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Lucien Favre ist seit Februar 2011 Trainer von Borussia Mönchengladbach

Aus Mönchengladbach berichtet Andreas Reiners

Mönchengladbach - Als die Frage nach dem Gegner kam, musste Philipp Lahm nicht lange nachdenken.

Es war unter dem Strich eine Mischung aus Respekt und Anerkennung, wie der Kapitän von Bayern München über Borussia Mönchengladbach sprach.

"Ich glaube nicht, dass sie viele Plätze verlieren werden. Sie haben in den vergangenen Jahren sehr gut gearbeitet, einen guten Mix und einen Trainer, der ihnen zeigt, wie man verteidigen muss", sagte Lahm.

Der Experte Philipp Lahm

Brachte es damit auf den Punkt. Und sorgte bei den Gladbachern für ein zufriedenes Lächeln. "Philipp Lahm ist ein Experte und ich hoffe, dass er mit seiner Vorhersage auch Recht behält", sagte Gladbachs Manager Max Eberl.

Lahm war aber bei weitem nicht der Einzige, der ins Schwärmen geriet.

"Gladbach hat großes Potenzial, und wenn sie im letzten Jahr nicht ein paar Spiele in Folge verloren hätten, dann wären sie jetzt in der Champions League. Das ist schon eine gute Mannschaft", sagte Bayern-Trainer Pep Guardiola.

Für den Ex-Münchner und ?Gladbacher Lothar Matthäus ist klar: "Sie haben Qualität und 15 Pflichtspiele nicht verloren. Wenn sie so weiter spielen, dann werden sie ganz sicher einen Champions-League-Platz erreichen."

Probleme für Favre

Trainer Lucien Favre dürfte nun arge Probleme bekommen. Probleme, die Euphorie einzudämmen.

Denn dem Schweizer sind solche Lobhudeleien fast schon unangenehm.

Ihm, der selbst auf dem derzeitigen Höhenflug mahnend immer noch von einer Phase des Aufbaus spricht. Der nicht müde wird zu betonen, dass man immer noch viel zu tun habe. Vor allem aber sind sie ihm unangenehm, weil sie ihm zum Großteil selbst gelten.

Denn schließlich hat er die Mannschaft seit nunmehr fast vier Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Sie stetig, mit bescheidenen Mitteln, aber mit viel Akribie und Detailversessenheit verbessert. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Den Kader Stück für Stück, Jahr für Jahr, personell klug ergänzt. In der Breite qualitativ verbessert, wie man so schön sagt. Seit zwei Jahren keinen Leistungsträger mehr verloren, dafür neue geholt.

Mittel und Wege gefunden

Und beim beeindruckenden 0:0 im Spitzenspiel gegen die Bayern die Mannschaft nahezu perfekt eingestellt.

Sein Team mit Aggressivität und Frechheit ausgestattet. Kampfgeist. Einer funktionierenden, diesmal auf den Gegner ausgerichteten Taktik, Mut und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein.

Zudem scheint es, dass es egal ist, wen der 56-Jährige in die Mannschaft rotiert, es funktioniert trotzdem. Unter dem Strich bleibt festzuhalten: Gladbach ist in dieser Saison gereift.

Die Borussia bewies nebenbei, dass es durchaus Mittel und Wege gibt, den Bayern beizukommen. Man muss sie nur finden.

Favre fand sie. Der Trainer als Trumpf sozusagen.

Trainer als Trumpf

Pluspunkt in den vergangenen Jahren war neben einem ausgewiesenen Fußball-Fachmann an der Seitenlinie und einem umtriebigen Manager auch die Unaufgeregtheit im früher gerne einmal unruhigen Umfeld, das beinahe schon stoische von Spiel-zu-Spiel-Denken.

Keine Kampfansagen, keine unrealistischen Vorgaben. Kein Wunder also, dass Favre nach dem neunten Spieltag, 15 Pflichtspielen ohne Niederlage und trotz Platz zwei nicht von seiner Linie abwich.

Denn Favre weiß, wie schnelllebig die Bundesliga ist. Und wie eng.

"Es ist so eng bis Platz zehn oder elf"

Klar, natürlich sei Lahm jemand, der Ahnung vom Fußball habe. Und klar, viele würden nun erst recht von der Borussia als Bayern-Jäger sprechen. "Aber Wolfsburg und Hoffenheim haben schließlich auch 17 Punkte. Es ist so eng bis Platz zehn oder elf".

Warum also vom bisherigen Erfolgsweg abweichen? Dann schon lieber ein wenig mehr Understatement als einen forschen Ton zu viel.

"Wir versuchen uns weiter zu verbessern und die Punkte zu holen. Das tun wir momentan mit einer unglaublichen Stabilität und auch völlig verdient. Das wollen wir natürlich so lange wie möglich ausreizen", sagte Eberl.

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Weltmeister Christoph Kramer ging da schon einen Schritt weiter. Für Favres Geschmack mit Sicherheit fast schon zu weit.

Die Tabelle lügt nicht

"Nach dem neunten Spieltag lügt die Tabelle nicht. Wir sind dann eben die zweitbeste Mannschaft in Deutschland im Moment. Das ist halt so", sagte Kramer.

Stellt sich nun nur noch die Frage: Wie lange noch?

Mit dem Remis gegen den Rekordmeister sind die Gladbacher schon mal beeindruckend in ihre Wochen der Wahrheit gestartet, die erste Reifeprüfung haben sie bestanden.

Die nächsten Prüfungen warten

Doch auch das weitere Programm hat es in sich. Denn am Mittwoch steht in der zweiten Runde des DFB-Pokals das Bundesliga-Duell bei Eintracht Frankfurt an.

Am Sonntag kommt der Dritte aus Hoffenheim, in zehn Tagen müssen die Gladbacher im vierten Gruppenspiel der Europa League bei Apollon Limassol antreten.

Und in knapp zwei Wochen geht es für die Borussia zur krisengeplagten Namenscousine nach Dortmund.

Aber das ist weit weg. Man denkt in Gladbach ja nur von Spiel zu Spiel.

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