vergrößernverkleinern
Christoph Kramer traf aus 44,5 Metern ins eigene Tor

Aus Dortmund berichten Andreas Reiners und Felix Meininghaus

Das Timing war perfekt.

Als Christoph Kramer in der Mixed Zone seinen Fauxpas erklären sollte, flimmerte gerade das kuriose Eigentor des Gladbachers nochmal über die Bildschirme.

Kramer hielt kurz inne, lächelte und stellte dann vollkommen korrekt fest: "Das werde ich mir noch öfter ansehen müssen."

In der Tat: Sein Rückpass wird den Weg in die diversen Rückblicke auf das Fußball-Jahr finden.

44,5 Meter vor dem eigenen Tor bekam Kramer den Ball in den Fuß gespielt, mit dem Rücken zum Gegner. Ein durchaus übliches Bild im Aufbauspiel der Borussia.

Heber aus 44,5 Metern

Und wie so oft wollte der den Ball nur kurz abtropfen lassen. Routine also. Doch diesmal wurde aus dem Kurzpass ein Heber über Gladbachs Keeper Yann Sommer in das eigene Tor.

Ganz nebenbei entschied Kramer so zum einen das Borussen-Duell zwischen Dortmund und Mönchengladbach. Denn sein Treffer aus dem Kuriositätenkabinett war im wahrsten Sinne des Wortes das Tor des Tages.

Zum anderen war mit dem 0:1 auch die Gladbacher Rekordserie von 18 Pflichtspielen ohne Niederlage beendet (BERICHT: Kramers Blackout beendet BVB-Krise).

Doch wie erklärt man nun ein Eigentor? Und dann auch noch so eines? Und dann am besten noch plausibel?

Den Fuß zu weit unten

"Ich wollte ihn ein wenig klatschen lassen, dann titschte er aber ein bisschen und ich wollte ihn mit ein wenig Schnitt flach zurückspielen. Er ist dann aber nicht aufgetitscht, sondern kam flach und dann hatte ich den Fuß zu weit unten, so dass er dann hochgegangen ist", sagte der Weltmeister.

Nun ist Kramer keiner, der mit Floskeln versucht, um den heißen Brei zu reden. Der 23-Jährige spricht die Dinge offen an, ob nun positiv oder negativ. So auch in diesem Fall.

"Scheiße, Scheiße, große Scheiße"

Seine Gedanken, als der Ball den Fuß verließ? "Da dachte ich schon Scheiße. Dann habe ich gesehen, dass Yann zu weit draußen ist und dann dachte ich nochmal Scheiße. Und am Ende dachte ich irgendwann Große Scheiße."

Doch das Eigentor war im Grunde gar nicht das Problem. Denn die Borussia hatte im Kollektiv einen rabenschwarzen Tag erwischt.

Die Gladbacher Schaltstation um Kramer setzte sich durch zahlreiche Fehlpässe praktisch selbst schmachmatt, bekam so keinen Zugriff auf das Spiel und wurde vom Pressing des BVB beinahe erdrückt. 22:1 Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache. Auch wenn die Gladbacher sich letztlich selbst geschlagen haben. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

"Es war sehr schwer, den Ball zu halten. Wir brauchen mehr technisches Tempo. Wir müssen uns schneller bewegen und mit Schnelligkeit bewegen, wenn wir unter Druck sind", sagte Trainer Lucien Favre.

Viel Zuspruch

Auch Kramer stand bei seinem Eigentor unter Druck, wurde vom Gegner einmal mehr blitzschnell zugestellt. Und so irgendwo auch zu dem Fehler gezwungen.

Der Dortmunder Sebastian Kehl war schließlich der Erste, der Kramer umarmte. Von BVB-Trainer Jürgen Klopp gab es ein paar nette Worte, von seinen Mitspielern Trost und von Manager Max Eberl und Trainer Lucien Favre Zuspruch (

).

"Er wird seine Lehren daraus ziehen"

"Er wird seine Lehren daraus ziehen. Er hat ein fantastisches Jahr gehabt. Nun kommen die Rückschläge, die jeder einmal zu verkraften hat", sagte Eberl.

Favre nahm Kramer sogar in Schutz, erklärte die ungewohnt schlechte Leistung seines Leistungsträgers mit der hohen Belastung und Frequenz, die der 23-Jährige hinter sich hat: "Er war ein wenig müde."

Denn Kramer hat viel erlebt in den vergangenen 16 Monaten. Der Wechsel 2013 auf Leihbasis von Leverkusen nach Gladbach. Kramer wurde auf Anhieb Stammspieler, kam in seinem ersten Jahr in der Bundesliga auf 33 Partien.

Plötzlich Weltmeister

Im Sommer stand er dann plötzlich im WM-Kader. Und vier Wochen später war er genauso plötzlich Weltmeister.

Zwar mit nur 43 Minuten Einsatzzeit, doch 31 davon sind Fußball-Deutschland im Gegensatz zu Kramer selbst nachhaltig in Erinnerung geblieben: Der Zusammenprall mit Ezequiel Garay im Finale gegen Argentinien. Der leere Blick, als er ausgewechselt wurde. Und anschließend das Geständnis, sich an rein gar nichts mehr erinnern zu können. Und natürlich die vom Schiedsrichter selbst überlieferte Frage Kramers: "Ist das hier das WM-Finale? Ich muss das wissen."

Mit dem WM-Titel kam das Selbstvertrauen

All das und das oft unbeschwerte, offene und geradlinige Auftreten in der Öffentlichkeit sorgten dafür, dass Kramer in den vergangenen Monaten oft im Mittelpunkt stand.

Denn mit dem Titel kam auch das Selbstvertrauen. Sowohl auf dem Platz (Favre: "Er spricht viel mehr"), wo er endgültig zum Leistungsträger, zum wichtigen Puzzleteil und zur Achse im System des Schweizers reifte.

Aber auch abseits des Rasens. Kramer breitete sein bisheriges Fußballer-Leben bereitwillig aus, gab ein Interview nach dem anderen. Oft witzig, gerne mit Anekdoten, aber immer auch ehrlich. Doch er verzettelte sich auch hin und wieder.

Sprach angesichts seines Leihgeschäfts von modernem Menschenhandel. Doch unter dem Strich sprach da ein Jungstar, der so gar nicht dem Profil des glattgebügelten Profis entspricht.

Freimütige Selbstkritik

Und deshalb verwundert es auch nicht, dass er nach dem inzwischen schon wieder 14. Pflichtspiel in dieser Saison, seiner wohl schlechtesten Partie für die Borussia bisher und einem neuen, kuriosen Kapitel in seiner Karriere, freimütig Selbstkritik übte.

"Das Eigentor ist nicht weltbewegend. Weltbewegend ist, dass ich echt scheiße gespielt habe, das darf nicht passieren. So viele Fehlpässe wie in der ersten Halbzeit habe ich in meinen Leben noch nicht gespielt", sagte Kramer und fügte fast schon trotzig hinzu: "Dann ist das aber auch abgehakt. Ich halte mich nicht lange damit auf."

Trotzdem: Im Gegensatz zum WM-Finale wird sich Kramer an den Dortmunder Blackout wohl noch lange erinnern.

SHOP: Jetzt Fanartikel aus der Bundesliga kaufen

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel