Drohnen werden bald Fußballspiele pfeifen, fürchtet UEFA-Chef Michel Platini. Es würde den Sport ein Stück Menschlichkeit kosten.

Die Weltgeschichte wäre anders verlaufen, wenn die Entwicklung der Drohnentechnologie schon früher weiter fortgeschritten wäre.

Nehmen wir als einfaches Beispiel den Lauf der Dinge in der Stadt Kyllburg.

Kyllburg ist, wir wissen es, ein staatlich anerkannter Luftkurort im Eifelkreis Bitburg-Prüm und mit 879 Einwohnern die zweitkleinste Stadt im Bundesland Rheinland-Pfalz, benannt nach dem in ebenjenem Ort gelegenen Gebäude, das Erzbischof Theoderich von Trier im Jahr 1239 zur Verteidigung seines Einflussgebiets gegen die Dynasten von Malberg errichten ließ.

Es hätte nicht geklappt, hätten die Dynasten von Malberg seinerzeit schon auf unbemannte Militärflugkörper zurückgreifen können, einerseits.

Andererseits wüssten wir das alles vermutlich gar nicht, wäre Kyllburg dem damals nicht ausgeführten Drohnenangriff zum Opfer gefallen, ohne noch die Gelegenheit zu haben, seinen berühmtesten Sohn hervorzubringen: den Fußballschiedsrichter Herbert Fandel (Kyllburg).

Über Jahre hinweg hat dieser Sohn für Ordnung gesorgt auf den Rasenplätzen Deutschlands und der Welt - und durch seine konstante Präsenz dort nebenbei auch seinen in Klammern erwähnten Heimatort im Bewusstsein der breiten Bevölkerung verankert.

Die Fußballhistorie ist voll von derart erfolgreicher Regionalvermarktung: Wer etwa würde schon das niederbayerische Ergolding ohne Wolfgang Stark (Ergolding) kennen, wer das mittelfränkische Oberasbach ohne Deniz Aytekin (Oberasbach), wer das aufstrebende Lebecksmühle nahe Kaiserslautern ohne den aufstrebenden Unparteiischen Christian Dingert (Lebecksmühle)?

Und was wäre aus der Gemeinde Sinzig ohne Edgar Steinborn geworden, was aus Kleinburgwedel ohne Uwe Kemmling, was aus Bliesransbach ohne Ferdinand Biwersi - und, um neben der Poesie auch der Prosa ihren Platz zu geben, was aus Konz ohne Alfons Berg (Konz)?

Der moderne, kommerzielle Fußball mag im Lauf der Jahre immer mehr in die großen, anonymen Metropolen gewandert sein, in den Herkunftsorten seiner Schiedsrichter erfährt er seine Erdung und behält ein Stück seines dörflichen und kleinstädtischen Charakters, seiner gelebten Menschlichkeit.

Und genau diese von ihren Unparteiischen verkörperte Menschlichkeit ist nun in Gefahr - wenn man auf die Warnung von UEFA-Chef Michel Platini hört.

"Der Videobeweis wird das Ende des Fußballs sein. Bald wird eine Drohne anstelle des Schiedsrichters zum Einsatz kommen", sagt er.

Mit dieser Mahnung ist das Dilemma des technischen Fortschritts auf den Punkt gebracht.

Man treibt ihn voran, weil man nichts Böses fürchtet, im Gegenteil noch denkt, dass es doch schön sei, mit seiner Hilfe hochauflösende Videos auf seinem Smartphone und anderswo betrachten zu können - doch ehe man sich versieht, hat man durch denselben technischen Fortschritt unbemannte Flugkörper am Hals, die Städte bombardieren, großalbanische Flaggen in Stadien fliegen und bald auch noch Fußballspiele pfeifen wollen.

Die Frage ist: Kann das gut gehen, wenn die Ordnungskräfte des Fußballs künftig aus seelenlosen Militärfabriken statt aus zivilen Tausend-Seelen-Gemeinden stammen?

Kann man einem Lockheed Martin RQ-170 Sentinel (North Bethesda, Maryland) wirklich zutrauen, in einer strittigen Strafraumszene die Handspielregel korrekt auszulegen?

Kann eine Northrop Grumman RQ-4 Global Hawk (Falls Church, Virginia) zuverlässig zwischen passivem und aktivem Abseits unterscheiden?

Und bewahrt ein Camcopter S-100 mit Raketenbewaffnung (Wien, Österreich) kühlen Kopf, wenn Jürgen Klopp mit der vierten offiziellen Drohne über die Grenzen der Coaching Zone in Konflikt gerät?

Es ist mal wieder eine dieser schwierigen Fragen der Moderne, bei deren Abwägung man neidisch zurückblickt auf die Zeiten, in denen man sich Burgen errichten konnte, ohne sich Gedanken über ein Drohnenabwehrsystem machen zu müssen.

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