Frankfurt am Main - DFL-Geschäftsführer Seifert spricht bei SPORT1 über die Rolle der Bundesliga in Europa, Traditionsklubs und Dortmunds Krise.

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Von Martin Quast

Christian Seifert kann auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken.

Wie schon 2013 mit dem deutschen Champions-League-Finale war auch 2014 mit dem vierten Weltmeistertitel historisch für die Bundesliga und den deutschen Fußball insgesamt.

Für SPORT1 zieht der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga und Vizepräsident des Deutschen Fußball Bundes im exklusiven Interview in der Frankfurter DFL-Zentrale ausführlich Bilanz (Das Interview in Bundesliga aktuell ab 18.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1).

Darin spricht der 45-Jährige über die Rolle der Bundesliga in Europa, die Sorge um die Traditionsklubs und die Krise von Borussia Dortmund. Nur zu seiner WM-Boykottforderung gegen Katar wollte er nicht noch einmal Stellung beziehen (News).

Christian Seifert über...

das deutsche Abschneiden in der Champions League:

"Ein Titelgewinn in der Champions League ist immer etwas Großartiges. Ein überzeugender Auftritt mit begeisternden Spielen, der dann meinetwegen im Halbfinale endet, ist für die Liga auch schon klasse. Allein die Tatsache, dass die Bundesliga Jahr für Jahr beweist, dass sie mithalten kann, obwohl sie wirtschaftlich vernünftig handelt und obwohl sie einen relativ hohen Anteil deutscher Spieler aus deutschen Leistungszentren haben ? oder gerade deshalb- ist der beste Leistungsbeweis der Liga."

eine zukünftige Dominanz der Bundesliga in Europa:

"Das ist ehrlich gesagt keine Frage, die mich wirklich beschäftigt. Europa zu dominieren, wird ja oftmals daran festgemacht, wer wie oft die Champions League gewonnen hat. Das ist aber nur ein Titel und den gewinnt auch nur eine Mannschaft. Den kann auch eine Mannschaft aus einer Liga gewinnen, die vielleicht strukturell ganz anders aufgestellt ist als die Bundesliga. Die UEFA-Fünf-Jahres-Wertung ist da schon eher ein Maßstab für die echte Stärke einer Liga im europäischen Kontext. Denn dort fließt nun mal das Abschneiden aller Klubs ein, die europäisch spielen, und das sind in der Bundesliga eben in dieser Saison sechs Klubs. Um ein Haar wären es sogar sieben gewesen. Also fast die Hälfte der Bundesliga spielt europäisch. Insofern ist ein Abschneiden in der Fünf-Jahres-Wertung schon eher ein Maßstab dafür, wie sich eine Liga tatsächlich im europäischen Kontext darstellt. Und da steht die Liga tatsächlich gut da. Sie gehört zu den besten drei in Europa. Entscheidend ist, und das wird manchmal immer gerne außer Acht gelassen, nicht so sehr der Abstand zu Platz zwei in der Fünf-Jahres Wertung, sondern der Abstand zu Platz 4."

die beiden Fußball-Jahre 2013 und 2014:

"Ich glaube, für den deutschen Fußball waren die letzten zwei Jahre herausragend. 2013 mit einem deutsch-deutschen Champions League-Finale, wo die Engländer auch noch so freundlich waren, den Gastgeber zu spielen. Und 2014 mit dem Weltmeistertitel. Insgesamt war das die beste Vorlage und die beste Plattform, die man sich als Fußballnation wünschen kann."

die Wirkung des WM-Titels auf die Bundesliga:

"Zumindest mal ist der deutsche Fußball sehr stark in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Das freut uns natürlich sehr. Die Bundesliga profitiert davon insofern, dass zum Glück 14 der 23 Spieler, die in Rio im Kader waren, nach wie vor in der Bundesliga spielen. Kurzfristig kann ein solcher WM Titel der Bundesliga relativ wenig bringen, weil wir einfach längerfristige Fernsehverträge haben, auch im Ausland. Mittelfristig betrachtet ist die Kombination insbesondere aus einem Champions?League-Finale 2013 und einem hohen Anteil deutscher Spieler und der WM 2014 mit ebenfalls einen hohen Anteil deutscher Spieler, die auch in der Bundesliga sind, sicherlich einen sehr gutes Argument für uns, um im Ausland das Interesse an der Bundesliga zu steigern."

den Wert der Bundesliga:

"Was wir sagen können ist, dass die Bundesliga sicherlich auf mehr Resonanz stößt als zuvor, sowohl im Inland als auch im Ausland. Wenn wir die reine Wertigkeit unser Medienverträge als Gradmesser betrachten, dann stimmt das: Die Wertigkeit, die wir heute in den Medienverträgen haben, sowohl national als auch international ist höher denn je, und sie wird in den nächsten Jahren noch steigen. Insofern ist die Bundesliga aktuell wertvoller denn je. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass sie noch wertvoller werden wird."

die Krise von Borussia Dortmund:

"Ich glaube darüber wundern sich sehr viele. Ich glaube, dass Borussia Dortmund in den letzten Jahren sowohl in Deutschland als auch in Europa sehr viele Sympathien erspielt hat. Für Borussia Dortmund, für die Bundesliga, für den deutschen Fußball insgesamt, wünsche ich mir natürlich, dass der Klub, der doch sehr viel in den letzten Jahren für die Bundesliga getan hat, möglichst schnell wieder die Leistung bringt, die er von sich auch selbst erwartet."

die vermeintlich fehlende Spannung in der Bundesliga:

"Die Diskussion wird jetzt seit zwei Jahren geführt. Ich persönlich finde sie nie so richtig logisch. Denn ich glaube, dass die Meisterschaft natürlich die mit Abstand wichtigste sportliche Entscheidung ist. Es ist aber eben nur eine von ganz vielen sportlichen Entscheidungen. Wir haben das gerade in der letzten Saison gesehen. Ich habe gefühlt von den neun Monaten Saisonverlauf acht Monate darüber gesprochen, warum die Bundesliga so langweilig ist und am Ende stand der höchste Zuschauerschnitt in 52 Jahren Bundesliga und alle relevanten Fernsehformate haben Marktanteile hinzugewonnen. Es ist in der Tat so, dass nahezu jeder jeden schlagen kann. Zurzeit scheint es ein bisschen schwieriger zu sein, die Bayern zu schlagen. Das wird sich irgendwann vielleicht auch wieder ändern. Aber was wir sehen ist, dass die Bundesliga auch im internationalen Vergleich tatsächlich am unberechenbarsten ist. Es scheint einfach so, dass sich in Europa gewisse Top-Klubs immer weiter absetzen und wir werden in Deutschland uns damit zu beschäftigen haben, wie wir das einerseits hinbekommen, solche Top Klubs zu haben, die dann auch die Champions League gewinnen können - was wir uns ja als Fans des deutschen Fußballs auch alle wünschen. Und auf der anderen Seite möglichst abwechslungsreiche Spiele in der Meisterschaft erleben."

die Sorge um die Traditionsklubs:

"Die Bundesliga ist eine Institution die seit 50 Jahren ein Stückchen Halt und Orientierung gibt. Viele Klubs bedeuten den Menschen in den Städten und Regionen, in denen sie leben, sehr, sehr viel. Deshalb kann ich die Sorge nachvollziehen, dass es in dieser Bundesliga zu großen und erdrutschartigen Veränderungen kommt. Man darf da aber nicht Ursache mit Wirkung verwechseln. Es gibt durchaus Traditionsklubs, die sich in den letzten Jahren hervorragend entwickelt haben. Deshalb ist das meines Erachtens keine Diskussion um Traditionsklubs, sondern es ist die Diskussion um Klubs, die ihre Ziele verfehlen."

die Auslandsvermarktung der Bundesliga:

"Wir müssen als Liga schon aufpassen, dass wir an der Stelle nicht den Anschluss verlieren. Natürlich steht der Sport in der Bundesliga im Vordergrund. Wenn sie keinen Erfolg haben, ist es auch sehr schwierig, sich nach außen zu präsentieren. Man muss aber nicht unbedingt die Champions League gewinnen, um sich im Ausland zu präsentieren. In diesem Sommer gab es in den USA etwas über 30 Spiele von ausländischen Mannschaften. Davon waren 23 Spiele von englischen Mannschaften von zehn verschiedenen Klubs. Und wenn Crystal Palace und Swansea der Meinung sind, in den USA spielen zu können, weil es dort eine gewisse Fanbasis gibt, mit der man kommunizieren sollte, dann fallen mir eine Menge deutscher Klubs ein, die mindestens genauso attraktiv sind. Insofern ist das nicht nur der Belle Etage des deutschen Fußballs vorbehalten."

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