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München - Roberto Di Matteo muss bei S04 besonders defensiv die Hebel ansetzen. Aber der Trainer muss noch mehr Baustellen schließen.

Für viele Beobachter scheint es ein Schritt zurück in die Vergangenheit zu sein. Allerdings in eine durchaus erfolgreiche.

Mit seinem Credo "Die Null muss stehen" erreichte Huub Stevens beim FC Schalke 04 Kult-Status, wurde später von den Fans zum Jahrhundertrainer gewählt. Es war erfolgreicher Fußball, aber kein attraktiver und offensiver.

Diese Zeiten sollten sich in Gelsenkirchen eigentlich ändern. Doch jetzt, wo Roberto Di Matteo den glücklosen Jens Keller bei den Königsblauen abgelöst hat, kommt die Befürchtung auf, dass die Königsblauen wieder genau in jenes Muster zurückfallen.

Heldt verspricht "offensiven Fußball"

Denn bei Roberto Di Matteo denken viele sofort an Chelseas Champions-League-Sieg im "Finale dahoam" gegen den FC Bayern und seinen wenig ansehnlichen, ja destruktiven Mauer-Fußball.

Horst Heldt versuchte bereits zu beruhigen. "Er lässt einen offensiven Fußball spielen", erklärte Schalkes Sportvorstand im Volkswagen Doppelpass auf SPORT1.

Das Personal dazu ist jedenfalls vorhanden. Da wären etwa Klaas-Jan Huntelaar, Max Meyer, Julian Draxler, Eric-Maxime Choupo-Moting oder Sidney Sam.

Hohe Fehlerquote in der Defensive

Doch vernachlässigen darf Di Matteo die Defensive nicht. Sie ist eine große Baustelle, die er zu bearbeiten hat. Zwölf Gegentore in sieben Liga-Spielen ? zu viel für die Ansprüche der Schalker. Zu viel für einen Klub, der sich zum vierten Mal in Folge für die Königsklasse qualifizieren will.

Zuletzt leisteten sich die "Knappen" zu häufig individuelle Fehler, die der Gegner eiskalt bestrafte.

"Es ist eine gute Mannschaft, die vorne viel Potenzial, in der Defensive aber noch einige Probleme hat", fasste Di Matteo bei seinem Amtsamtritt treffend zusammen.

Kurzpassspiel im ersten Training

Er muss die Schalker nun dazu bringen, ordentlich zu verteidigen. Ohne die Offensive zu vernachlässigen. Auf die richtige Balance kommt es an.

In seiner ersten Trainingseinheit standen unter andrem Direktpasskombinationen mit anschließendem Torabschluss auf dem Programm.

Doch damit allein ist es natürlich nicht getan. Als Top-Mannschaft kommt es auch darauf an, auf die Spielweise des Gegners zu reagieren. Stichwort: taktische Variabilität.

Mehr Flexibilität notwendig

Die war auf Schalke zuletzt nicht vorhanden. Das 4-2-3-1 war das praktizierte System - egal, ob gegen tief stehende oder offensiv agierende Gegner. Vor allem dann, wenn Schalke das Spiel machen musste, tat sich die Mannschaft besonders schwer.

Di Matteo "kann seine Taktik auch dem Gegner anpassen", sagte Heldt bei SPORT1. Genau das muss der neue Coach seinem Team nun vermitteln und beibringen: Flexibilität.

Der 44-Jährige kündigte an, guten Fußball spielen zu lassen, "der erfolgreich ist. Die Mannschaft soll aber auch taktisch flexibel sein."

Stars wie Boateng bändigen

Anfangen muss Di Matteo aber bei einem grundlegenden Problem. Einem, das außerhalb des Platzes liegt.

Die Schalker verfügen über eine Reihe starker Individualisten, doch als verschworener Haufen wussten sie zuletzt nur selten zu überzeugen.

Unter Keller schien besonders Kevin-Prince Boateng sämtliche Freiheiten zu genießen. Der selbsternannte Leitwolf stellte sich förmlich selbst auf - auch wenn er nicht zu 100 Prozent fit war.

Pokal-Aus bei Drittligist Dresden, danach die Pleite zum Liga-Auftakt in Hannover. Beide Male stand Boateng im Fokus der Kritik. Beide Male schwächelte er massiv und schadete somit der gesamten Truppe. Doch Keller stand immer zu ihm.

Nach dem überraschenden 1:1 beim FC Chelsea gestand Keller sogar, Boateng in der Halbzeit angefleht zu haben, damit er trotz Schmerzen nach einem Tritt auf den Knöchel weitermache.

Einheit statt Egoisten

Diese Schalker Abhängigkeit von Boateng wird es unter Di Matteo wohl nicht mehr geben.

"Er kann aufgrund seiner Erfahrung im Umgang mit Spitzenspielern jemand sein, der auch in der Kabine ein bisschen aufräumt", sagte SPORT1-Experte Thomas Strunz. "Ich glaube, dass das auch notwendig ist, dort bestimmte Dinge zu verändern und eigene Interessen der Spieler wieder etwas mehr zurückzustellen."

Heldt formulierte es ähnlich: "Als er bei Chelsea Trainer war, war die Mannschaft damals gespickt mit Egoisten. Er hat sie zu einer Einheit geformt und so den FA-Cup und die Champions League gewonnen."

Eine Aussage, die für sich spricht. Keller ist an diesen Egoisten gescheitert.

Di Matteo muss sich beweisen

Di Matteo weiß: "Ich habe viel Arbeit vor mir, damit wir aus dieser kleinen Krise herauskommen."

Die Probleme hat er also längst erkannt.

Nun muss er die Baustellen schließen. Je eher, desto besser.

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