen fragwürdig. Heldt drückte nach der Ära Stevens die eigentliche "Übergangslösung" Keller im Sommer 2013 durch. Schenkte dem früheren Jugendtrainer also das Vertrauen, ohne ihn jedoch langfristig zu stärken. Vor allem nach außen hin.

Zu Kellers Demontage beigetragen

In schwierigen Zeiten distanzierte er sich immer wieder dadurch, dass er Keller nicht die Rückendeckung gab, die der auf Schalke mehr benötigte als andere Trainer. Verhandelte zwischendurch mit potenziellen Nachfolgern. Ließ so immer wieder den Eindruck entstehen, als sei Keller immer nur die 1B-Lösung. Und trug so einen Großteil zur Demontage bei.

In seinen Analysen wägt er seine Worte gut ab. Parliert eloquent, dabei immer unaufgeregt, dafür oft auch garniert mit Witz und einem schelmischen Grinsen.

Im Umgang ist er mehr Kumpeltyp denn Vorgesetzter. Baut zu seinen Trainern ein inniges, auf Vertrauen basierendes Verhältnis auf. "Schließlich verbringt man am Tag mehr Zeit miteinander als mit der eigenen Ehefrau."

Auf Nuancen achten

Heldt versucht deshalb auch bei seinen Entscheidungen, auf feine Nuancen zu achten, zwischen den Zeilen zu lesen, Strömungen zu erkennen. Schaut auf Mimik, Gestik, Körpersprache, das Verhalten der Spieler.

In der Vergangenheit merkte er oft unmittelbar nach einem Ereignis: Das war's. Während der zahlreichen kritischen Momente unter Keller hat dieses Gefühl gefehlt.

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Bis jetzt. Denn bei der Videoanalyse nach dem Hoffenheim-Spiel am vergangenen Sonntag war es anders. Da sah er in die Gesichter der Spieler und wusste offenbar: Das war's.

Doch wie es scheint, sind Entlassungen für ihn inzwischen einfacher geworden. Denn anders sind die Abläufe auf Schalke in den vergangenen Tagen nicht zu erklären.

Heldt brachte noch am Sonntag die Verpflichtung von Di Matteo, mit dem er seit eineinhalb Jahren in Kontakt steht, unter Dach und Fach. Gleichzeitig musste sich Keller in der TV-Talkrunde "Sky90" noch einmal all der Kritik stellen. Montagabend wurde er unterrichtet. Vermutlich so ziemlich als Letzter.

Im Fußball-Geschäft geht es auch um Glaubwürdigkeit. Davon hat Heldt eine Menge verloren.

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