Mit Wehmut denkt man in diesen Tagen an die großen Züge der Zeitgeschichte zurück - besonders an Adolfo Valencia vom FC Bayern.

Flaubert hätte diese Tage genossen, so viel darf man annehmen.

"Ich langweile mich derart in der Eisenbahn", schrieb Frankreichs Meisterautor im Jahr 1864, "dass ich nach fünf Minuten vor Stumpfsinn zu heulen beginne. Die Mitreisenden denken, es handele sich um einen verlorenen Hund; durchaus nicht, es handelt sich um Herrn Flaubert, der da stöhnt."

In den heutigen Zeiten tun Zugreisende das bekanntlich nicht mehr, es stöhnen die anderen, die gerade keine Gelegenheit mehr haben, sich in der Bahn zu langweilen.

Es ist ein Ärgernis, nicht Zugfahren zu können, selbst für die, die es gar nicht tun wollen - eine logische Folge der eineinhalb Jahrhunderte nach Flaubert, in denen die Kulturgeschichte ein weit positiveres Bild des Schienenverkehrs gezeichnet hat.

Nachtzug nach Lissabon. Zwei Fremde im Zug. Mord im Orient-Express. Todeszug nach Yuma. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Die Olsenbande stellt die Weichen. Come on, Baby, do the Locomotion: Schier endlos ist die Liste literarischer, musikalischer und filmischer Errungenschaften, welche die Eisenbahn aufs Gleis gebracht hat.

Auch am Fußball ist diese Entwicklung nicht vorbeigefahren, mitten durch ihn rollte vor zwei Jahrzehnten ein Zug, der vielleicht sogar noch legendärer als all die anderen war - weil es nicht einfach irgendein Zug war, sondern der Zug. El Tren.

Nein, liebe junge Fans, es geht hier nicht um das Galopppferd von Thomas Müller, Claudio Pizarro oder Tim Borowski. Es geht um Adolfo Valencia, den großen kolumbianischen Stürmer, der vor 20 Jahren den FC Bayern München als Durchgangsstation nutzte - in dieser kurzen Zeit aber trotzdem zahllose Reisejournalisten inspiriert hat.

"Der Schnellzug Valencia entpuppt sich als Märklin-Modelleisenbahn, die selbst aus fünf Metern das leere Tor nicht trifft", hielt das Magazin "11 Freunde" einmal fest.

An anderer Stelle war die Rede von einem, "der in München als High-Speed-Lokomotive einfuhr, um die Stadt ein Jahr später als defekte Tram wieder zu verlassen."

Und überall verbreitet ist die Erzählung, Valencia habe mannschaftsintern den Spitznamen "Entlauber" gehabt, weil er beim Torschusstraining regelmäßig das Blattwerk der umliegenden Bäume in Mitleidenschaft gezogen haben soll.

Schnellzug, Modellzug, High-Speed-Lok, Straßenbahn, Blattentfernungssystem - bedauerlich, wie Adolfo Valencias Geschichte vielerorts zur Auflistung ihrer technischen Teile verkommen ist.

Wie immer, wenn wir von Zügen reden, schwingt schließlich mehr mit: der Gedanke an den übergeordneten Zug des Lebens - und die kleinen und großen Fragen, die bei der Fahrt damit verbunden sind.

Wo sind wir, wo sollen wir ein-, wo aussteigen? Wo ist unsere Endstation? Wo steht der Zug, der uns da hinbringen soll oder ist er gar längst abgefahren?

Wie kann es sein, dass unsere Züge auf einen Pünktlichkeitswert von 94,1 Prozent kommen, obwohl sie immer zu spät sind? Und wie hat El Tren es geschafft, jedesmal das Tor zu verfehlen und dabei trotzdem mit elf Treffern bester Schütze einer Meistermannschaft zu sein?

Erwarten Sie nicht, dass ich für Sie jetzt Antworten habe, dafür sind gerade die letztgenannten Fragen um einiges zu groß.

Höchstens einen kleinen Teil der Erklärung kann ich geben, wenn ich zum Schluss noch eine Sache festhalte: Gestreikt hat Adolfo Valencia, genannt El Tren, selbstverständlich niemals.

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