München und Stuttgart - Trainer Armin Veh tritt beim VfB Stuttgart zurück und hadert mit dem Schicksal. Berti Vogts ist Favorit auf die Nachfolge.

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Von Julian Ignatowitsch und Thorsten Siegmund

Am Sonntag hatte Armin Veh sich noch nichts anmerken lassen.

Enttäuscht war er nach der 0:1-Niederlage des VfB Stuttgart gegen den Augsburg, beklagte das fehlende Glück.

Von Rücktrittsgedanken keine Spur - nur das ehrliche Bekenntnis, dass er nach Pflichtspielen seines Teams ohnehin nie schlafen könne.

Zu diesem Zeitpunkt wusste Veh schon, was er tun würde, er wartet nicht mal mehr die (schlaflose) Nacht ab. Noch am gleichen Abend informierte Veh erst die Verantwortlichen, dann die Mannschaft darüber, dass er als Trainer des VfB Stuttgart zurücktreten werde.

Das kam für alle Beteiligten sehr überraschend.

Bis auf Weiteres übernehmen die bisherigen Veh-Assistenten Armin Reutershahn und Reiner Geyer die sportliche Leitung. Als langfristige Lösungen kommen beide aber kaum in Betracht. Viele offene Fragen bleiben.

Einige Fragezeichen bleiben

"Die Mannschaft ist besser als der Tabellenplatz, neun Punkte aus zwölf Spielen sind einfach zu wenig. Dafür bin ich sportlich verantwortlich. Ich bin von der Richtigkeit dieses Schritts überzeugt", sagte Veh auf einer Pressekonferenz am Montag.

Er zieht die Konsequenzen aus dem schlechten sportlichen Start. Dass der Trainer persönlich Rede und Antwort stand, zeugt von Charakter und davon, dass ihm die Entscheidung sicher nicht leicht gefallen ist.

Manche Ausführungen waren aber nicht so schlüssig: "Uns hat in den entscheidenden Momenten das Glück gefehlt. Das gehört im Leben dazu. Ich projiziere das auch auf mich. Ich war in diesen Situationen ja der sportlich Verantwortliche."

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Veh als Opfer des Schicksals also? Geplagt vom ausbleibenden Glück? Nur Ratlosigkeit? Diese Sätze lassen zumindest den Verdacht zu, dass auch noch andere Dinge ausschlaggebend gewesen sein könnten.

Wahler wirkt ratlos

Jene Dinge, die eben gerade nicht angesprochen wurden. Auch die Strukturen, das Personal im Vorstand und die Vereinsführung könnten eine Rolle gespielt haben.

Zumindest hat Veh in Stuttgart von Beginn an eine ganz andere Situation vorgefunden, als er sie vom Meisterjahr 2007 her kannte. Ob ihm bei seinem Wechsel zu 100 Prozent klar war, worauf er sich einlässt, sei dahingestellt.

Während Veh abgeklärt und selbstbewusst wirkte, und auf der Pressekonferenz fast noch zur Stuttgarter Schicksalsgemeinschaft zugehörig schien, machte Präsident Bernd Wahler einen weniger souveränen, beinahe ratlosen bis überforderten Eindruck.

Berti Vogts als Wunschkandidat

Zur Frage der Nachfolge wollte er sich inhaltlich nicht äußern, reagierte ausweichend und auf explizite Nachfragen mit allgemeinen Floskeln, wie: "Wir werden das mit der nötigen Sorgfalt angehen. Wir sind natürlich dran, so schnell wie möglich die Nachfolge zu regeln. Das ist eine ganz schwierige Situation für den VfB."

Und etwas konkreter: "Es wurden bereits Telefonate mit möglichen Kandidaten geführt. Es kann sogar sein, dass bereits am Freitag ein neuer Trainer präsentiert wird."

Nach SPORT1-Informationen ist Berti Vogts der Wunschkandidat der Stuttgarter.

Wahler sucht Erfahrung

Vogts arbeitete bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien als Berater von US-Trainer Jürgen Klinsmann, der von 1984 bis 1989 selbst als Stürmer beim VfB Stuttgart spielte.

Wahler wollte das nicht dementieren, beschrieb den Gesuchten als "jemanden, der Erfahrung hat in solchen Situationen und der das Spiel, das sich deutlich verbessert hat, vorantreibt."

Zuletzt war Vogts von 2008 bis 2014 als Nationaltrainer von Aserbaidschan tätig und erst vor wenigen Wochen zurückgetreten. In der Bundesliga hatte er in der Saison 2000/01 für sieben Monate Bayer Leverkusen trainiert.

Sein Assistent würde Olaf Janßen werden, der bis 2013 als Co-Trainer unter Vogts arbeitete und zuletzt Dynamo Dresden in der Saison 2013/14 hauptverantwortlich betreute.

Keller und Fink bisher nicht angefragt

Neben Vogts werden auch Huub Stevens, Felix Magath, Mirko Slomka, Jens Keller oder Thorsten Fink als mögliche Nachfolger gehandelt. Auf Nachfrage von SPORT1 erklärten aber sowohl der Ex-Stuttgarter Keller als auch Fink, dass es bisher keinen Kontakt mit den Stuttgarter Verantwortlichen gegeben habe.

Fest steht, dass der VfB schnellstmöglich eine dauerhafte und vor allem erfolgreiche Lösung braucht. Als Tabellenletzter sind die Schwaben mit neun Punkten aus zwölf Spielen katastrophal gestartet.

Bereits in den vergangenen zwei Jahren blieb man weit hinter den eigenen Ansprüchen zurück.

"Das Problem des VfB ist, dass er in der strategischen Ausrichtung keine Vereinsphilosophie entwickelt und sich oft von Trainern treiben lässt, die ihre Spielphilosophie mitbringen", meint SPORT1-Experte und Ex-VfB-Profi Thomas Berthold dazu: "Es wird schwierig, wenn ich immer neue Leute habe, die ihre Ideen mitbringen. Das bringt auf Dauer nichts."

Die Lage ist ernst

Insofern wird ein neuer Trainer alleine nicht alle Probleme lösen können.

Es ist Ernst. Das machte am Sonntag schon Veh klar, als noch niemand von seinem Rücktritt wusste. Außer ihm.

Ein paar letzte warnende Worte, bevor der Kapitän das Schiff verlässt. Ein sinkendes Schiff? Der neue Mann muss schnell gegensteuern und die Bruchstellen schließen.

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