Von Holger Luhmann

Mario Götze. Robert Lewandwoski. Marco Reus?

Die Liste mit den von Borussia Dortmund zum FC Bayern wechselnden Spielern könnte nach der Saison um einen weiteren Star verlängert werden.

Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge lässt ja derzeit keine Gelegenheit aus, um auf das Interesse an Reus hinzuweisen und somit neuerliche Verärgerung aus Dortmund auf sich zu ziehen. (Marco Reus: Ein Kandidat für den Walk of Fame?)

Auch vor dem Duell am Samstag (ab 18 Uhr LIVE bei SPORT1.fm u. im LIVE-TICKER) in München.

Kein Essen der Klubbosse

Der Handschlag zwischen Rummenigge und BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke wird entsprechend unterkühlt ausfallen.

Wenn es überhaupt einen geben wird.

Von einem gemeinsamen Essen im Umfeld des Spiels, wie über Jahre praktiziert, ganz zu schweigen.

Rummenigges Aussagen für BVB wie Hohn

"Auch wir in München wissen, dass er eine hohe Qualität hat. Und auch wir kennen seine Klausel. Möglicherweise ist ein junger, deutscher Nationalspieler solcher Qualität für uns interessant", sagte Rummenigge, gebürtiger Westfale, erst in dieser Woche wieder der "Sport Bild" zum Thema Reus. Ähnlich wie zuvor bereits im Interview mit SPORT1.

Dass er "jetzt aber nicht für Unruhe in Dortmund sorgen" wolle, muss der Borussia und ihrem Anhang wie Hohn in den Ohren klingen.

Rummenigge, der die festgeschriebene Ablösesumme von Reus in Höhe von 25 Millionen Euro vor der Saison selbst genüsslich in der Öffentlichkeit ausgeplaudert hatte, scheint vielmehr eine große Genugtuung empfinden, sich zum Feindbild des BVB aufzuschwingen.

Zorc: "Gebrabbel"

Die Verantwortlichen des BVB reagieren nur noch knapp auf Rummenigges nicht enden wollende Spitzen. Watzke zeigte sich von Rummenigges jüngster Äußerung "wenig überrascht".

Sportdirektor Michael Zorc ergänzte: "Das ganze Gebrabbel interessiert mich nicht mehr."

Tanz der Skorpione

Der Ursprung der Befindlichkeiten zwischen Dortmund und Bayern ist im DFB-Pokalfinale 2012 zu finden.

Der BVB hatte zuvor die zweite Meisterschaft in Folge perfekt gemacht und demütigte die Bayern in Berlin mit 5:2.

Die Dortmunder und Münchner waren wie zwei Boxer die sich umtänzelten. Und der K.o. von Berlin wirkte nach bei den Bayern.

Sammer vs. Klopp

Doch sie berappelten sich wieder. Kauften dem BVB Götze weg. Machten dies zum empfindlichen Zeitpunkt vor dem Halbfinale in der Champions League gegen Real Madrid publik.

Sie wendeten sportlich das Blatt. Die Giftpfeile flogen fortan munter hin und her.

FCB-Sportvorstand Matthias Sammer, jemand mit Dortmunder Vergangenheit, fragte im exklusiven SPORT1-Interview genüsslich: "Wird denn woanders auch jeden Tag akribisch trainiert, als würde es kein Morgen geben?"

Klopp konterte: "Ich glaube nicht, dass Bayern einen Punkt weniger hätte, wenn Matthias Sammer nicht da wäre."

Duell der Eitelkeiten

Vor dieser Saison lotsten die Bayern dann Stürmer Robert Lewandowski mit einem Jahr Verspätung nach München.

Als der BVB vor zwei Monaten eine deutliche Kapitalerhöhung verkündete, ätzte Rummenigge zurück: Dortmund versuche sich als Kopie des großen FC Bayern. Aber eine Kopie sei eben nie so gut wie das Original.

Und so ist die Begegnung zwischen den Bayern und Dortmund ungeachtet der Tabellenkonstellation auch immer ein Duell der Eitelkeiten. Der verletzten Eitelkeiten.

Reus will sich nur auf BVB konzentrieren

Eigentlich hat die Borussia ganz andere Probleme, als sich mit den ständigen Sticheleien des FC Bayern und dessen Avancen für die BVB-Stars zu beschäftigen.

Es geht erstmal darum, sich in der Liga von Platz 15 wieder hochzuarbeiten. Die neue Mannschaft auf ein konstant hohes Niveau zu führen, wie man es in den vergangenen Jahren in Dortmund gewohnt war.

"Die aktuelle Situation erfordert von allen volle Konzentration, und es hat allerhöchste Priorität, dass wir da schnellstmöglich rauskommen", betonte Zorc.

Reus will all die Spekulationen um seine Person nicht mehr kommentieren. "Wir haben wichtige Spiele mit dem BVB, nur darauf will ich mich jetzt konzentrieren", sagte er nach dem Zweitrundensieg im DFB-Pokal beim FC St. Pauli.

Spiel im künftigen Wohnzimmer?

Es wird ja allerhand Kaffeesatzleserei betrieben in diesen Tagen. Und der Wahrheitsgehalt vieler Anekdoten ist nicht zu überprüfen.

So soll Reus in seinem Freundeskreis bereits signalisiert haben, dass er sich einen Wechsel nach München trotz der Verbundenheit zur Borussia und seiner Geburtsstadt Dortmund vorstellen könne.

2012, damals in Diensten von Borussia Mönchengladbach, entschied er sich noch gegen die Bayern und für den BVB.

Doch Reus, der verhinderte Weltmeister, möchte endlich einen Titel gewinnen. Das hat er mit dem BVB noch nicht geschafft.

Und sein Kumpel Götze spielt jetzt für die Roten.

Manche munkeln, Reus könne sich Samstag schon mal in seinem neuen sogenannten Wohnzimmer mit Namen Allianz Arena umschauen. Und sich von seinen früheren Mitspielern Götze und Lewandowski gleich ein Umzugsunternehmen empfehlen lassen.

Das Dortmunder Dilemma

Die Personalie Reus veranschaulicht jedenfalls das Dilemma, in dem der BVB steckt.

Ohne die erneute Qualifikation für die Champions League ist der nächste Aderlass wohl kaum aufzuhalten.

Ja, selbst wenn die Dortmunder es bis zum Winter ins Mittelfeld der Tabelle schaffen sollten, scheint eine Vertragsverlängerung mit Spielern wie Reus oder Ilkay Gündogan bei den dann sportlich ungewissen Aussichten kaum denkbar.

Schicksal selbst in der Hand

Das Spiel in München mag diesmal aufgrund der schwächelnden Dortmunder zwar kein Spitzenspiel sein. Für den BVB ist es deshalb aber von nicht minderer, ja vielmehr von existentieller Bedeutung.

Sollten die Dortmunder nicht schnell die Kurve bekommen, droht das fragile Gerüst der Mannschaft in sich zusammen zu stürzen.

Es sind die Spieler, um die halb Europa buhlt, die das Schicksal des Klubs - und damit ihr eigenes - selbst in der Hand haben.

Für die BVB-Stars ist das Spiel in München deshalb auch ein Charaktertest.

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