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Mönchengladbach - 14 Spiele ohne Pleite, ein Kader mit Qualität und ein Trainer mit Plan: Gladbach geht mit breiter Brust ins Topspiel gegen Bayern.

Aus Mönchengladbach berichtet Andreas Reiners

Lucien Favre wollte nicht reden. Eigentlich.

Als der Schweizer nach dem kommenden Gegner gefragt wurde, atmete er zunächst tief durch, dachte kurz nach und fasste sich schließlich kurz.

"Alle kennen die Bayern sehr gut. Es ist vielleicht der beste Verein in Europa. Es bringt aber nichts, davon anzufangen, darüber zu sprechen", meinte der Trainer von Borussia Mönchengladbach.

Einen kleinen Einblick, wie er den FC Bayern im Spitzenspiel des neunten Spieltages am Sonntag knacken will, gab er am Ende dann doch.

Kurze Vorbereitung

"Du musst gegen die Bayern gut verteidigen, keine Fehler machen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, gegen die Bayern zu spielen. Du musst auch andere Phasen vorbereiten", sagte Favre. Respekt gehöre natürlich dazu. "Wir müssen aber auch keine Angst haben. Ein wenig Angst ist gut für die Vorbereitung."

Doch die ist nach dem ebenso souveränen wie lockeren 5:0-Sieg am dritten Spieltag der Europa League am Donnerstagabend gegen Apollon Limassol kurz. Trotzdem können die Bayern kommen.

Denn auch wenn die Zyprer letztlich kein wirklicher Gradmesser im Hinblick auf den Rekordmeister waren, zeigten die Gladbacher in diesem Spiel, was sie so stark macht.

Zum einen das nach nunmehr 14 ungeschlagenen Pflichtspielen in Serie gewachsene Selbstvertrauen. Die breite Brust, mit der die Gladbacher inzwischen in jedes Spiel gehen. Also auch gegen die als übermächtig erscheinenden Bayern.

Kaum Substanzverlust

Zum anderen die Qualität sowohl auf als auch abseits des Platzes. Denn Favre kann in dieser Saison munter rotieren, Stammkräfte schonen, dazu taktisch variieren. Und all das ohne einen signifikanten Substanzverlust.

Bestes Beispiel war gegen Limassol Ibrahima Traore, der bislang noch nicht groß in Erscheinung trat und den Gegner mit zwei Treffern und einer Vorlage quasi im Alleingang abschoss. Daneben war es die 14. Startformation im 14. Pflichtspiel.

Auch wenn Favre die Quantität des Kaders relativierte: Die Mannschaft präsentiert sich bei aller Rotation als Einheit, ist gewachsen und in sich gefestigt. Dazu bereit für eine intensive Laufarbeit, ohne die Favres System vom blitzschnellen Umschaltspiel, im Idealfall über die Außen, verbunden mit viel Ballbesitz, kaum möglich wäre.

Die Abwehrarbeit startet also schon in der Offensive. "Wir arbeiten sehr gut von vorne bis hinten. Das ist der Schlüssel", meinte Kapitän Martin Stranzl. "Wir können die Bayern nur schlagen, wenn wir über 90 Minuten konzentriert spielen, viel auf dem Platz reden, füreinander laufen und fighten", erklärte Granit Xhaka. Und Patrick Herrmann fügte hinzu: "Wir müssen uns in jeden Zweikampf reinschmeißen und unser Spiel durchziehen. Nur so kann man gegen die Bayern bestehen."

Keeper Yann Sommer voller Vorfreude:

Gladbach verspührt keinen Druck

Das wichtigste Pfund jedoch ist der Druck. Der im Grunde nicht vorhanden ist. Denn den haben die Bayern, nicht die Borussen.

Klar, ganz Fußball-Deutschland hofft, dass endlich mal jemand Pep Guardiolas Über-Mannschaft Paroli bieten kann. Den Rekordmeister zum Stolpern bringt. Und so zumindest noch für etwas Spannung in der Liga sorgt.

Für die Borussia ist das Spitzenspiel jedoch mehr eine eigene Standortbestimmung denn der Versuch, auf Dauer ganz oben anzugreifen. Eine Herausforderung, klar.

Eine Art Bonus

Aber auch eine Art Bonus, den sich die Mannschaft in den vergangenen Wochen erspielt und verdient hat. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. "Es ist so eng, du bist schnell Zehnter. Nach acht Spieltagen ist die Tabelle nicht wichtig", sagte Favre.

Sollte es nicht klappen, geht in Gladbach die Welt nicht unter. Es wirkt, als spiele die Mannschaft derzeit ein wenig in ihrem eigenen Kosmos. Immer das nächste Spiel im Fokus. Haken dran. Weitermachen. Und am Ende schaut man eben, was dabei herausgekommen ist.

So wenig Unruhe einkehrt, wenn es mal nicht läuft, so wenig artet die derzeitige Situation in wilden Träumereien aus. "Wir haben doch keinen Druck. Niemand erwartet, dass wir Bayern schlagen müssen", sagte Andre Hahn.

Erwartungen sind gestiegen

Dennoch: Die Erwartungen sind durch die Erfolge der vergangenen Wochen natürlich gestiegen. Gerne wird in Gladbach mit der ruhmreichen Vergangenheit gespielt, den goldenen 70er Jahren. Zeiten, die lange vorbei sind, aber immer wieder herangezogen werden, wenn die Gegenwart einen Blick in die Historie erlaubt.

44 Jahre ist es her, dass der Klub eine ähnliche Serie hinlegte. 1970/71 gab es sogar 17 Pflichtspiele ohne Niederlage, Hennes Weisweiler führte die Borussia damals zum Titel. Unvergessen die Dauerduelle mit den Bayern während dieses Jahrzehnts. Über 40 Jahre ist es auch her, dass beide Mannschaften sich als Spitzenduo der Liga gegenüberstanden.

"Bayern jagen sich selbst"

Der große Unterschied: Der fünfmalige Meister vom Niederrhein sieht sich heute bei weitem nicht mehr als Jäger des Rekordchampions. "Die Bayern jagen sich selbst, wir jagen keinen", sagte Traore.

Und Sportdirektor Max Eberl fügte scherzhaft hinzu: "Das beschreibt den derzeitigen Zustand. Wir werden aber noch nicht wirklich als Bayern-Jäger wahrgenommen, weil die Bayern derzeit noch keinen Spieler von uns haben wollen."

Doch der Blick zurück zeigt auch: Spitzenspiele gegen die Bayern können auch Probleme mit sich bringen. Im Januar noch war es eine ähnliche Konstellation. Gladbach empfing zum Rückrundenauftakt die Bayern. Damals der Dritte gegen den Ersten. Wochenlang fieberte man dem Spitzenspiel entgegen.

Ernüchterndes 0:2

Das Resultat: Ein ernüchterndes 0:2. Und eine Serie von sechs weiteren Spielen ohne Sieg. "Da haben wir unsere Defizite gesehen", erzählte Eberl.

Die aktuelle Rekordserie hin oder her: In Gladbach ist man sich bewusst, dass man auch mal wieder verlieren wird. Möglicherweise sogar schon am Sonntag.

Wie man dann damit umgeht, dürfte die wirkliche Herausforderung sein.

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