Huub Stevens soll den VfB Stuttgart vor dem Absturz retten - wieder einmal. Doch die Krisensymptome wuchern wie ein Krebs.

Von Patrick Mayer

München/Stuttgart - 2000 Tonnen Beton, 320 Tonnen Stahl, 30 Kilometer Kabel.

Der VfB Stuttgart baut an seiner Zukunft. Unter der Woche weihten die Schwaben ihr neues Nachwuchsleistungszentrum ein.

Das steht auf dem Vereinsgelände direkt zwischen Mercedes-Benz-Arena und der Werkszentrale des Automobilriesen sowie Hauptgeldgebers. Es ist wie ein Dreiklang, der für die Zukunft steht. Eigentlich.

Denn was, wenn diese in der zweiten Liga liegt? Das Horrorszenario Abstieg ist nahe. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Ausgerechnet im prestigeträchtigen Baden-Württemberg-Derby beim seit vier Pflichtspielen ungeschlagenen SC Freiburg (ab 20 Uhr LIVE bei SPORT1.fm u. im TICKER) will der Tabellenletzte die Wende erzwingen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Doch die Krisensymptome sitzen tief - trotz Huub Stevens.

Stevens will den Spaß zurückbringen

Alle Hoffnung liegt auf dem alten, neuen Cheftrainer.

Es gibt nichts und niemanden anders, woran sich das Umfeld in dieser Lage noch klammern könnte. "Wir versuchen mit Einzelgesprächen an die Spieler heranzukommen und ihnen im Training Spaß zu vermitteln", sagte der Niederländer vor der Abreise in den Breisgau.

Spaß, den verstehen die Fans des Traditionsklub seit mittlerweile eineinhalb Jahren keinen mehr.

Damals, im Mai 2013, hatte der VfB dank einer beherzten Schlussphase den großen FC Bayern im Berliner Olympiastadion im Pokalfinale am Rande einer Niederlage.

Doch seither ist der Klub in die größte hausgemachte Krise der jüngeren Vereinsgeschichte abgeglitten. "Wir zahlen den Preis dafür, wie die letzten Jahre gearbeitet wurde. Das gilt es zu korrigieren", sagte Vereinschef Bernd Wahler nach dem Rücktritt von Hoffnungsträger Armin Veh.

Drei Trainer in 15 Monaten

Stuttgart verschliss in den vergangenen 15 Monaten drei Trainer. Zuerst Bruno Labbadia, der, nimmt man die aktuelle Situation zum Vergleich, erfolgreich gearbeitet hatte und noch weit vor seiner Entlassung eindringlich auf vorhersehbare Probleme hinwies.

Dann Thomas Schneider. Der 42-Jährige galt als Mann der Zukunft, aus dem VfB, für den VfB. Doch Anfang März hatte auch er die Kündigung auf dem Tisch liegen.

Schließlich sollte es Veh richten. Jener Trainer also, der noch 2007 auf dem Schlossplatz in der von 250.000 Fans durchdrängten Innenstadt die Schale in den Himmel regte.

Fragwürdiges Krisenmanagement

In der Nacht auf Sonntag gab er auf. "Das Problem lässt sich nicht dadurch beheben, einen Trainer auszutauschen. Das Problem liegt im Klub, da gibt es viele Baustellen. Man kann nicht nur sagen, dass das nur mangelndes Glück ist. Dazu liegt der Verein schon viel zu lange in den Tabellenregionen", meinte Thomas Hitzlsperger bei "Kabel 1".

Der frühere Nationalspieler war Teil der Meistermannschaft, führte die Truppe mit dem roten Brustring einst als Kapitän auf den Platz.

Seine Einschätzung teilt er mit vielen Stuttgartern. Präsident Wahler ist bei Teilen der Fans in Ungnade gefallen.

Das fragwürdige Krisenmanagement vermag selbst die Verpflichtung von Stevens nicht zu verdecken. Schneider wurde erst entlassen, als er sich längst verausgabt hatte. Bobic musste gehen, als die Fans Sturm liefen. Veh trat zurück, als es eigentlich eines Signals bedurfte.

Lähmendes Vakuum

Selbst Stevens markige Worte können in dieser Gemengelage keinen Stimmungswechsel herbeiführen. Stuttgart braucht vielmehr neues Personal, um einer bis ins Mark verunsicherten Mannschaft neuen Auftrieb zu verleihen.

Doch für Neuverpflichtungen sei eigentlich kein Geld da, heißt es. Und überhaupt, wer soll diese holen?

Der Posten des Sportchefs ist vakant seit Bobic im September den Wasen verließ. Man nehme sich die Zeit, um nach einer geeigneten Lösung zu suchen, meinte Wahler damals.

Doch, wenn der VfB irgendetwas nicht hat, ist es Zeit. Viele Namen wurden kolportiert. Der des früheren Nationaltorwarts Jens Lehmann zum Beispiel. Gespräche gab es aber nach SPORT1-Informationen mit dem 45-Jährigen keine.

Frühere Stars bleiben in Deckung

Die "Stuttgarter Zeitung" berichtete jüngst, dass der Niederländer Henk Veldmate ins Blickfeld des VfB gerrückt sei. Der entdeckte einst die Superstars Arjen Robben vom FC Bayern und Luis Suarez vom FC Barcelona.

"Es gab keinen Kontakt mit dem VfB Stuttgart", sagte der 57-jährige Chefscout des FC Groningen aber auf SPORT1-Nachfrage, "nicht direkt und auch nicht indirekt über einen Mittelsmann." (News)

Sportdirektor Jochen Schneider wird derweil nicht befördert, obwohl dieser bereits im September bei SPORT1 erklärt hatte, dass er bereit stünde.

Der Verein hat doch viele einst verdiente Spieler in seinen Reihen, warum übernehmen die nicht mehr Verantwortung, fragte SPORT1-Experte Olaf Thon in der Telekom Spieltagsanalyse und nannte die Namen Guido Buchwald sowie Hansi Müller.

Es wirkt, als wolle sich niemand die Finger verbrennen. Außer Stevens.

Doch oft kann selbst in der Medizin ein begabter Arzt Symptome nicht mehr heilen, sondern nur noch eindämmen.

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